Baroco – Martin Horváth

Wer stellt sich nicht manchmal vor, in einem abgelegenen Dorf in Italien zu leben und durch Hacking Geld gerechter auf der Welt zu verteilen? Martin Horváths Baroco ist ein witziger und gleichzeitig kluger Roman, der Themen wie künstliche Intelligenz, Überwachung, Finanzmarkt und Kapitalismuskritik behandelt.

Aus der Sicht einer künstlichen Intelligenz werden die Geschichten eines Kollektivs aus ausgewählten, hochintelligenten und schrägen Charakteren erzählt. In einem ehemaligen Kloster in Süditalien arbeiten sie dort in sozialistischer Utopie zusammen, um die Welt zu einem etwas gerechteren Ort zu machen. Wie digitale Robin Hoods (S. 418) hacken sie sich in Systeme von Banken und Konzernen und verteilen das Geld an NGOs. Und das möglichst, ohne dabei zu sehr auf sich aufmerksam zu machen. Unterstützt bei der Arbeit, bei Entscheidungen, aber auch Alltagsproblemen, werden sie von ihrer selbstkreierten KI, die sich unbemerkt dagegen wehrt, bloß ein Werkzeug zu sein.

Während man beim Lesen auf den nächsten Heist gespannt ist, laden die ruhigen Beschreibungen des Dorflebens, die Erzählungen über Mythologie und kuriose Feiertage, zum Entspannen ein. Diese Phasen der Entspannung werden immer wieder unterbrochen von Analysen der Machenschaften der digitalen, Finanz- und politischen Eliten.

Die vielen Easter Eggs, Zahl- und Wortwitze ließen jedenfalls mein Nerd-Herz höher schlagen.

Der Roman hätte viele interessante Themen geboten, die passend zum Leitartikel des Magazins gewesen wären. Ich habe mich für Beispiele des Hacktivismus entschieden, da dieser Widerstand gegen die Privatisierung und Überwachung des Internets repräsentiert. Hacktivismus oder Hactivismus ist eine Wortschöpfung aus „Hack“ und „Aktivismus“. Er beschreibt dabei den Einsatz computergestützter Techniken wie Hacking als Form des zivilen Ungehorsams.

Hacktivismus

Geprägt wurde der Begriff in den 1980er-Jahren von einer der ersten Gruppen, die Hacking ausdrücklich politisch verstanden: Cult of the Dead Cow (cDc). Die Gruppe setzt sich unter anderem gegen staatliche Zensur und für digitale Freiheitsrechte ein.

Hacktivismo entstand Anfang der 2000er-Jahre als Abspaltung aus dem Umfeld der cDc und hat sich stärker als andere frühe Hacktivist*innen auf Menschenrechte und Informationsfreiheit konzentriert. Bekannt wurde die Gruppe vor allem durch das sogenannte „Hacker’s Manifesto for Human Rights“.

Zusätzlich arbeitet Hacktivismo an der Entwicklung von Software, die anonymen Zugang zum Internet ermöglichen soll, insbesondere in Ländern mit starker staatlicher Kontrolle.

Das Electronic Disturbance Theater (EDT) nutzte Mitte der 1990er-Jahre digitale Technologien erstmals gezielt als Mittel zur politischer Unterstützung der zapatistischen Befreiungsbewegung (EZLN) in Mexiko. Dabei ging es nicht darum, Inhalte zu hacken, sondern darum, digitale Aufmerksamkeit und Störung als Strategie zu nutzen. Aktivist*innen aus aller Welt konnten sich über einfache Tools an sogenannten „virtuellen Sitzblockaden“ beteiligen. Ziel war es, bestimmte Webseiten gemeinsam aufzurufen und dadurch zeitweise zu beeinträchtigen, quasi eine digitale Entsprechung zu einer Demonstration im öffentlichen Raum.

Das bekannteste Kollektiv aus diesem Umfeld ist das dezentral organisierte Kollektiv Anonymous. Während der Occupy-Proteste unterstützte Anonymous soziale Bewegungen durch Leaks, Cyberangriffe oder die Veröffentlichung interner Informationen. Teilweise versuchen rechte Gruppen, den Namen für sich zu beschlagnahmen. Darum müssen wir darum kämpfen, dass der progressive Anspruch von Hacktivismus nicht verloren geht.

Genauso wie das Buch reale Kämpfe darstellt, lädt es auch zum Träumen im Dorfleben ein. Eine ideale Lektüre für alle, die selbst im Urlaub nicht auf Kapitalismuskritik verzichten wollen.