Die Standhaftigkeit der kapitalistischen Herrschaft erscheint uns zunehmend als unbegreiflich. Möchte man genauer verstehen, warum uns Herrschaft so stabil und förmlich unausweichlich erscheint, aber auch wie sie demontiert werden kann, kommt man an Antonio Gramscis Hegemonietheorie kaum vorbei. Die analytische Scharfsinnigkeit des italienischen Marxisten und Antifaschisten sucht Seinesgleichen.
In letzter Zeit scheint unser Alltag von ständigen imperialistischen Entgleisungen geprägt. Mit einer gesunden Prise Pessimismus liest sich beinahe jede zweite Headline einer bürgerlichen Tageszeitung, als hätte vorgestern bereits der dritte Weltkrieg begonnen. Und auch innerhalb der Staaten, in denen wir gezwungen sind zu leben, haben sich Verhältnisse eingestellt, bei deren Anblick einem vielleicht der folgende Satz entweicht: Eigentlich ein Wunder, dass der Laden nicht zusammenbricht.
Doch warum tut er das nicht, warum stehen die Massen nicht millionenfach auf den Barrikaden? Und vor allem: Warum sollte es uns das nicht wundern?
Kaum jemand ist wohl für die Beantwortung dieser Fragen besser geeignet als Antonio Gramsci – der Mann, dessen Gehirn man laut Benito Mussolini „für zwanzig Jahre am Funktionieren hindern“ müsse, um in Italien die Diktatur aufrechterhalten zu können. In Mussolinis Foltergefängnis verfasste Gramsci von 1929 bis 1935 die sogenannten „Gefängnishefte“, einer der bis heute bedeutendsten Korpusse marxistischer Theorie überhaupt.
In diesen Heften versucht Gramsci zu analysieren, wie kapitalistische Gesellschaftsordnungen bestehen können, die auf der Ausbeutung der Mehrheit der Menschen beruhen, selbst vor dem Hintergrund entweder revolutionärer Bewegungen oder schwerer wirtschaftlicher Krisen im kapitalistischen System. Er stellte sich mit Blick auf die Oktoberrevolution 1917 in Russland die Frage, warum es nicht auch in den westlichen europäischen Staaten zu erfolgreichen Revolutionen gekommen war.
Hegemonie gepanzert mit Zwang
An dieser Stelle könnte man es sich einfach machen, und wie so oft gedanklich den Leviathan heraufbeschwören, der in Form des mächtigen und ominösen Staates zu uns herabsteigt, um Dissident*innen mit brutaler Gewalt niederzuprügeln. Doch Gramsci erkannte früh, dass die Standhaftigkeit westlicher staatlicher Herrschaftsformen nicht alleine durch Gewalt erklärt werden kann. Die Kapitalist*innen sind zwar darauf angewiesen, die Produktionsmittel zu besitzen und ihre freie Verfügung über sie mithilfe der Polizei oder der Armee im Notfall zu schützen. Sie brauchen nach Gramsci aber zumindest auch die implizite Unterstützung dieser Herrschaft durch eine deutliche Mehrheit. Das beschreibt Gramsci mit dem Begriff der Hegemonie.
Wenn die bürgerlichen Klassen und Klassenfraktionen dauerhaft und in relativer Stabilität ihre Interessen durchsetzen wollen, dann ist es auch nicht sonderlich praktisch, immerzu despotisch mit dem eisernen Hammer zu schwingen, wenn das Volk mal wieder aufmuckt. Viel angenehmer stellt es sich für die Herrschenden dar, wenn die Unterdrückten ihrer eigenen alltäglichen kapitalistischen Ausbeutung von sich aus zustimmen. Wenn beispielsweise der Großteil der Arbeitnehmer*innenverbände gleichsam hinnimmt, dass Kollektivvertragsabschlüsse, die nicht einmal die Inflation abdecken, gerechtfertigt seien, weil die Wirtschaftslage es im Moment einfach nicht hergeben würde, dann haben die Bosse den Kampf gewonnen, bevor er überhaupt begonnen hat. Wenn in der Bevölkerung weitestgehend Übereinstimmung darüber herrscht, dass milliardenhohe Investitionen in Militärgüter notwendig sind, weil es die geopolitische Großwetterlage eben erfordern würde, dann lachen Rüstungskonzerne und ihre Unterstützer*innen in der Politik sich ins Fäustchen, denn: Sie müssen ihre Interessen gar nicht gewaltsam durchsetzen, sie sind bereits verallgemeinert. Sie sind bereits Konsens.
Die Interessen der herrschenden Klassen sind hegemonial, weil sie sich zumindest oberflächlich als die Interessen Aller eingestellt haben. Die inhärenten Widersprüche zwischen den Klassen werden befriedet, indem die herrschenden Interessen universalisiert werden. Die meisten von uns haben wahrscheinlich die Schule verlassen, ohne jemals zu hinterfragen, ob der freie Markt denn wirklich die beste Form ist, um Warentausch zu organisieren.
Aber wir müssen die Interessen der Herrschenden gar nicht einmal gutheißen. Es ist nicht notwendig, die Plättung eines Naturschutzgebietes für den Bau einer mehrspurigen Straße sinnvoll oder gar großartig zu finden. Damit so etwas nicht auf Widerstand stößt, müssen wir nur davon überzeugt sein, dass eine Maßnahme unausweichlich ist. Die 40-Stunden-Woche erscheint uns naturgegeben, als gleiche „Nine to Five“ dem Newton’schen Apfel, der vom Baum auf die Erde fallen muss. Zu hinterfragen, ob es denn wirklich das Ziel des Lebens ist, sich für den Chef tot zu hackeln, erscheint den meisten als absurd, diese Frage stellt man sich nur ungern, denn sie ist mit Kopfschmerzen verbunden.
Die Gesamtheit all dieser Formen des stillen Konsenses, die zur Aufrechterhaltung der Hegemonie beitragen, nennt Gramsci den Senso Communo, hier übersetzt mit Alltagsverstand. Damit sind nicht Alltgasweisheiten wie „Übung macht den Meister“ gemeint, sondern schlichtweg all jene herrschenden Ideen und Interessen, die den meisten Menschen so natürlich erscheinen, dass man gar nicht auf die Idee kommt, sie überhaupt als veränderlich wahrzunehmen. Wichtig hierbei ist zu beachten, dass der Alltagsverstand keine bösartige Form der Propaganda ist, mit der uns die herrschenden Eliten manipulieren wollen. Der Senso Communo darf nicht als „falsches Bewusstsein“ verstanden werden, wie es manche Linke gerne tun, sondern es handelt sich um ein chaotisches Gemisch aus Vorurteilen, Glaubenssätzen, Erfahrungen, widersprüchlichen Ideen und Praktiken, die uns in den verschiedensten Sphären der Gesellschaft ganz unverfroren begegnen und dabei stark mit den materiellen Verhältnissen der bürgerlichen Gesellschaft verknüpft sind. Ein Mensch hat bürgerliche Ideen, weil er in einer bürgerlichen Gesellschaft lebt, die durch diese produziert werden. Ideen erscheinen uns als natürlich oder unausweichlich, weil die materiellen Verhältnisse eine vermeintlich alternativlose Realität zeichnen. Wenn uns neoliberale Wirtschaftsforscher*innen weis machen wollen, dass an der Anhebung des Pensionsantrittsalters kein Weg vorbeiführt, dann nicht aus Jux, oder weil sie sehen wollen, wie wir uns bis in den Tod knechten lassen, sondern weil es innerhalb des Systems für die Aufrechterhaltung und Ankurbelung von Kapitalakkumulation real tatsächlich notwendig ist, noch länger den Mehrwert aus Arbeitskräften herauszupumpen. Die herrschenden Ideen sind also keine falsche Repräsentation der Wirklichkeit – unterdrückerische Ideen sind lediglich die logische Konsequenz einer unterdrückerischen Gesellschaft.
Der integrale Staat
Doch in welchem Rahmen spielt sich dieser delikate Tanz der Konsensbildung eigentlich ab? Wer sind die Akteure, die den Alltagsverstand verhandeln und damit die bürgerliche Hegemonie herstellen? Und was hat der Staat damit zu tun? All diese Fragen beantwortet Gramsci mit seinem Konzept des integralen Staates.
Viel zu oft ertappen wir Linken uns dabei, salopp von „dem Staat“ zu sprechen, als handle es sich dabei um eine in sich geschlossene Institution, die auch noch völlig am Rest der Gesellschaft vorbei agiert. Dabei ist jedoch klar, dass der Staat, und der Erwerb von Macht innerhalb des staatlichen Gefüges, andauernd stark umkämpft sind. Gramsci lehrt uns: der Staat ist viel mehr als die Regierung und ihre Knüppelbande in Form der Polizei. Vielmehr besteht er aus zwei miteinander eng verknüpften Sphären, nämlich der politischen Gesellschaft und der Zivilgesellschaft, die zusammen den integralen Staat ergeben.
Unter der politischen Gesellschaft kann man sich jene Akteure vorstellen, die man klassischerweise dem staatlichen Gewaltapparat zuordnen würde, also Regierung, Polizei, Militär, Justiz, Geheimdienst und so weiter. Auf der anderen Seite haben wir die sogenannte Zivilgesellschaft, oder auch Societá civile, die bei Gramsci eine zentrale Rolle einnimmt. Mit der Societá civile sind nicht etwa zivilgesellschaftliche Organisationen im engen Sinne gemeint (z.B. NGOs), sondern vielmehr die „bürgerliche Gesellschaft“ in all seinen Facetten. Das umfasst alle Arten von Vereinen, Standesorganisationen, Kirchen, Gewerkschaften, Parteien, das Bildungswesen, die Kulturszene, die Massenmedien, aber auch die Moral, und die Folklore sowie althergebrachte Traditionen. In dieser Zivilgesellschaft spielen sich die Prozesse der Konsensbildung ununterbrochen ab. Wie bereits festgestellt, ist es aber keineswegs eine „böse politische Elite“ oder irgendeine andere mystische, undefinierbare Instanz, die uns in der Zivilgesellschaft von oben ihre Meinung aufzwingt, wie man es aus unsinnigen Verschwörungstheorien gut kennt. Die Bildung des Senso Communo und schließlich des Konsenses, passiert organisch in deiner Schulklasse, deinem Uni-Kurs, deinem Sportverein, deiner Theatergruppe, deinem Social-Media Feed, im Radio, in deiner Gewerkschaft, und an auf deinem Arbeitsplatz.
Organische Intellektuelle
Ein praktisches Beispiel: Man stelle sich vor, man sitzt Freitagabend vor dem Fernseher und schaut die Zeit im Bild. Wieder einmal erklärt uns Militärexperte Markus Reisner im Gespräch mit Armin Wolf, dass der Westen der Schlafwandler des 21. Jahrhunderts sei, und endlich seine militärische Abwehr aufbauen solle. Allzu schnell ertappt man sich bei dem Gedanken „Ja irgendwo stimmt es ja, Sicherheit ist schon wichtig.“ Sehr wahrscheinlich ist es nicht das Ziel Reisners, die Zuschauerschaft vor den Fernsehgeräten zu täuschen, und ihnen bösgemeinte Kriegspropaganda vorzusetzen. Auch Reisner verkehrte sein Leben lang in der (bürgerlichen) Zivilgesellschaft, machte seinen PhD an einer Universität, lernte Militärtaktiken beim Bundesheer, und sitzt vermutlich mit den Leuten aus seinem Sportverein hin und wieder beim Stammtisch zusammen. Die Ideen, die im Gespräch mit Wolf dann zu Tage treten, sind nichts weiter als Produkte Reisners‘ Teilnahme an verschiedensten Sphären der Zivilgesellschaft, in denen bereits Konsens über bestimmte herrschende Interessen besteht. Gramsci würde jemanden wie Markus Reisner als einen „organischen Intellektuellen“ verstehen. Organische Intellektuelle sind all jene Akteure, die innerhalb der Zivilgesellschaft führende Rollen in der Konsensbildung und damit in der Herrschaftsstabilisierung einnehmen. Damit verbindet man klassischerweise „Meinungsmacher“, die in der breiten Bevölkerung hohes Ansehen und Respekt genießen, und als inoffizielle Sprachrohre der bürgerlichen Ordnung fungieren. Organisch deswegen, weil sich diese Rolle des Sprachrohrs aus den zivilgesellschaftlichen Umständen ableitet, in denen diese Personen sozialisiert sind. Sie sind es, die bürgerliche Ideen und Interessen in der Öffentlichkeit immer wieder auf ein Neues äußern und schließlich verbreiten, ohne dass sie dies mit irgendeiner bösen Absicht tun. Sie äußern diese Ideen und Interessen, weil sie ihnen als natürlich erscheinen. Doch das ist nur die halbe Miete. Damit daraus auch wirklich Hegemonie entstehen kann, braucht es die ständige Verbreitung und Festigung dieser Ideen und Interessen in allen anderen Sphären der Zivilgesellschaft. Wenn ich also das Interview in der Zeit im Bild am nächsten Tag im Gespräch mit meinen Freunden erwähne, und die Sichtweisen Reisners nüchtern darstelle, und diese Freunde dasselbe bei ihren Bekannten im Sportverein oder in der Bar, oder vielleicht beim Wanderausflug mit den Eltern tun, so sind auch wir zu organischen Intellektuellen geworden. Wir füttern den Senso Communo, ohne es zu wollen oder zu wissen. In dieser Funktion sind wir alle Teil des integralen Staates.
Konsens gepanzert mit Zwang
Die politische Gesellschaft und die Zivilgesellschaft sind jedoch in der Realität nicht klar voneinander getrennt. Es ist nicht so, dass in der Zivilgesellschaft der Konsens hergestellt wird, während die politische Gesellschaft einfach nur die Peitsche schwingt. Es ist die Rede von einem integralen Staat, weil gerade die Verwobenheit und Untrennbarkeit direkter staatlicher Macht und Konsens-Macht deutlich wird. Die Trennung zwischen dem „bösen Staat“ und „dem Rest“ soll aufgehoben werden, weil kapitalistische Klassenverhältnisse, und der Staat als seine Ausdrucksform, in allen Sphären des gesellschaftlichen Lebens vertreten sind und verteidigt werden. Die Polizei, als Teil der politischen Gesellschaft, knüppelt Antifaschist*innen nieder, die gegen die Neugründung der neonazistischen AFD-Jugendorganisation protestieren, und die Boulevardmedien rechtfertigen den Einsatz, indem die Antifa als für den Staat gefährliche, linksradikale Chaotentruppe dargestellt wird. Polizei und Boulevardmedien arbeiten dabei zwar nicht direkt zusammen, aber der kumulative Effekt ihrer Aktionen, als Ausdruck des integralen Staates, produziert trotzdem Konsens.
Nichtsdestotrotz kann es sein, dass die geltende Hegemonie brüchig erscheint, und der Senso Communo nicht gänzlich von der Bevölkerung verinnerlicht werden kann, weil die Widersprüche des Kapitalismus zu gravierend und zu offensichtlich werden. Der Genozid in Palästina sowie der globale Widerstand dagegen zeigen, dass der Kapitalismus vielleicht gerade aus seinen letzten Löchern pfeift. Der Konsens droht zu kippen. Doch Gramsci redet nicht umsonst von Konsens gepanzert mit Zwang. Läuft die Hegemonie Gefahr zu fallen, kommt es im integralen Staat als letzte Maßnahme zum Einsatz von Gewalt. Polizist*innen, die Protestierende für ihre Solidarität mit Palästina niederknüppeln, sind ein klarer Ausdruck davon. Die Gewalt dient in letzter Konsequenz dazu, wieder eine Situation herzustellen, in der der Senso Communo wieder seinen Lauf nehmen kann, und wir alle als organische Intellektuelle wieder unsere Arbeit aufnehmen.
Letztlich darf aber auch nicht auf das Zuckerbrot vergessen werden, das die Peitsche ebenso begleitet wie der Alltagsverstand. Neben der Gewalt kommt es auch zu selektiven Zugeständnissen der herrschenden Klasse an die Unterdrückten. Dass die ÖVP damals zum Klimabonus, wenn auch wahrscheinlich widerwillig, zugestimmt hat, ist der perfekte Ausdruck dessen: dem Koalitionspartner und deren Wähler*innen wurde ein Zugeständnis gemacht. Währenddessen pumpen die Ölkonzerne munter weiter, und der Senso Communo ist neu geordnet.
Hegemonie? Gegenhegemonie!
Hat sich historisch nun eine Konstellation herausgebildet, in der die Interessen der herrschenden Klasse umfassend verallgemeinert wurden, und Teile der Arbeiter*innenklasse, sowie andere soziale Gruppen (beispielsweise Geistliche) mit den Herrschern gewissermaßen eine Allianz eingehen, mit dem Effekt, die gegenwärtigen Klassenverhältnisse zu stabilisieren, so spricht man mit Gramsci von einem historischen Block.
Doch jede hegemoniale Ordnung ist brüchig und ein historischer Block ist nicht in Stein gemeißelt. Der Kapitalismus ist nach wie vor, trotz weitreichendem Konsens, von Krisen getrieben. Der aktuelle Konsens reicht womöglich nicht mehr aus, um die Unterdrückten auf die herrschenden Interessen abzustimmen. Während im Nachkriegsboom das Bild des hart arbeitenden Vaters und der Care-Arbeit leistenden Hausfrau lange als Teil des Alltagsverstandes gegolten hat, ist es für die Stabilisierung der Klassenverhältnisse heute notwendig, dass pro Familie beide Personen Vollzeit arbeiten. Durch feministische Bewegungen erkämpfte Bürgerinnenrechte stellen oberflächlich eine wichtige Verbesserung der Verhältnisse dar. An der grundlegenden gesellschaftlichen Ordnung hat sich dabei jedoch nichts verändert, und Frauen müssen weiterhin den Großteil der Care-Arbeit verrichten. Nach Gramsci hat sich hier eine passive Revolution vollzogen: Veränderungen oder Transformationen der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung, ohne die dahinterliegenden Klassenverhältnisse anzurühren. Solche passiven Revolutionen ereignen sich ständig, und wenn die kapitalistische Hegemonie bröckelt, kommen reaktionäre Kräfte aus ihren Löchern und füllen die Ritzen. Das sehen wir in Österreich stark an der FPÖ, die den Stand der Frauenrechte wieder auf das Niveau des letzten Jahrtausends zurück katapultieren wollen. In Gramsci’s Worten: „Das Alte stirbt und das Neue kann nicht zur Welt kommen. Es ist die Zeit der Monster.“
Doch Gramsci gibt uns nicht nur den kognitiven Werkzeugkasten zur Analyse der hegemonialen Verhältnisse und seiner monströsen Ausgeburten zur Hand. Er bekräftigt uns ebenso, dass auf Basis dieser Analyse gehandelt werden kann und muss! Seine Handlungsmaxime des „Pessimismus des Intellekts, Optimismus des Willens“ leitet uns Revolutionär*innen dahingehend an, ein klares und theoretisch geschärftes Bild unserer misslichen und zeitweise unerträglichen Lage zu zeichnen. Von jener dürfen wir uns jedoch nicht blenden lassen, sondern es gilt sie nüchtern anzuerkennen, um sie im Anschluss auch verändern zu können. Doch wie kann das geschehen?
Gramsci war keineswegs auf dem ökonomischen Auge blind. Nach dem Inhalt dieses Artikels erscheint es vielleicht verlockend zu denken, dass es ja genügen würde, einfach die Hebel der Zivilgesellschaft in die Hand zu nehmen, und in den Klassenzimmern andere Philosoph*innen zu lehren, oder in den Massenmedien andere Geschichten zu erzählen. Doch eine herrschende Klasse kann nur dann ihre ethisch-politische Hegemonie verteidigen, wenn sie ökonomisch bereits herrscht. Gleichsam kann die unterdrückte Klasse nur dann jene Hegemonie aufbrechen, wenn sie auch gleichzeitig dazu in der Lage ist, die Herrschaft über die Produktionsmittel, also im weitesten Sinne über die ökonomische Basis, zu beanspruchen. Der Kampf um Hegemonie und Gegenhegemonie ergibt nur dann Sinn, wenn er Hand in Hand geht mit ökonomischem Klassenkampf von unten. Wir alle haben als organische Intellektuelle die Fähigkeit, der herrschenden Klasse auch unsere eigenen radikalen Ideen entgegenzusetzen. Am stärksten empfänglich für diese sind Arbeiter*innen in der Konfrontation mit der Widersprüchlichkeit der bürgerlichen Ordnung. Wenn ich sehe, wie die Regierung die Heiligkeit der Menschenrechte predigt, jedoch gleichzeitig Aktivist*innen verprügeln und in den Knast stecken lässt, die sich für nichts Geringeres einsetzen, als dass diese Menschenrechte auch für Palästinenser*innen gelten sollen, dann kollidiert die Welt der Ideen mit der Realität. Eine Gegenhegemonie zu, schaffen kann uns schließlich nur gelingen, indem diese Konfrontation mit der Widersprüchlichkeit der Welt an revolutionäre politische Praxis und Organisation geknüpft wird, und wir im Fall der Fälle auch gewillt sind, unsere Ideen in die Tat umzusetzen.
