Ten years that shook the worldstellt den gelungenen Versuch dar, die oftmals missinterpretierte Geschichte der russischen Revolution von 1917 wieder gerade zu rücken. In insgesamt neun Beiträgen verschiedener großartiger marxistischer Autor*innen zeichnet der Sammelband das Bild eines goldenen Zeitalters nach, in dem die Massen auf dieser Erde ihrer Befreiung so nah gestanden sind wie noch nie zuvor.
Chanie Rosenberg, geboren in Südafrika, später Künstlerin, Lehrerin, sowie Gründungsmitglied der Socialist Workers Party in Großbritannien, widmete sich bis zu ihrem Tod im Jahr 2021 ihr gesamtes Leben lang dem Projekt einer sozialistischen Weltrevolution. Das Buch Ten Years That Shook the World baut auf ihrem Vermächtnis auf, indem es die Winden und Wenden eines goldenen Zeitalters nachzeichnet, welches das reale Potential beherbergte, zu einer Revolution im globalen Ausmaß heranzuwachsen: die Russische Revolution von Oktober 1917.
Die Autor*innen beginnen ihre Erzählung damit, mit dominanten, und in ihren Augen völlig verdrehten Narrativen über die Oktoberrevolution aufzuräumen. Im Westen werde sie oftmals leichtfertig als ein undemokratischer Staatsstreich der Bolschewiken abgetan, dessen unausweichliche Folge gezwungenermaßen in der Etablierung einer brutalen kommunistischen Diktatur unter Joseph Stalin münden musste. Es werde eine Kausalkette gezogen, die vom Sturm auf den Winterpalast ohne Umwege, quasi schicksalshaft, direkt in Stalins Gulags führt.
Doch solche Erzählungen tragen den Autor*innen zufolge zur Auslöschung derjenigen revolutionären Subjekte bei, die 1917 tatsächlich an den Hebeln der Geschichte gesessen sind. Nicht allein die tosenden Rede Lenins, oder Trotskis Agitationen im Zirkus Modern, seien es gewesen, die zuerst dem Zarenreich und anschließend der provisorischen bürgerlichen Regierung unter Georgi Lwow den Garaus zu machen vermochten. Vielmehr waren es die Arbeiter*innen in den Fabriken Petrograds, die Bauernschaft in den Weiten des ruralen Russlands, und die Soldat*innen, die es satt hatten, sich vor der Obrigkeit zu bücken und im sinnlosen Ersten Weltkrieg als Kanonenfutter ihr Leben zu lassen. Dave Sherry verleiht in seinem Beitrag zum Sammelband einem dieser Soldat*innen eine Stimme:
„A soldier was speaking: ‚Comrades’, he cried, ‘the people at the top are calling on us to sacrifice more, while those who have everything are unmolested. We are at war with Germany. Would you invite German generals to serve on our Staff? Well, we’re at war with the capitalists, and yet we invite them into the government.”
Die Massen waren es, die in den Fabriken ihre Arbeit niederlegten, die Gefängniszäune niederrissen, die Festungen in Brand steckten, und im ganzen Land Arbeiter*innen- und Soldat*inneräte ins Leben riefen. Und die Massen waren es, die sich am 25. Oktober 1917 zum zweiten Allrussischen Sowjetkongress zusammenschlossen, der wahrscheinlich demokratischsten Volksversammlung der Geschichte der Menschheit.
Der Charme des vorliegenden Buches liegt nun, ganz im Gegenteil zu herkömmlichen historischen Sachbüchern für linke Politik-Nerds, neben der inhaltlich enorm dichten und eindrucksvollen Beschreibung des alltäglichen politischen Kampfes der revolutionären Massen in Russland, vor allem in der wahnsinnig lebensnahen und beinahe romantischen Erzählung der Euphorie, die zum damaligen Zeitpunkt geherrscht haben muss. Judy Cox gibt uns über ein Zitat des Dichters Wladimir Majakowski einen gefühlsvollen Einblick in die Aufbruchsstimmung, die im Frühling 1917 bereits voll im Gange war:
„Today the millenium of ‚beforetimes’ is broken and we will remake life anew – right down the last button of your vest.”
Als Revolutionäre sollte uns Ten Years That Shook the World erneut in Gedanken rufen, dass die Welt schon einmal kurz davorgestanden ist, komplett auf den Kopf gestellt zu werden. Und es gibt uns die Sicherheit, dass es die Massen auch in der Zukunft wieder schaffen können, den Herrschern Feuer unter dem Hintern zu machen.
