Peak Oil war gestern: Wir müssen die Ölkonzerne zum Bohrstopp zwingen

Klimaschützer_innen argumentierten in den 1990er-Jahren und 2000er-Jahren häufig, dass man mit der Regelung der Nachfrage (über Zertifikathandel oder CO2-Steuern) den Ausstieg aus dem scheinbar begrenzten Angebot an Erdöl am besten steuern kann. Die Sache hat einen Haken, denn wenn es an konventionellen Ölreserven mangelt, wird die Förderung von Teersanden, Schieferöl und Fracking-Gas rentabel. Es gibt also kein „Peak Oil“ mehr – jedenfalls nicht in einem Zeitrahmen, in dem die Rettung unseres Klimas noch möglich wäre.
16. Dezember 2019 |

In der Vergangenheit haben Klimaaktivist_innen oft argumentiert, dass uns die fossilen Brennstoffe irgendwann ohnehin ausgehen und wir deshalb gezwungen wären, auf Alternativen umzusteigen. Die Idee eines Maximums an förderbarem Öl nennt man „Peak Oil“ (engl. Gipfel). Noch vor wenigen Jahren argumentierte die Grünenpolitikerin Eva Glawischnig: „Erdöl wird knapp.“ Die „einzig nachhaltige Alternative zum auslaufenden Erdölzeitalter“ sei der „Einstieg ins Solarzeitalter“. Diesen Automatismus gibt es, wie wir heute wissen, nicht. Die Ölreserven erschöpfen nicht einfach. Wird es knapp, steigt der Ölpreis und immer neue, auch kostenintensive Quellen wie Teersande, Schieferöl und Fracking-Gas werden rentabel und erschlossen.

Die Diskussionen über Peak Oil ist so alt wie ihre Entdeckung und Förderung selbst. Schon Mitte der 1950er-Jahre prophezeite der Petroleumgeologe Marion King Hubbert, dass die Erdölförderung in Nordamerika um das Jahr 1970 ihren Scheitelpunkt erreichen würde. Besonders die 1972 vom Club of Rome veröffentlichte Studie Die Grenzen des Wachstums startete eine (durchaus willkommene) Diskussion über die Begrenztheit der Ressourcen auf unserem Planeten.

Die bereits fortgeschrittene Förderung leicht zugänglicher großer konventioneller Vorräte (Öl, Gas, Kohle), geringe Aussicht auf die Entdeckung weiterer Felder ähnlicher Größenordnungen und regionale Peak Oil-Erfahrungen Anfang der 1970er-Jahre in den USA und Ende der 1990er-Jahre in der Nordsee schienen die Vermutung für Peak Oil zu bestätigen. Damals wäre es der Ölindustrie kaum möglich gewesen, argumentiert Rupert Brandis, Direktor für externe Angelegenheiten des Ölmultis BP in Berlin, „mit dem Hinweis auf Fortschritte in der Fördertechnologie, die damals noch weitgehend ungenutzten unkonventionellen Ressourcen und die Aussicht auf neue Ölfunde in der Peak Oil-Debatte durchzudringen“. Mit dem heutigen Stand an Technologie müsse man die Peak Oil-Theorie, so Brandis, „endgültig zu den Akten legen. Der Welt wird das Öl nicht ausgehen.“

Schieferölboom

Natürlich sind die fossilen Ressourcen auf der Erde grundsätzlich begrenzt. Es wäre nur verheerend, sich auf diese Beschränktheit zur Bewältigung der Klimakrise zu verlassen. Die Peak Oil-Annahme unterschätzte die unglaubliche Innovations- und Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus, insbesondere die Entwicklung von Technologien zur Förderung bislang nicht förderbarer fossiler Brennstoffe. Karl Marx und Friedrich Engels haben schon im 19. Jahrhundert erkannt, dass die Konzernbosse nicht existieren können, „ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren“. Im Rekordtempo werden seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts neue, sogenannte unkonventionelle Quellen, also Schieferöl, Schiefergas, Ölsande (auch als Teersande bezeichnet) und Methaneis unter hochtechnologischem Aufwand erschlossen und gefördert.

In den 2010er-Jahren führten Investitionen in neue Fördertechniken zu einem gewaltigen Schieferöl-Boom in den Vereinigten Staaten, der die Rohölproduktion verdoppelte. Sie erreichte 2018 ein Rekordniveau von 15.000 Barrel pro Tag und übertraf damit das bisherige Maximum aus dem Jahr 1970 – den von Hubbert tatsächlich vorausgesagten Peak konventioneller Ölförderung. 2018 exportierten die USA zum ersten Mal seit den 1940er-Jahren mehr Erdöl und Mineralölerzeugnisse, als sie einführten. Schieferöle sind kerogenreiche Gemische aus Ton und Kalk unter der Erde, die mittels Bohrschächten erschlossen und über jahrelange Erhitzung des Bodens auf mehrere hundert Grad Celsius zu förderbarem Petroleum umgewandelt werden. Alleine in der Green-River-Formation im Süden der USA lagern 800 Mrd. förderbare Barrel Erdöl, weltweit könnten sogar bis zu 3.000 Milliarden Barrel wirtschaftlich erschließbar sein.

Fracking-Wahnsinn

Dazu kommen lukrative Quellen an Schiefergas, die über sogenanntes „Richtbohren“ in tausenden Metern Tiefe und „hydraulisches Fraktionieren“ (hydraulische Rissbildung), kurz „Fracking“, gefördert werden. Dabei wird Wasser unter Hochdruck in den Boden geschossen und mit feinem Sand und bioziden und teilweise krebserregenden Chemikalien versetzt. Die Lockerung der Umweltbestimmungen in den USA im Jahr 2005 unter dem damaligen Präsidenten Georg W. Bush ermöglichte einen regelrechten Frackingboom. Nicht einmal die Industrie selbst ahnte den rasanten Aufstieg. Die US-Gasproduktion ist aufgrund der Schiefergasproduktion in den großen Formationen Marcellus, Haynesville, Fayetteville und Barnett von 2005 bis 2018 um mehr als 60 Prozent gestiegen. Der Frackingboom führte dazu, dass die Vereinigten Staaten im Juni 2019 erstmals Saudi Arabien als weltweit größten Erdölexporteur ablösten.

Mit Schieferöl und Schiefergas ist es jedoch nicht getan. Die beiden weltweit größten Vorkommen von Ölsanden am Fluss Athabasca in der westkanadischen Provinz Alberta und der Orinoco-Gürtel in Venezuela sorgen für weiteren potenziellen Nachschub an fossilen Energieträgern. Die gesicherten, also förderbaren Mengen werden auf 162 Mrd. Barrel in Athabasca und 261 Mrd. Barrel am Orinoco geschätzt (damit alleine ist der weltweite Ölbedarf für 12 Jahre gedeckt). Die beiden Vorkommen alleine haben die weltweiten förderbaren Reserven seit 1998 um 40 Prozent erhöht. Der Abbau der Ölsande hat verheerende Auswirkungen für die Umwelt: bei der Produktion fallen dreimal so hohe Treibhausgasemissionen an, ganze Landstriche werden großflächig wie bei einem Tagebau umgegraben und die regionalen Gewässer werden durch einen enormen Wasserverbrauch und verschmutztes Abwasser in Mitleidenschaft gezogen.

Moratorium nötig

Hans Joachim Schellnhuber stellt in seinem Buch Selbstverbrennung überzeugend dar, dass unter Berücksichtigung der unkonventionellen Ressourcen wie Schieferöl und Ölsande ein wesentlich komplexeres Bild entsteht, als die Peak Oil-Annahme prognostiziert: „Eine sorgfältige Analyse der verfügbaren Datensätze offenbart, dass keineswegs klar ist, wann das globale Abschöpfungsmaximum unter Berücksichtigung aller im Erdöl-Getränkemarkt verfügbaren Spirituosen erreicht sein wird. Und ob es sich bei dieser Kulmination um einen ausgeprägten Höhepunkt oder um ein lang gestrecktes Plateau handeln dürfte. Die Ressourcen an fossilen Energieträgern sind praktisch unerschöpflich.“

Nicht nur der Schieferöl- und Frackingboom und die Ölsande haben die Mär von Peak Oil und einem angeblichen automatischen Umstieg der Industrie zu erneuerbaren Energien zerstört. Ganz abgesehen davon werden auch wieder konventionelle Quellen erschlossen, wie die Entdeckung eines 53 Milliarden Barrel fassendes neues Ölfeld im Iran im November 2019. Selbst wenn man Methaneis außen vor lässt, zeigen konservative Schätzungen, dass noch rund 60 Mal so viel an prinzipiell nutzbarem Kohlenstoff in der Erde steckt, wie sich seit Beginn der industriellen Revolution durch den Mensch in der Atmosphäre angesammelt hat.

Wir werden die Ölkonzerne enteignen, vergesellschaften und zwingen müssen, die Förderung fossiler Energieträger zu beenden. Wir brauchen ein Moratorium, ein globales Produktionsverbot von Öl, Kohle und Gas.