Michael Doblmair von der Initiative „Schule brennt“ schreibt in seinem Leserbrief über die Explosion des antimuslimischen Rassismus. Die Initiative dokumentiert rassistische Übergriffe und zeigt, wie es muslimischen Schülerinnen mit dem Kopftuchverbot wirklich geht.
Das nun seit September geltende Kopftuchverbot soll Mädchen schützen, meinen die Befürworter eines solchen. Mädchen soll endlich die Möglichkeiten gegeben werden, bis zur Religionsmündigkeit frei von religiöser Beeinflussung zu sein, um sich entfalten zu können. Nun sind die ersten Schulwochen mit Kopftuchverbot vorüber. Der Boulevard skandalisiert die rund 80 bis 90 skandalösen Mädchen, oder viel mehr ihre Eltern, die darauf bestehen, ihr Kopftuch weiterhin tragen zu wollen. Schule Brennt! hat in diesen ersten Wochen unzählige Nachrichten von Lehrer:innen, Schüler:innen und Eltern erhalten. Die Erzählungen zeigen nicht nur, wie es den Schülerinnen mit diesem Kopftuchverbot wirklich geht, sondern verraten auch vieles über die Gesellschaft, in der wir leben. Ich möchte als Aktivist von Schule Brennt! hier wiedergeben, welche Erfahrungen uns zugespielt werden, und was diese für Lehrer:innen oder für hier Lebende bedeuten.
„Schon seit letztem Jahr wusste ich, was auf uns zukommt. Obwohl ich selbst Kopftuch trage, habe ich verzweifelt versucht, meine 12-jährige Tochter davon zu überzeugen, es in der Schule abzunehmen. … aus reiner Mutterliebe: Ich wollte sie vor Stigma, dem Druck und den bürokratischen Mühlen beschützen, die ich selbst schon kenne“, schreibt uns eine Mutter in der ersten Woche. Muslim:innen sind mindestens seit den Wahlkämpfen der FPÖ um das Jahr 2000 zur Zielscheibe rassistischer Politik geworden und müssen als Sündenböcke für die Auswirkungen neoliberaler Politik erhalten. Dieses Gesetz ist für sich betrachtet schon diskriminierend: Warum wird Schülerinnen, „welche den Schulfrieden selbst nicht stören“, wie der Verfassungsgerichtshof 2020 bereits meinte, eine Maßnahme, eine Kleiderordnung auferlegt? Naiv wäre es jedoch zu meinen, dass dieses Gesetz an den Grenzen des Erlaubten Halt macht!
Wir erfahren, dass Schülerinnen das Kopftuch von Mitschülern vom Kopf gerissen wird, und die Täter wähnen sich im Recht. Mädchen werden von Direktor:innen angeschrien, ihnen wurde erklärt, dass sie Österreich verlassen müssen, wenn sie das Kopftuch nicht abnehmen. Manche Mädchen mussten Stunden vor dem Konferenzzimmer sitzen und erst wenn sie das Kopftuch abnähmen, dürften sie wieder am Unterricht teilnehmen. Eine Schule beschloss, künftig gar keine Kopftuch tragende Frauen mehr anzustellen. Lehrerinnen werden unter Druck gesetzt, weil ihre Töchter, ein Kopftuch tragen, oder sie selbst. Täglich wird auf Mädchen an manchen Schulen von Lehrer:innen und Direktor:innen Druck ausgeübt, bis sie endlich gebrochen sind und klein beigeben. Auch von Kindeswohl keine Spur mehr, wenn Lehrer:innen und Direktor:innen mit aller Härte dem Gesetz nacheifern, zuweilen weit darüber agieren. Oder Journalist:innen, die vermeintlichen Minderjährigen beim Gang in die Schule auflauern und fotografieren, sie öffentlich bezichtigen, eine Straftat zu begehen, die mit jenen Fotos mitnichten dokumentiert ist. Vornamen von Kindern werden veröffentlicht, um von ethnischer Säuberung zu phantasieren. Währenddessen organisiert die FPÖ, dass überall das christliche Kreuz in den Klassenzimmern hängt. Naiv also, wer denkt, hier ginge es um die Trennung von Staat und Religion. Diese Exzesse sind die Folge und einer der Höhepunkte des jahrzehntelangen antimuslimischen Rassismus, der auch von staatlicher Seite kultiviert wird, um von der wirtschaftsliberalen Politik in den Diensten der Reichen abzulenken. Für Lehrer:innen bedeutet das – gewollt oder nicht – in der Schule Kompliz:innen rassistischer Politik zu werden oder Repressalien fürchten zu müssen, wenn sie sich weigern. Gleichzeitig sind es Lehrer:innen, die stundenlang Gespräche mit weinenden Mädchen führen, ihnen die Hand halten und versichern, dass sie das Gesetz genauso unfair finden wie sie. Melisa Erkurt hat in ihrem Buch 2020 anlässlich des ersten Kopftuchverbots bereits geschrieben, dass Österreich sich vor dem Islam fürchtet, Muslime fürchten sich im Gegenzug um Leib und Leben. Was sich in diesen Wochen abspielt, ist ein Lehrstück der Faschisierung der Gesellschaft.
Michael Doblmair von Schule brennt!
