Die Widerwärtigkeit der rechten Klimaleugner

Nazis und Rechtsextreme hassen Greta Thunberg, die bekannteste Klimaaktivistin der Welt, 16 Jahre alt und Initiatorin der Freitags-Schulstreiks.
16. Juli 2019 |

Wenn man liest, wie Rechte über die 16-Jährige herziehen, dann weiß man eigentlich schon fast alles, was es über Rechtsextreme zu wissen gibt. Sie greifen in die unterste Schublade, um ein Mädchen durch den Dreck zu ziehen, das sympathisch und ehrlich wirkt und das aus ehrlicher Sorge um die Zukunft des Planeten aktiv geworden ist.

Greta hat mit ihrer Sorge um die Zukunft völlig Recht, aber selbst wenn Greta einem Irrtum aufsitzen würde, würden nur die miesesten Zeitgenossen zu Methoden greifen, wie es FPÖ-nahe Redakteure ohne einem Wimpernzucken tun.

„Klimadeppen“

Das von FPÖ-Politikern geführte Wochenblatt Zur Zeit schrieb am 31. Mai, als der größte Klimaprotest Österreichs über die Bühne ging, auf Twitter: „Klimadeppen demonstrieren in Wien. Heute schwänzen auch in Wien einige Schüler den Unterricht und demonstrieren gegen den ominösen Klimawandel. Mit dabei sein wird auch die psychisch kranke Greta Thunberg. Die schwedische Göre mit dem sauertöpfischen Gesicht gilt als Ikone der Eliten und wird vier Tage in Wien weilen.“

Es schmerzt beinahe, solche Grauslichkeiten zu wiederholen, aber die ganze Welt sollte wissen, wie FPÖ-ler ticken, denn solche Methoden lassen niemanden kalt. In dem kurzen Text sind beinahe alle Argumentationsstränge miteinander verknüpft, die von Rechtsextremen gegen die Schülerprotestbewegung und gegen Greta Thunberg ins Feld geführt werden.

Ominöser Klimawandel“: Mit „ominös“ will wohl gesagt werden, dass bezweifelt werden soll, ob es den Klimawandel wirklich gibt. „Ominös“ steht außer für zweifelhaft noch für undurchsichtig, fragwürdig, obskur und suspekt. Also ist der Autor obiger Gemeinheiten mit einiger Sicherheit selbst ein Klimawandelleugner. Und wenn er es nicht selbst ist, so möchte er unter seinen Lesern zumindest aus politischem Kalkül Zweifel säen und auf alle Fälle eine Solidarisierung mit den demonstrierenden Schüler_innen verhindern.

Er diffamiert sie als Schulschwänzer, was an besagtem Freitag nicht einmal zutraf, da war nämlich schulfrei. Aber indem er den Schüler_innen unterstellt, Schule zu schwänzen, versucht er, ihren besonders bewundernswerten Einsatz zu schmälern. Wenn er weiter unten schreibt, Greta sei eine „Ikone der Eliten“, dann dient das einerseits dazu, sie als fremdgesteuert hinzustellen. Andererseits ist Ikone der Eliten ein ganz gezielter Kunstgriff der Rechtsextremen.

Verschwörung

Sie sind die Schöpfer einer Verschwörungstheorie, nach der „die Eliten“ einen Krieg gegen die heimische weiße Bevölkerung führen würden. Sie brächten unter Führung von finanzkräftigen jüdischen Bankiers möglichst viele muslimische Flüchtlinge ins Land. Damit würden sie die einheimische Bevölkerung ersetzen und die heimische Kultur zerstören.

Der Wochenblick schreibt unter Bezugnahme auf Luisa Neubauer, eine Organisatorin der Schulstreiks in Deutschland: „Soros Frau wacht über Gretas Auftritte.“ Der aus Ungarn stammende Milliardär George Soros steht in rechten Zirkeln für eben jene jüdische Weltverschwörung. Noch am 28. April erklärte Strache in einem Interview mit der Kronen Zeitung, der Bevölkerungsaustausch sei ein „Begriff der Realität“, er finde statt. „Wir wollen nicht zur Minderheit in der eigenen Heimat werden.“

Die rechtsradikale „Identitären“-Zeitschrift Der Wochenblick wittert hinter der Klimabewegung um Greta Thunberg und ihre enge Unterstützerin, Luisa Neubauer, eine jüdische Verschwörung © Faksimile Der Wochenblick


Teil dieser „Verschwörung der Eliten“ sei es außerdem, uns die große Lüge über den Klimawandel aufzutischen. Wozu sie das machen, erklärt Zur Zeit in der Ausgabe vom 27. Mai: Die „Klimahysterie rund um die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg“ verhinderte demnach einen Durchbruch der extremen Rechten bei den EU-Wahlen und verhalf etwa den Grünen zu Stimmen.

Generell dürfte sich bei den Rechten von Trump bis zur FPÖ die Ansicht durchgesetzt haben, dass von der Sorge um den Klimawandel eher die progressiven Kräfte profitieren würden und ihren Interessen abträglich ist. In der Ausgabe vom 1. Juni sieht Zur Zeit die „Klimahysterie als Teil einer Strategie gegen die Rechte“.

Unter FPÖ-Wählern hat diese Geschichte über die Verschwörung der Eliten teilweise schon tiefe Wurzeln geschlagen. Es sind in ihren Augen dieselben Eliten, die politische Korrektheit diktieren, Loyalität zur EU verlangen, Antirassismus predigen, eine Hysterie um den Klimawandel schüren und die heimische Bevölkerung austauschen wollen.

Die Rechtsextremen haben in den vergangenen Jahren mit unglaublicher Hartnäckigkeit eine Weltsicht verbreitet, wonach ihre Gegner, die Linken oder die Antirassisten oder die Antifaschisten, mit den Mächtigsten der Welt unter einer Decke stecken.

Klimaschutz bewegt nach links

Und in diese Geschichte haben sie den Klimawandel als Produkt einer Verschwörung von oben eingewoben. Dass in Wahrheit die EU-Eliten und die rassistischen rechten Parteien denselben harten Kurs gegen Flüchtlinge steuern, dass Rassismus von oben durch Gesetze angefeuert wird oder dass „die Eliten“ oder die Entscheidungsträger eine Trendwende in der Klimapolitik bisher verhindert haben, spielt dabei keine Rolle mehr.

Wahrscheinlich macht ihnen die Protestbewegung gegen den Klimawandel deshalb so große Sorgen, weil Klimawandel immer unmöglicher zu leugnen wird. Die Temperaturen steigen beinahe linear von Jahr zu Jahr und 68 Prozent der österreichischen Bevölkerung sahen den Klimawandel schon 2017 als ein sehr ernstes Problem.

Bezeichnenderweise wird Armut, Hunger und Trinkwassermangel von denselben Personengruppen als beinahe gleich ernstes Problem wie Klimawandel verstanden. Die Rechten dürften Sorge haben, dass die Bewusstseinsentwicklung in eine fortschrittliche und solidarische Richtung geht und versuchen mit Verschwörungstheorien gegenzusteuern.

Widerwärtigkeit als Waffe

Zweifel säen und Verschwörungstheorien verbreiten ist eine Strategie, persönliche Angriffe weit unter der Gürtellinie eine andere. „Psychisch kranke“ Greta Thunberg. „Die schwedische Göre mit dem sauertöpfischen Gesicht! Klima-Autistin!“ Das sind alles Beschimpfungen der FPÖ-nahen Zur Zeit.

Der Chefredakteur des rechten Magazins alles roger?, Roland Hofbauer, schreibt über Thunberg als „hässliches Mäderl mit fettigen Zöpfen“, und er findet die Unterstellung witzig, sie würde am „Fetalen Alkoholsyndrom leiden“. „Wie ein autistisches Mädchen die ganze Welt noch retten will“ lautet ein Titel eines Artikels im Wochenblick. (In derselben Ausgabe vom 6. Juni findet man Artikel, wie HC, zeige Rückgrat!, oder Araber-Clan quält Schafe mitten in Berlin).

Die Rechercheplattform FPÖ fails dokumentierte die Hetze gegen Thunberg auf Facebook, darunter der FPÖ-nahe Chefredakteur der Zeitschrift alles roger? Screenshots: Facebook, FPÖ fails


Warum greifen die Rechten zu solcher Widerwärtigkeit als Waffe? Nach innen soll die Botschaft bewirken, dass sie über den gesellschaftlichen Regeln stehen, dass sie sich gegenseitig erlauben, was durchschnittliche Menschen nie durchgehen lassen würden. Das senkt die Hemmschwelle und kann eine Lawine an Hässlichkeiten lostreten. Wer mitmacht, geht mit den Autoren nach rechts und wird fester an die Bewegung gebunden. Alles Schlechte wird auf das Opfer projiziert. Dem wird keinerlei Verständnis mehr entgegengebracht und es findet kein Gehör mehr.

Wie auf Hass reagieren

Nach außen wirkt es lähmend und demotivierend. Was soll man auf eine solche Schweinerei, wenn sie auch noch lachend und schenkelklopfend vorgetragen wird, schon antworten. Offensichtliche Widerwärtigkeiten wirken entwaffnend. Schlimmstenfalls treffen sie das Opfer, wenn es nicht schafft, die Gemeinheit als Ganzes der Schlechtigkeit der Angreifer zuzuschreiben. Aber genau das muss man tun, wenn solche Angriffe von Rechtsextremen geführt werden.

Greta Thunberg selbst führt die Boshaftigkeit der Attacken auf den Inhalt ihrer Botschaft zurück, aber meint: „Ich bin nur die Überbringerin der Nachricht, und doch bekomme ich diesen ganzen Hass. Dabei sage ich nichts Neues.“ Die beste Reaktion ist, unbeirrt die Bewegung weiter zu entwickeln.

Ein dritter Ansatz der Angriffe läuft darauf hinaus, sie als Marionette von PR-Managern darzustellen oder als Produkt reicher, ehrgeiziger Eltern. Ihre Mutter, eine Sängerin, die auf Drängen ihrer Tochter nicht mehr fliegt, erklärt dagegen, dass das Mädchen sich alleine zu den Schulstreiks entschlossen hat und dass ihre Eltern ihr klargemacht hatten, dass sie das alleine würde durchziehen müssen.

Sie war nicht davon abzuhalten und sie nutzte den Bekanntheitsgrad ihrer Mutter, um die Verbreitung ihrer Botschaft voranzutreiben. Ein PR-Manager, der über Gretas Schulstreik geschrieben hat, war sicherlich hilfreich dabei, die Idee der Schulstreiks auszubreiten. Aber das alles hätte niemals zu einer weltweiten Protestwelle geführt, sonst könnte jedes Thema von PR-Managern und Medienleuten so verbreitet werden.

Entscheidend war, dass die Jugend ein sehr hohes Bewusstsein für Klimaschutz entwickelt hat und dass sie schon längst in den Startlöchern für diese gewaltige Proteste gestanden sind. Das Gute an den Angriffen gegen Greta und die Klimaschutzbewegung ist die Politisierung, die die Rechten damit erzwungen haben. Die Bewegung verbindet immer stärker die Themen Klimazerstörung mit dem Kampf gegen Rechts und für internationale Solidarität.