Wenn die Freifläche in Wien St. Marx einer Mega-Eventhalle weichen muss, verliert die Stadt nicht nur einen der wichtigsten Plätze, an dem sich Menschen jeglicher Zugehörigkeit und Altersgruppe ausleben können, sondern auch ein Stück weit ihre sozialistischen Wurzeln.
hDiese Flächen sollten allen Menschen zur Verfügung stehen – nicht nur denen, die Geld, Zeit und Sichtbarkeit haben. Die geplante Mega-Eventhalle wäre ein weiterer Schritt dahingehend, dass Wien zu einer Stadt für die groß wird. Uns reicht´s. Wien ist unser Zuhause. Wien ist unsere ganze Geschichte. Wien ist unsere Liebe. Es ist unser Platz. Es ist unsere Zukunft. Wir haben das aufgebaut. Wir haben dem Platz einen Wert gegeben, den ihr nicht gesehen habt. Und immer noch nicht seht. Man kann das nicht mit Geld kaufen.
Skaten als Selbstbefreiung
Skaten ist für uns ein Gefühl von Unabhängigkeit genauso wie Zusammenhalt. Skaten ist für uns ein Raum, in dem Geschlecht, Herkunft, Körpernormen und Leistungsdruck für einen Moment unwichtig werden. Ein Raum, in dem wir laut sein können, Platz einnehmen, fallen, scheitern und wieder aufstehen – ohne bewertet zu werden.
Wir erinnern uns alle daran, wie wir ein Brett als Weihnachtsgeschenk, Rollen als Geburtstagsgeschenk und die Achsen vom Jugendzentrum zusammen hatten, und endlich raus konnten. Mit was willst du dich beschäftigen, wenn deine Eltern jeden Tag bis 18 Uhr arbeiten sind, und am Abend Zeit für sich brauchen, weil sie den ganzen Tag ihre Energie in andere Menschen stecken mussten. Inklusive uns. Wir haben unsere Hausübungen selber gemacht, ohne Hilfe von der Mama. Wir haben auf diesem Platz gelernt, dass es Wichtigeres gibt als immer zu funktionieren und das wir Zusammenhalt finden können. Öffentliche Plätze sind Teil eines kollektiven Fürsorgessystems, damit nicht nur unsere Eltern, oder konkreter unsere Mütter, sich den ganzen Tag um die Kinder kümmern müssen.
Manche, die Glück haben, lernen zu lieben. Lernen, über ihre von den Eltern übernommenen Versagensängsten drüberzustehen. Manche glauben, dass die Gefühle der Versagensangst, die sie von ihren Eltern geerbt haben, ihre eigenen sind. Sie glauben, was ihnen von manchen in der Schule gesagt wird. Ihr Potenzial wird nicht gesehen. Ihre Unterschiede werden nicht als Stärken erkannt. Ihre Neugier wird nicht gefördert. Der Skaterpark war für uns ein Ort, an dem wir uns ausprobieren konnten.
Dort haben wir gemerkt, dass wir nicht alleine sind. Wir konnten fühlen und leben. Wir wollten fallen und wieder aufstehen. Wir wollten um Führung bitten und dann doch unseren Weg gehen. Vertraut uns. Wir tun es auch. Wissen Sie überhaupt, wie sich das anfühlt? Wissen Sie, wie das ist, wenn man auf der Rampe steht und von zehn Kindern angefeuert wird, sich endlich zu trauen, runterzufahren? Kinder, die du nicht kennst, mit denen du nichts gemeinsam hast. Außer, dass du dich fühlen willst. Mir hat das Skaten ein eigenes Gefühl von Selbstvertrauen gegeben, dass ich an anderen Orten so selten bekommen habe. Außerhalb dieser Community geht es oft darum, wer bist du, was machst du, hast du Geld, erfüllst du Schönheitsansprüche und so weiter. Doch beim Skaten konnte ich wirklich ich sein und das machen, was mir Spaß macht, ohne dass ich dafür bewertet wurde.
Freunde von uns, die auf diesem Park gechillt haben, sind an einer Überdosis gestorben. Freunde, die dort gechillt haben, studieren jetzt Chemie, Medizin und Physik an der Uni Wien. Freunde, die dort gechillt haben, konnten sich dort das erste Mal selbst verwirklichen. Was ich sagen will, ist: Dieser Platz ist Nährboden für Neues und echte Freundschaften.
Deswegen sind wir auch stinksauer. Die einzige positive Erinnerung an diese beschissene Zeit war, mit einer Tschick und einem warmen Bier – das reicht auch, um besoffen zu werden, sodass man sich endlich traut, die Rampe runterzufahren – auf diesem Platz. Diese Erinnerungen sollen jetzt kaputt gemacht werden. Also bitte macht’s einmal was Leiwandes und haut euch zu uns auf den Platz, nehmt eine fette Hüpfburg mit. Kämpfen wir dafür, dass nicht der nächste schöne Ort einer seelenlosen Eventhalle weichen muss.
Leser*innenbrief von Mila Zoe Fuchs und Leon Zehentner
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