Eine aktuelle Ausstellung im Volkskundemuseum stellt 27 Kunstschaffende aus dem Ghetto und KZ Theresienstadt vor. Lediglich acht von ihnen haben die Shoah ĂŒberlebt. Die Ausstellung im Volkskundemuseum Wien ist noch bis 16. Dezember 2018 zu sehen. Wir empfehlen allen, die die Ausstellung versĂ€umt haben, einen Besuch in der GedenkstĂ€tte Theresienstadt.
Friedl Dicker-Brandeis galt als eine der vielseitigsten Vertreter_innen der mitteleuropĂ€ischen Zwischenkriegs-Avantgarde. Die brillante Architektin und engagierte Sozialkritikerin war in Ăsterreich eine der bedeutendsten ReprĂ€sentant_innen des âNeuen Bauensâ. Sie schuf aber auch fantastische Grafiken, Plastiken und BĂŒhnenbilder, kreierte Möbel und Schmuck. Ihre Lehre als KunstpĂ€dagogin absolvierte sie in der revolutionĂ€ren Zwischenkriegszeit bei dem damals fortschrittlichsten KunstpĂ€dagogen Franz Cizek.
Dicker-Brandeis engagierte sich bald im kommunistischen Widerstand. Sie gestaltete groĂartige Collagen und Plakate, die den Kapitalismus und Faschismus anprangerten. âWenn dir [âŠ] diese Welt nicht gefĂ€llt, dann musst du sie eben Ă€ndernâ, zitierte sie Bertolt Brecht 1930 in einer Arbeit. 1934 wurde sie wegen ihren politischen AktivitĂ€ten monatelang inhaftiert und floh dann nach Prag. 1938 bekam die KĂŒnstlerin zwar ein Visum fĂŒr PalĂ€stina, aber sie wanderte, um ihre Arbeit mit Kindern fortzusetzen, nicht aus. 1942 deportierten die Nazis Dicker-Brandeis nach Theresienstadt.
Selbst mit dem Tod vor Augen, wurde sie dort fĂŒr die Kinder zum Fels in der Brandung und organisierte Malunterricht gegen das Grauen. Eine ihrer SchĂŒlerinnen erinnerte sich spĂ€ter: âSie war selbst die Medizin. Und bis heute ist mir das Geheimnis ihres GefĂŒhls der Freiheit unfassbar. Es ĂŒbertrug sich von ihr auf uns wie elektrischer Strom.â Mit diesen Bildern im KZ Theresienstadt manifestiert sich die doppelte Kunst von Dicker-Brandeis, als PĂ€dagogin und als KĂŒnstlerin. 1944 wurde sie nach Auschwitz deportiert, nicht ohne vorher die etwa 5.000 Bilder der Kinder in Koffern zu verstauen, die vom Leiter des MĂ€dchenheims, Willy Groag, auf dem Dachboden versteckt und 1945 zur JĂŒdischen Gemeinde nach Prag gebracht wurden. Sie sei stĂ€rker als gedacht, schrieb sie noch in einem letzten Brief.
Kunst und Propaganda
KĂŒnstlerisches Schaffen ermöglichte im Grauen der alltĂ€glichen Folter die eigene Menschlichkeit und WĂŒrde zu retten. Warum erlaubten die barbarischen Folterknechte den KZ-Gefangenen diesen Freiraum im Elend? Einerseits waren in Theresienstadt viele Intellektuelle und junge politische Gegner_innen, die man â aus Angst vor aktivem Widerstand â versuchte ruhig zu stellen. Andererseits brauchten die Nazis zumindest ein âVorzeige-Konzentrationslagerâ. Kunst sollte den herrschenden Hunger, die Seuchen, die BrutalitĂ€t und Zwangsarbeit verdecken.
Auf internationalen Druck erteilte Adolf Eichmann Vertretern der dĂ€nischen Regierung sowie des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz die Erlaubnis, das Ghetto Theresienstadt am 23. Juni 1944 zu besichtigen. Monatelang zuvor mussten die Gefangenen fĂŒr âVerschönerungsmaĂnahmenâ â wie eine Fassade, Park- und Rasenanlagen â zwangsarbeiten. Schlussendlich wurden im Mai 1944 rund 7.500 Menschen nach Auschwitz deportiert, um das Ghetto weniger ĂŒberfĂŒllt erscheinen zu lassen.
Das Rote Kreuz lieĂ sich tĂ€uschen und inspizierte keine weiteren Lager im Osten. Die neue Kulisse nutzte das NS-Regime gleich fĂŒr die Herstellung des Propagandafilmes âTheresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jĂŒdischen Siedlungsgebietâ. Fiktive Spiel-, Freizeit-, Alltags- und KulturaktivitĂ€ten, wie etwa einen Ausschnitt aus der Kinderoper âBrundibĂĄrâ, gaukeln vitale Lebensbejahung vor. Der Regisseur, der HĂ€ftling Kurt Gerron, und die meisten unfreiwilligen âMitwirkendenâ wurden danach nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Die todgeweihten Kinder in den gezeigten Filmszenen gehen einem besonders nahe.
Vom Opfer zum KĂ€mpfer
Der kĂŒrzlich verstorbene, unvergessliche Rudolf Gelbard wurde im Alter von 12 Jahren von den Nazis in das KZ Theresienstadt deportiert. Neunzehn seiner Verwandten wurden damals ermordet. Gelbard wĂ€hlte durch seine Erfahrungen im KZ die antifaschistische KĂ€mpferrolle anstatt der Opferrolle. Als Zeitzeuge klĂ€rte er auf und leistete unermĂŒdlich Widerstand gegen Burschenschafter, NS-Nostalgiker und FPĂ-Nazi-Verharmloser. Gelbard verurteilte noch kurz vor seinem Tod am 24. Oktober 2018 scharf die Regierungsbeteiligung der FPĂ.
Die ĂVP/FPĂ-Regierung versucht mit Symbolpolitik die internationale Empörung zu beruhigen, etwa indem sie ein neues Shoah-Denkmal vor der Nationalbank baut. 2018 waren im Liederbuch der Burschenschaft des niederösterreichischen FPĂ-Landesparteiobmanns Udo Landbauer Texte wie âDa trat in ihre Mitte der Jude Ben Gurion: âGebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Millionââ unter vielen anderen NS-Liedertexten zu finden. Landbauer war sogar stellvertretender Vorsitzender der Burschenschaft. Aber in der strammen Burschenschafter-Partei, gefĂŒhrt vom Burschenschafter und Wehrsportler Strache, ist dies keine Karrierebremse, und der Koalitionspartner ĂVP schaut weg.
Heute noch wird den Opfern der Shoah ins Grab nachgespuckt. Angesichts dieser widerwÀrtigen Perversionen der österreichischen Politik kommt diese wichtige und sehr gut zusammengestellte Ausstellung genau zum richtigen Zeitpunkt. Bitte schaut hin!
Die Ausstellung lÀuft noch bis 16. Dezember: https://www.volkskundemuseum.at/theresienstadt
