Wie können wir den Planeten retten und die Klima-Katastrophe verhindern?

Kapitalismus führt zu Umweltzerstörung und Klimawandel – aber wir haben die Macht, dies zu stoppen, wenn wir die Welt verändern, erklärt Ian Angus im Gespräch mit Dave Sewell.
26. Juli 2017 |

Die Umweltbedingungen, die die menschliche Zivilisation durch die Geschichte hindurch möglich gemacht haben, sind dabei zu kollabieren. Schuld daran trägt der Kapitalismus, und Sozialismus ist die einzige Antwort.

So lautet die Warnung von Ian Angus, Autor und Redakteur der Website „Climate and Capitalism“.

Gegenüber dem Socialist Worker erzählt er: „Der Planet wird sich grundlegend verändern. Große Teile werden bis zum Ende dieses Jahrhunderts unbewohnbar, wenn wir nichts dagegen tun. Es ist sehr wahrscheinlich, dass noch in unserem Jahrhundert, die Meeresspiegel um ein bis zwei Meter steigen, oder sogar mehr. Das würde bedeuten dass die Themse übergehen und den Großteil der Londoner Innenstadt fluten würde.“

„Viele Städte sind direkt am Meer gebaut. Sie alle werden überschwemmt – nicht morgen, aber noch innerhalb der Lebenszeit unserer Enkel oder Urenkel. In einigen Teilen der Welt wird es zu heiß sein um noch zu arbeiten. Viele der betroffenen Gegenden sind genau jene, wo gegenwärtig ein großer Teil unseres Essens herkommt; Wir werden also auch ein Problem mit der Lebensmittelproduktion haben.“

Ian spielte eine wichtige Rolle in der Verbreitung des Anthropozän-Begriffs innerhalb der Linken. Viele Geolog_innen argumentieren, dass die relativ stabilen Klimabedingungen seit dem Ende der Eiszeit etwas viel Chaotischerem weichen werden. Ian meint: „Heute sehen wir, dass globale Erwärmung, Artensterben und viele andere Umweltkrisen zusammenlaufen. All diese Symptome haben mit dem Anthropozän zu tun.“

Das alles hat damit zu tun, wie unsere Gesellschaft organisiert ist. Ganz grundlegend ist es ein Problem des Kapitalismus.

Der Name dieser neuen Epoche leitet sich aus dem griechischen Wort für „Mensch“ ab. Denn die treibende Kraft dieser Krise ist die vom Kapitalismus dominierte Menschheit. Ian erklärt: „In den Jahrzehnten seit dem Ende des zweiten Weltkrieges vergrößerte sich der Einfluss des Menschen auf die Umwelt wie nie zuvor.“

„Durch die Geschichte hindurch haben wir mit Sicherheit Schaden verursacht, aber wir haben nicht die gesamte Art und Weise, wie die Erde funktioniert, durcheinander gebracht. Nun führt der menschliche Einfluss, in Form von fossilen Brennstoffen, zerstörerischen Bergbau- und Landwirtschaftsmethoden und vielem mehr, genau dazu! Das alles hat damit zu tun, wie unsere Gesellschaft organisiert ist. Ganz grundlegend ist es ein Problem des Kapitalismus“, sagt Ian, „Das Problem ist, dass unsere Sozialstruktur nicht Hand in Hand mit den natürlichen Prozessen der Erde geht, sondern gegen sie arbeitet.“

Ressourcen

„Das bedeutet, die Kurzfristigkeit gewinnt die Oberhand. Es bedeutet, dass die Ressourcen, mit denen wir achtsam haushalten sollten, komplett aufgebraucht werden. Es bedeutet, dass die Fruchtbarkeit der Erde zerstört wird und immer mehr und mehr Dünger benötigt wird.“

„Im Kapitalismus wird Landwirtschaft nicht betrieben, um Nahrung für Menschen zu produzieren, sondern die Agrarwirtschaft verwandelt fossile Brennstoffe in Waren für die Supermärkte. Wir haben ein vom Wachstum getriebenes System. Es muss intensiv und andauernd wachsen, um bestehen zu können. Das untergräbt die Basis, auf der sich Leben auf unserem Planeten entwickelt hat – eingeschlossen unserer eigenen Spezies.“

Viele Kommentator_innen versuchen die Schuld vom System auf die Menschheit als Ganzes abzuschieben. Ein Vorwurf der immer wieder aufkommt lautet, wir Menschen wären zu viele. Solche Erklärungsmuster entlassen das System aus der Verantwortung und, wenn auch unbeabsichtigt, rechtfertigen damit Angriffe gegen Migrant_innen und von Armut Betroffene. Abgesehend davon, dass es nicht stimme, so Ian.

„Es ist ein globales Problem“, meint er, „Und es gibt etwa 3 Milliarden Menschen auf der Erde, die gar nichts zur globalen Erwärmung beitragen, Menschen deren Treibhausgasemissionen praktisch Null sind.“

„Dann hast du weitere 2,5 Milliarden, deren Emissionen sehr gering sind. Es geht also nicht darum, was Individuen machen, sondern darum, was die großen Konzerne machen. Oder das US-Militär, oder das britische Militär – die haben einen größeren Einfluss auf das Klima als Millionen von Menschen da draußen.“

Am 29. April protestierten beim People’s Climate March in Wien 2,500 gegen die zerstörerische Klimapolitik der Regierung.

Politiker weltweit haben sich selbst dafür gefeiert, das Pariser Abkommen ratifiziert zu haben. Doch Ian meint: „Das einzig wirklich bemerkenswerte am Pariser Abkommen ist, dass sie es überhaupt geschafft haben es zu unterzeichenen. Wenn du dir genauer ansiehst, was da unterzeichnet wurde, geht es eigentlich nur um ‚Absichtserklärungen’.“

„Es gibt keine konkreten Forderungen, welche die Unterzeichner umsetzen müssten. Sie alle basteln jetzt an ihren eigenen Plänen, und niemand wird dafür bestraft, wenn diese nicht eingehalten werden. Es ist ein Abkommen, das auf der Annahme gründet, dass eigentlich nichts fundamental falsch läuft. Es geht davon aus, dass wir das schon lösen, indem wir etwa die Benzinpreise leicht erhöhen. Tatsächlich müssten wir komplett auf fossile Brennstoffe verzichten.“

„Und obwohl es hier lediglich um unbedeutende Absichtserklärungen geht, hat sich das größte kapitalistische Land der Welt gerade davon verabschiedet. Die US-Regierung steigt aus einem Abkommen aus, das ihnen absolut nichts abverlangt hätte, nur um nicht zugeben zu müssen, dass überhaupt ein Problem besteht. Das ist beängstigend.“ Es muss etwas getan werden, und zwar dringend.

Umkehr

Ian meint: „Die Veränderungen sind in vollem Gange – die Frage wird sein, wie wir sie verlangsamen, wie wir uns ihnen anpassen und was davon wir rückgängig machen können. Unsere Regierungen denken nicht einmal über diese Fragen nach, geschweige denn, dass sie Antworten darauf hätten. Wir können uns dem Problem jetzt stellen, doch umso länger wir konkrete Schritte verschieben, umso härter wird es.“

Angesichts einer sich abzeichnenden Klima-Katastrophe, kann man sich leicht ohnmächtig fühlen. Ian fürchtet, „dass das alles zu groß ist, um es noch in den Griff zu bekommen. Wir reden praktisch das erste Mal in der Menschheitsgeschichte von Problemen globalen Ausmaßes.

Im 20. Jahrhundert haben wir das Problem der Nukleartests konfrontiert, als sich der radioaktive Niederschlag auf der ganzen Welt verbreitete. Wir haben es geschafft ihre Nukleartests zu stoppen; Es waren beachtliche Bewegungen, die das geschafft haben. Doch damals hatten wir den Vorteil, dass es nur eine kleine Anzahl an Staaten war, die so etwas gemacht haben.

Ähnlich war es auch, als wir erfolgreich die Freisetzung von Chemikalien rückgängig machten, die die Ozonschicht zerstörten. Auch hier musste praktisch nur eine einzelne Veränderung erwirkt werden, die dazu noch eine überschaubare Anzahl an Konzernen betraf. Nun müssen wir aber Veränderungen vornehmen, die die globlale Wirtschaft und die Art und Weise, wie sie funktioniert, verändern.“

Doch das macht es nicht unmöglich. Ian setzt seine Hoffnung in die Umweltbewegung. Er betont: „Wir können die Ausbreitung fossiler Brennstoffe in der Produktion zurückdrängen. Wir können Fracking zurückschlagen und auf Alternativen wie Windfarmen setzen und damit Klima-Jobs schaffen.“

„Bewegungen werden von Menschen gemacht, die Kämpfe in ihrer Umgebung austragen und diese schrittweise ausweiten. Der Schlüssel ist, eine Gegenkraft zu diesem komplett irrationalen System zu schaffen.“

Manche Gewerkschaften betrachten den Kampf gegen Klimawandel als Ablenkung von, oder sogar als Gefahr für den Kampf um Jobs. Doch für Ian gehören diese Themen zusammen. „Wir reden darüber, wie wir in einer Welt zurechtkommen, in der wir besser früher als später auf fossile Brennstoffe verzichten. Das heißt, wir müssen einen ziemlich radikalen Wandel vollziehen, wie unsere Jobs und unsere Wirtschaft aussehen.“

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Noch kritischer ist Ian gegenüber jenen, die meinen, aufgrund der Dringlichkeit des Klimawandels sozialistische Ideen und Arbeiterforderungen hintenanzustellen. Manche Umweltschützer_innen argumentieren, dass die Menschheit als Ganzes vom Klimawandel betroffen sei, und es deswegen eine Bewegung brauche, die so breit ist, dass sogar Kapitalisten und rechte Parteien darin Platz haben.

Doch Ian hält dagegen: „Es ist einfach, alle sozialen, politischen und ökonomischen Forderungen beiseite zu schieben und sich nur auf die Umwelt zu konzentrieren. Doch wenn wir uns allein das Problem der Treibhausgasemissionen ansehen, ist es nicht möglich, diese ohne erhebliche soziale, politische und ökonomische Veränderungen loszuwerden.“

„Es gibt hier keine künstliche Trennung. Wir brauchen auf jeden Fall Bewegungen, die Sozialist_innen und Menschen, die keine Sozialist_innen sind, zusammenbringen. Aber wir müssen auch verstehen, dass es ohne radikale Veränderung der zugrundeliegenden Struktur unseres ökonomischen Systems keine Lösung geben wird.“

Zur Person: Ian Angus ist Autor und Redakteur der Website climateandcapitalism.com. Unter anderem schrieb er das Buch „Facing the Anthropocene — Fossil Capitalism and the Crisis of the Earth System“.
Übersetzung aus dem Englischen: Alexander Akladious. Original-Artikel
Der Verfasser/die Verfasserin hat den Artikel mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt.