Michel Jean erzählt am Beispiel seiner Urgroßmutter das Schicksal der indigenen Bevölkerung Kanadas, welche von Staat und Kirche systematisch unterdrückt wurde, mit dem Ziel, sie gänzlich zu vernichten.
In Québec, einer Provinz im Osten Kanadas, gehört Michel Jean zu den bekanntesten Schriftsteller*innen der sogenannten First Nations, also der indigenen Bevölkerung Kanadas. Und auch weltweit erreicht er eine immer größer werdende Leserschaft und bringt ihr seine Geschichte und Perspektive näher. Sein Roman Kukum erschien 2021 in deutscher Übersetzung (das französische Original 2019) und ist eine tolle Einstiegslektüre in dieses Thema!
Kukum bedeutet in der Sprache der Innu, zu denen seine Familie gehört, sowohl Großmutter als auch Urgroßmutter. Und um die geht es im Roman. Jean erzählt die Lebensgeschichte seiner Urgroßmutter Almanda, eine Waise wahrscheinlich irischer Herkunft, die durch die Heirat mit dem Innu Thomas selbst zur Innu wurde und sich ganz deren Lebensweise angepasst hat. Die ersten paar Seiten beschwören ein romantisierendes Bild eines Lebens im Einklang mit der Natur herauf, ohne die Schwierigkeiten und Herausforderungen eines solchen Lebens zu verschweigen. Aber immer wieder sind schattenwerfende Vorahnungen eingestreut, die die sich lange anbahnende und somit unausweichliche Katastrophe ankündigen. Die Katastrophe trifft in Gestalt großer Holzindustrieunternehmen ein.
Das Jahr der Innu ist ein Kreislauf. Die Sommermonate verbringen (verbrachten) mehrere Familien – Clans – zusammen am Ufer des Lac Saint Jean, oder in ihrer Sprache, Innu-aimun, am Ufer des Pekuakami, einem riesigen See im südlichen Teil von Québec. Mashteuiatsh heißt der Ort, der heute zu einem winzigen Reservat zusammengeschrumpft ist.
Wenn der Herbst sich ankündigte, brachen die Clans in ihre Jagdgebiete auf, wo sie den Winter verbringen würden. Eine wochenlange Wanderung, zu Fuß und auf Kanus. Bis eines Herbsts der Fluss von treibenden Baumstämmen versperrt war, die der Wald zu Hunderttausenden in ihn erbrochen hatte, und bärbeißige Holzfäller den Weg versperrten. Alles legal natürlich und nach Vorschrift. Von da an mussten die Innus in Mashteuiatsh bleiben.
Jean beschreibt die Rücksichtslosigkeit, mit der man das Land und seine Bewohner_innen zerstörte, in nüchternen, aber dafür umso niederschmetternderen Worten.
Während die Industrie den Lebensraum der Innu zerstörte, machten sich Regierung und Kirche (v.a. die katholische) daran, ihre Kultur und Lebensweise zu vernichten. Die indigenen Kinder wurden ihren Familien entrissen und in Internate, hunderte Kilometer von ihren Familien entfernt, gebracht. Dort durften sie ihre eigene Sprache nicht mehr sprechen und sollten zu Christen erzogen werden – „killing the Indian in the Child“ nannte man das. Sie wurden körperlich und seelisch misshandelt, sexuell missbraucht, bis zum Tod gefoltert. Unzählige Kinder kamen nie nach Hause zurück, wurden nie wieder gesehen, bis man ihre kleinen Leichen Jahrzehnte später in irgendeinem Massengrab wiedergefunden hat.
Über die sogenannten „Residential Schools“ hat unter anderem die kanadische Journalistin und Angehörige der Anishinaabe mehrere Bücher veröffentlicht. Darin zeigt sie die unglaubliche Grausamkeit der systematischen, bis ins kleinste Detail gesetzlich untermauerten und geregelten Vernichtung der indigenen Bevölkerung im heutigen Kanada.
Bis heute kämpfen sie um die Anerkennung des Leids, das ihnen angetan wurde und um Wiedergutmachung. Bücher wie Kukum sind daher so wichtig, damit wir davon erfahren und nie wieder vergessen.
