Was löste die neuesten Kämpfe in Syrien aus? 

Die Folgen von Angriffen der HTS in Aleppo (Foto: X/RojavaNetwork)

Schwere Gefechte brachen letzte Woche in Syrien zwischen dem neuen Regime und den Einheiten der von Kurden geführten Syrian Democratic Forces (SDF) im Nordosten Syriens aus. Die Kämpfe konzentrierten sich auf die nördliche Großstadt Aleppo. In der Folge flohen 200.000 Menschen. Am Sonntag zogen sich die Einheiten der SDF im Rahmen einer Waffenstillstandsvereinbarung zurück.

Auch nach dem Ende des Bürgerkrieges und dem Fall des Diktators Bashar al-Assad im Dezember 2024 bleibt Syrien gespalten. Ahmed al-Sharaa, dessen Miliz HTS (Organisation zur Befreiung Syriens) das alte Regime gestürzt hat, kontrolliert den größten Teil des Landes. Er hat versucht, den von der SDF regierten Nordosten und die von Drusen kontrollierte Region Suweida im Süden wieder in den Staat einzugliedern.

Das neue Regime setzt auf eine »Teile und herrsche«-Strategie und heizt die religiöse Spaltung an, auch gegenüber der alawitischen Minderheit an der Nordwestküste. Das tut es unter dem Vorwand, dass die Familie des gestürzten Diktators Baschar al-Assad und viele in seinem Machtapparat Alawiten gewesen seien. Die Gefechte brachen aus, nachdem die Verhandlungen für den Nordosten scheiterten.

Das Interview wurde vor der erneuten HTS Angriffswelle vom 17.Jänner durchgeführt. 

Was hat die Kämpfe ausgelöst?

Es gibt zwei wesentliche Gründe für die Zusammenstöße in Aleppo. Erstens ist es die zweitgrößte Stadt in Syrien – und wirtschaftlich die bedeutendste und zweitens wollte die HTS die volle Kontrolle über Aleppo, die sie derzeit nicht hat. Wichtig ist dabei, dass die türkische Regierung die Stadt als einen wichtigen Teil ihrer Einflusssphäre sieht, die sie nach Syrien ausdehnt.

Dieser spezielle Angriff jetzt ist die Folge eines Treffens von Vertretern Israels, der HTS und der USA in Paris Anfang des Jahres. Sie unterzeichneten ein »gemeinsames Verfahren« zum Austausch von Sicherheits- und diplomatischen Informationen untereinander. Das war nicht nur ein erhebliches Zugeständnis der HTS, es gab auch den Imperialisten Zuversicht.

Warum stößt das neue Regime auf so viel Widerstand?

Al-Scharaa wendet sich an in Syrien handelnde imperialistische Mächte, um die Kontrolle zu erhalten. Es gibt drei wesentliche imperialistische Mächte, die in Syrien aktiv sind: Die Türkei, die die HTS unterstützt, und die USA und Israel, die in der Region ihren Einfluss ausbauen wollen.

Die HTS ist bereit zu allen möglichen Zugeständnissen an diese Staaten, einfach um an der Macht zu bleiben. Zum Beispiel hat die israelische Armee ihre Präsenz auf den Golanhöhen verstärkt, die Israel seit 1967 besetzt hält. Das syrische Außenministerium hat nun zum ersten Mal eine Karte des Landes ohne die Golanhöhen veröffentlicht.

Gleichzeitig macht al-Scharaa absolut keine Zugeständnisse an die Bevölkerung. Letztes Jahr im März bekämpften sie die alawitische Minderheit. Im Sommer dann bekämpften sie die Drusen in Suweida. Sie haben tödliche Angriffe auf christliche Kirchen in der Hauptstadt Damaskus durchgeführt.

Dazu kommen die sozialen und politischen Aspekte – die HTS hat nichts unternommen, um den Lebensstandard des syrischen Volkes zu verbessern. Deshalb gibt es eine große Gruppe von Menschen, die gegen die HTS sind. Aus sozialen, politischen, ethnischen und religiösen Gründen.

Der US-Imperialismus hatte früher die SDF gegen Assads Regime unterstützt. Jetzt unterhält er Beziehungen mit al-Scharaa – was ist seine Rolle heute?

Für die US-Politik ist es ein Spiel, mit dem sie ihren Einfluss in Syrien mit so wenig Aufwand wie nötig stärken wollen. Im Moment ist es ihr Interesse, die Türkei möglichst außen vor zu halten.

Die USA haben keine weitere Verwendung für die SDF, die sie in der Vergangenheit zu verschiedenen Zeitpunkten gegen Assad unterstützt haben. Im Gegenteil, sie zwangen die SDF letztes Jahr, das Abkommen im März zu unterzeichnen, das die autonomen Gebiete zurück in den syrischen Staat überführen sollte.

Erneut haben die USA bewiesen, kein verlässlicher Verbündeter des kurdischen Volkes zu sein.

Gibt es noch Altlasten von Baschar al-Assads Regime?

Die Mehrheit der Alawiten ist gegen Assad und es gibt interessante Entwicklungen unter ihnen. Sie versuchen, eigene soziale und politische Organisationsformen von unten aufzubauen. Und das Interessante daran ist, dass sowohl das Gefühl »keine Zusammenarbeit mit der HTS« als auch die Ablehnung Assads und seines Erbes weit verbreitet sind.

Das eröffnet die Möglichkeit einer Veränderung von unten.

Was ist das Potenzial für Veränderung in Syrien?

Ich erwähnte ja, dass es einen riesigen Block gegen die HTS gibt, aus unterschiedlichsten Gründen – aber diese Masse ist nicht in einer gemeinsamen Kraft gegen die herrschende Macht organisiert. Unsere Herausforderung besteht darin, all diese Teile im Kampf gegen das neue Regime zu vereinigen.

Wir brauchen eine politische Plattform, die Alawiten, Drusen, Kurden, landlose Bauern, Gewerkschaften, LGBT+-Menschen und so weiter vereint. Das wird sehr schwierig, aber die Möglichkeit besteht. So können wir uns für alle Unterdrückten einsetzen – das, denke ich, muss der Dreh- und Angelpunkt unserer Aktivitäten sein.


Dieser Artikel erschien am 14. Januar 2026 in Socialist Worker