Von der Antipsychiatrie- bis zur Mad Pride-Bewegung

© Mad Pride

Der folgende Text ist als Einführung in das Interview auf den folgenden Seiten gedacht. In Der Gesellschaft wie auch in der sozialistischen Linken wird zu wenig über den Ausschluss von als psychisch krank charakterisierten Personen diskutiert. Der Text sowie das Interview sollen diese Themen sichtbarer machen.

Als 1993 in Toronto erstmals Menschen unter dem Banner „Mad Pride“ durch die Straßen zogen, war das mehr als eine bunte Parade – es war eine Kampfansage an ein System, das sie jahrzehntelang als „krank“, „gefährlich“ oder „behandlungsbedürftig“ definiert hatte. Inspiriert von Emanzipationsbewegungen wie „Gay Pride“ forderten sie Würde statt Diagnose, Selbstbestimmung statt Zwang. Seither hat sich die internationale Mad- und Disability-Pride-Bewegung von London bis Wien ausgebreitet – und mit ihr eine unbequeme Frage: Reicht es, die Psychiatrie und das biomedizinische Modell zu reformieren, oder brauchen wir eine grundsätzlich neue Vorstellung davon, was Gesundheit, Fürsorge und Freiheit bedeuten?

Kritik der Psychatrie

Die Wurzeln der Mad- und Disability-Pride-Bewegung liegen in der Anti-Psychiatrie, der Behindertenrechtsbewegung und den Selbsthilfeinitiativen von Psychiatrieüberlebenden. Die Anti-Psychiatrie-Bewegung, die zu einem Großteil von kritischen Psychiater*innen initiiert wurde, kritisiert Diagnosepraktiken, Pathologisierung sozialer Abweichung und Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie. Der Begriff „Antipsychiatrie“ wurde 1967 erstmals von dem südafrikanischen Psychiater David Cooper geprägt. Er verstand die psychiatrische Anstalt als repressiven Apparat, der weniger heilt als diszipliniert, ausgrenzt und verwahrt. Kritik am psychiatrischen Zwangssystem ist auch mit den Namen Erving Goffman, Michel Foucault, Thomas Szasz, Franco Basaglia und David Rosenhan verbunden. Zwar bildeten sie nie eine geschlossene Schule, doch ihre Analysen von „totalen Institutionen“, Macht und Normalitätsbegriffen, von Etikettierung und institutioneller Gewalt erschütterten das Selbstverständnis der Psychiatrie nachhaltig.

Ihre Interventionen hatten konkrete Folgen: In vielen Ländern wurden große Verwahranstalten schrittweise abgebaut, gemeindenahe Versorgungsstrukturen aufgebaut und die durchschnittliche Verweildauer in psychiatrischen Kliniken reduziert. Besonders prägend war in Italien das sogenannte Basaglia-Gesetz von 1978, das die Schließung der psychiatrischen Großkrankenhäuser einleitete. Zudem verschwanden Praktiken wie die Lobotomie aus dem medizinischen Repertoire, und Homosexualität wurde – nach jahrzehntelanger Pathologisierung – aus psychiatrischen Diagnosekatalogen gestrichen. Gleichwohl blieb die Kritik bestehen, dass Zwangseinweisungen, Fixierungen und medikamentöse Zwangsbehandlungen weiterhin Teil des Systems sind und die Logik der Pathologisierung fortwirken lassen.

Behindertenrechtsbewegung

Parallel dazu entwickelte sich die Behindertenrechtsbewegung – ebenfalls keine einheitliche Bewegung, sondern ein Netzwerk aus Initiativen, Protesten und Selbstvertretungsorganisationen. Sie kritisiert vor allem das defizitorientierte biomedizinische Modell von Behinderung, das individuelle „Mängel“ in den Mittelpunkt stellt, und setzt dem das soziale Modell entgegen: Nicht die Beeinträchtigung an sich „behindert“, sondern gesellschaftliche Barrieren, Diskriminierung und fehlende Zugänglichkeit. Aktivist*innen wie Ed Roberts protestierten in den 1960er- und 70er-Jahren gegen Bevormundung, institutionelle Unterbringung und den Ausschluss vom Bildungssystem. Aus diesen Kämpfen ging die Independent-Living-Bewegung hervor, die das Recht auf persönliche Assistenz und ein selbstbestimmtes Leben in der Gemeinschaft einforderte.

Wichtige gesetzliche Meilensteine waren beispielsweise das Behindertengleichstellungsgesetz (2002) in Deutschland oder die UN-Behindertenrechtskonvention, die 2006 von den Vereinte Nationen verabschiedet wurde. Sie markiert einen Paradigmenwechsel vom Fürsorge- zum Menschenrechtsmodell und verpflichtet Staaten, Inklusion, Barrierefreiheit und Nichtdiskriminierung umzusetzen. Zentrale Forderungen nach Selbstbestimmung, Barrierefreiheit, Gleichstellung und Inklusion bleiben jedoch bis heute umkämpft – nicht zuletzt im Bereich psychischer Krisen, wo Sicherheitslogiken häufig über Freiheitsrechte gestellt werden.

Entstehung der Mad-Pride

Schließlich organisierten sich seit den 1970er-Jahren ehemalige Psychiatriepatient*innen und Überlebende von Behinderteneinrichtungen in Selbsthilfegruppen, Beratungsprojekten und politischen Initiativen. Unter Begriffen wie „Psychiatrieüberlebende“ oder „Mad Movement“ machten sie ihre Erfahrungen mit Zwang, Entmündigung und Stigmatisierung öffentlich und stellten das Expert*innenmonopol der Medizin infrage. Ihr zentrales Anliegen ist ein menschenwürdiger, solidarischer Umgang mit als „verrückt“ oder „behindert“ gelabelten Menschen – ein Umgang, der Krisen nicht vorschnell individualisiert und „medikalisiert“, sondern soziale Ursachen, Armut, Gewalt und Ausgrenzung mitdenkt.

Es geht nicht nur um eine Inklusion in die bestehende Gesellschaft, sondern um ihre grundlegende Veränderung. Die Mad- und Disability-Pride-Bewegung verbindet diese Stränge zu ei ner radikalen Kritik an Normalitätsvorstellungen. Sie fordert nicht nur Reformen innerhalb bestehender Institutionen, sondern eine Neubestimmung dessen, was als gesund, leistungsfähig oder vernünftig gilt. Indem sie Stigmabegriffe selbstbewusst aneignet und öffentliche Räume besetzt, verschiebt sie die Perspektive: Weg von Defiziten, hin zu Vielfalt. Damit stellt sie die Gesellschaft insgesamt vor die Frage, ob Freiheit und Fürsorge Gegensätze bleiben müssen – oder ob eine inklusive Gemeinschaft möglich ist, die Unterschiedlichkeit nicht als Problem, sondern als Teil menschlicher Erfahrung begreift.


Interview: „Behindert & verrückt feiern in Wien“

Für ein Interview über Aktivismus von behinderten und verrückten Menschen in Wien haben wir Steffi (sie/ihr) am 6. Februar 2025 eingeladen. Sie hat 2017/18 mit anderen Personen die Gruppe „behindert und verrückt feiern – MAD & DIS_ABILITY PRIDE“ – in Wien gegründet.

Ziel der Gruppe war es, sich zu vernetzen, politisch aktiv zu werden und auf Diskriminierung, Ableismus (das heißt, man wird aufgrund seines Körpers oder seiner psychischen Verfasstheit ausgegrenzt) bzw. Behindertenfeindlichkeit aufmerksam zu machen, sowie die damit zusammenhängenden politischen Forderungen sichtbar zu machen.

Die Mitglieder der Gruppe hatten sehr unterschiedliche Erfahrungen, zum Beispiel mit der Psychiatrie, mit Behinderungen, Krisen, chronischen Krankheiten, Pathologisierung (das heißt, dass andere sagen, dass man krank ist) oder Diskriminierung (das heißt, man wird schlecht behandelt). Auch die Selbstbezeichnungen innerhalb der Gruppe waren sehr unterschiedlich: dick, queer, behindert, verrückt oder trans.

Wenn du von Ableismus bzw. Behindertenfeindlichkeit sprichst – was genau meinst du damit?

Mit Ableismus bzw. Behindertenfeindlichkeit meine ich, dass wir nicht mitgedacht werden. In Wien sind dadurch für viele Menschen die meisten öffentlichen Räume nicht zugänglich, zum Beispiel Cafés, Bars oder Veranstaltungsorte. Positiv ist, dass es in Wien im Vergleich zu anderen Städten, in denen ich schon war, wie Paris, London oder Berlin, in (fast) jeder U-Bahn-Station Aufzüge gibt.

Wie habt ihr die Gruppe gegründet, und gibt es Vorbilder oder politische Bewegungen, die euch beeinflusst haben?

Inspiriert wurden wir von einer bereits bestehenden „behindert und verrückt feiern“-Gruppe in Berlin. Ein Mitglied unserer Gruppe hatte früher in Berlin gelebt und brachte die Idee mit nach Wien, auch hier eine solche Gruppe zu gründen. Im Mai/Juni 2018 sind wir gemeinsam nach Berlin gefahren, um die Parade „behindert & verrückt feiern“ dort zu besuchen.

Auf der „behindert und verrückt feiern“-Parade in Berlin wird die sogenannte „Glitzerkrücke“ verliehen. Das ist ein Negativpreis, der an Vereine, Unternehmen, Institutionen oder gesetzliche Regelungen vergeben wird, die sich in besonders negativer Weise dadurch hervorgetan haben, dass sie Behinderte und Verrückte ausgrenzen oder benachteiligen. Ich finde die Verleihung wichtig, weil sie zeigt, wo es Probleme gibt, und Kritik öffentlich sichtbar macht.

Darüber hinaus haben wir uns von anderen Städten inspirieren lassen, in denen verrückte/behinderte-Gruppierungen politisch aktiv sind, zum Beispiel in London oder in Paris.

Welche Veranstaltungen habt ihr für die verrückte/behinderte Community in Wien organisiert?

Unsere erste Idee war, einen Filmabend zu organisieren. Damit wollten wir Aufmerksamkeit für unsere Themen schaffen und Menschen für unsere Anliegen sensibilisieren. Darauf aufbauend haben wir 2018 eine dreiteilige Workshop-Reihe umgesetzt, die von der Stadt Wien gefördert wurde. Die Workshops richteten sich an verschiedene Zielgruppen und hatten das Ziel, Empowerment bzw. Selbststärkung zu fördern.

Außerdem fanden einmal im Monat regelmäßige, offene Treffen statt. Dabei war uns besonders wichtig, dass die Treffen niedrigschwellig und ungezwungen sind, zum Beispiel beim gemeinsamen Frühstück in einem Café. Unsere Gruppe war sehr divers und brachte Menschen mit den unterschiedlichsten Einschränkungen zusammen.

Welche politischen Forderungen hattet ihr im Rahmen von „behindert & verrückt feiern in Wien – MAD & DIS_ABILITY PRIDE“? Mit welchen Kollektiven oder Vereinen habt ihr zusammengearbeitet oder euch solidarisiert?

Die zentralen politischen Forderungen der Gruppe richteten sich vor allem auf Barrierefreiheit und rechtliche Verbesserungen. Wir wollten, dass Lokale, Veranstaltungsorte und öffentliche Räume besser zugänglich sind. Außerdem sollte es möglich sein, Probleme hinsichtlich der Barrieren zunächst durch Schlichtungen zu klären, bevor rechtliche Schritte nötig werden.

Wir haben uns mit verschiedenen Gruppen solidarisiert und zusammengearbeitet. Dazu gehören die Trans-Community (das heißt, Menschen die trans* sind), weil wir gemeinsame Erfahrungen mit Medikalisierung (das heißt, man wird von medizinischem Fachpersonal diagnostiziert) teilen, der Verein „Selbstlaut-Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt gegen Kinder“, der uns Räumlichkeiten für Treffen und Veranstaltungen angeboten hat, und die HOSI (kurz für Homosexuellen Initiative) Wien.

Die HOSI Wien ist auf uns zugekommen und hat uns eingeladen, mit einem eigenen Block an der Regenbogenparade teilzunehmen. Unter dem Motto „behindert & verrückt feiern“ waren wir dort erstmals auch in Wien sichtbar vertreten. Darüber hinaus haben wir uns als Gruppe immer wieder anderen Demonstrationen angeschlossen, zum Beispiel einer Demo gegen Rechts. Wie bereits erwähnt, wurden unsere Projekte von der Stadt Wien gefördert, und wir haben uns mit der Berliner „behindert & verrückt feiern“-Gruppe getroffen und ausgetauscht. Leider hat sich unsere Gruppe während der Corona-Pandemie aufgelöst, zum Teil auch, weil einige Mitglieder weggezogen sind.

Was kann die queere oder/und linke Community in Wien tun um mehr Raum für verrückte/behinderte Personen zu schaffen?

Um mehr Raum für verrückte/behinderte Personen zu schaffen, ist es wichtig, dass queere und linke Communities (das heißt, Menschen die queer oder links sind) in Wien verrückte/behinderte Personen mitdenken und damit Begegnungen auf Augenhöhe möglich gemacht werden. Wichtig sind barrierefreie Räumlichkeiten; dazu gehören stufenlose Zugänge, funktionierende Aufzüge und leicht auffindbare Informationen zur Zugänglichkeit von Veranstaltungsorten. Viele Menschen profitieren außerdem von der Verwendung leichter Sprache oder von Geräuschschutz bei Ankündigungen, Workshops oder Veranstaltungen. Ein Abholservice an der nächsten U-Bahn-Station kann auch dazu beitragen, dass Veranstaltungen zugänglicher werden.

Barrierefreie Orte, die ich für Treffen empfehlen kann, sind: die Villa Vida, das INIGO Café beim Stubentor, das Café Naschsalon im 9. und die Begegnungsräume im magdas Hotel im 3. Bezirk. Auch das Café Fett & Zucker war ein wichtiger barrierefreier Treffpunkt; heute gibt es das Café aber leider nicht mehr.

Um gezielt verrückte/behinderte Personen zu erreichen, ist es sinnvoll, bestehende Netzwerke und Verteiler zu nutzen. Dazu gehören der Newsletter der WAG, einer Assistenzgenossenschaft, die Menschen mit Behinderungen in Österreich unterstützt, ein selbstbestimmtes Leben durch persönliche Assistenz zu führen, die BIZEPS-Nachrichten, die über Behindertenpolitik, Barrierefreiheit, Inklusion sowie die Rechte und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen berichten, und der ÖZIV-Bundesverband, eine der führenden Interessensvertretungen für Menschen mit Behinderungen in Österreich.

Du bist Teil des Vereins MAD – Mixed-Abled Dance & Performance. Kannst du kurz erzählen, was das ist und was jemanden erwartet, die/der interessiert ist und mitmachen möchte?

MAD steht für Mixed-Abled Dance & Performance. Bei MAD arbeiten Künstler*innen mit und ohne Behinderung gemeinsam. MAD hat sich zur Aufgabe gemacht, einen gesellschaftlichen Wandel über Kunst zu vermitteln. Es geht um Tanz, Performance, Ausdruck und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper.

Wer bei MAD mitmachen möchte, kann an offenen Projekten teilnehmen, gemeinsam in mixed-abled Teams (das heißt, dass Menschen mit unterschiedlichen Körpern und psychischen Zuständen) arbeiten und in einem respektvollen, unterstützenden Umfeld kreativ sein. MAD kooperiert außerdem mit verschiedenen Partner*innen und realisiert zahlreiche künstlerische Projekte. MAD – Mixed Abled Dance und die damalige Gruppe „behindert & verrückt feiern“ sind zwei Initiativen, die unabhängig voneinander entstanden sind.

Eines dieser Projekte ist das inklusive Schulprojekt „Mellow Yellow“. Für einen oder mehrere Projekttage kommen hier professionelle Künstler*innen in mixed-abled Teams in Schulen. Das Projekt richtet sich an Kinder und Jugendliche ab der zweiten Volksschulklasse. Nach kurzen Performances gibt es spielerische Übungen in der Gruppe. Dabei entdecken die Kinder neue Perspektiven, erleben Gemeinschaft, bauen Vertrauen auf und haben Freude an Bewegung. Unterschiede verlieren an Bedeutung.