Die Geschichte einer radikalen Sozialistin und Kriegsgegnerin aus den USA, die illegal Abtreibungen durchführte und offen als Lesbe lebte. Equi war Gallionsfigur des Widerstands in jeder Lebenssphäre – in der Arbeit, auf der Straße und im Privaten.
Equi wurde im April 1872 als Tochter zweier Migranten geboren. Die Mutter irisch, der Vater Italiener waren beide in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die USA gekommen. Die Realität sah anders aus: Ab ihrem 8. Lebensjahr musste Equi jahrelang in einer Textilfabrik in Massachusetts schuften. Nachdem sie als Jugendliche einige Jahre bei ihrem Großvater in Italien verbrachte, kehrte sie mit 17 Jahren zurück in die USA und reiste mit ihrer Freundin, Bess Holcom, in den Westen. Schon früh machte sich ein ausgeprägtes Klassenbewusstsein und revolutionärer Mut bemerkbar: Als Holcom von ihrem Arbeitgeber 100 Dollar weniger Lohn erhielt als versprochen, marschierte die 21-jährige Equi mit einer Reitpeitsche vor dem Büro des Chefs Taylor auf. Unterstützt von einer jubelnden Menge, drohte sie, dass sie „Taylor verhauen würde, und wenn es der letzte Akt ihres Lebens sei.“Als dieser der Forderung nicht nachkam, setzte sie ihre Drohung in die Tat um.
Ärztin für Frauenbefreiung
Ab 1901 studierte sie als eine der ersten Frauen in ihrem Bundesland an der University of Oregon Medical School. Nach ihrem Abschluss 1903 öffnete sie eine Praxis in Portland, in der sie vor allem Frauen und Kinder aus der Arbeiter*innenklasse behandelte. Während des schrecklichen Erdbebens in San Francisco 1906 organisierte sie ein Team aus medizinischem Personal, dass rasch Hilfe leistete. Dafür wurde sie sogar von der U.S. Army gewürdigt – ein Treppenwitz der Geschichte, denn Equi sollte später als eine der radikalsten Kriegsgegner*innen des ganzen Landes bekannt werden.
In dieser Zeit lebte Equi bereits in einer offen lesbischen Beziehung mit der Industriellentochter Henrietta Speckhart und führte illegal Abtreibungen durch.
Vorfall am Streikposten
Ihr antikapitalistisches Engagement intensivierte sich nach einem Vorfall 1913 am Streikposten gegen die Oregon Packing Company: Die berittene Polizei schlug den Arbeiter*innen von oben mit Knüppeln auf den Kopf und zerrte eine schwangere indigene Frau von der Bühne, die gerade eine Rede hielt. Equi, außer Rand und Band über diese Ungerechtigkeit, folgte der Verhafteten zum Gerichtsgebäude, kämpfte mit dem Sheriff und dem Nachtwächter, um sich Zugang zu verschaffen und überredete den Aufzugführer sie zum Gefängnis zu bringen. Sie schaffte es tatsächlich, dass die Frau in ihrer Begleitung gehen durfte – ohne registriert zu werden. Eine Fluchsalve auf den Sherriff ablassend verließen sie das Gebäude. Danach trat Equi, die sich inzwischen selbst als Anarchistin bezeichnete, derI.W.W. (Industrial Workers of the World) Bewegung bei und wurde rasch eine wichtige Organisatorin und Rednerin.
Kriegsgegnerschaft
Nach Ausbruch des ersten Weltkriegs trat sie der American Union Against Militarism bei. Bei einer riesigen Parade für Kriegsvorbereitungen in Portland (etwa 20.000 Beteiligte) zeigte sie ein Transparent mit der Aufschrift „Bereite dich auf den Tod vor, Arbeiter. J.P. Morgan und Co. wollen Vorbereitung für den Profit.“Das Banner löste Aufruhr in der patriotisch gesinnten Menge aus und rückte Equi noch stärker ins Visier der Polizei. Im Dezember 1918 wurde sie wie zahlreiche weitere Oppositionelle unter dem neu abgeänderten Spionagegesetzt für „Aufruhr“ verurteilt und musste ab 1920 mehrere Jahre in Haft absitzen. Der Staatsanwalt ließ zum Ende des Prozesses ein hitzige Tirade gegen Equi und die IWW ab, in der er ausrief: „Eine rote Fahne weht über Russland, Deutschland und einem großen Teil Europas. Wenn ihr diese Frau nicht ins Gefängnis steckt, sage ich euch, wird sie über die ganze Welt wehen!“
