Wie lautet Carol Bradys Mädchenname? Diese simple Google-Suchanfrage läutete für die Autorin Shoshana Zuboff das Zeitalter des Überwachungskapitalismus ein. Wieso? Diese Frage landete 2002 an der Spitze der weltweiten Google-Suchanfragen. Warum? Kurz zuvor war sie in der Millionenshow gestellt worden.
Dieses Ereignis machte klar, wie einfach es durch Google werden würde, gesamtgesellschaftliche Trends vorherzusagen. Wer Zugriff auf die Google-Suchanfragen hatte, wusste, welche Fragen Zehntausende Menschen zu einem Zeitpunkt X beschäftigten.
Eine der großen Stärken von Zuboffs Buch ist, dass sie zeigt: Nicht die Technologie schafft den Überwachungskapitalismus, sondern die Art und Weise, wie diese Technologie eingesetzt wird. Mit dieser Interpretation widerspricht sie der Propaganda von Google und Co. Die Konzerne des Silicon Valley wollen uns glauben machen, Überwachung sei automatisch ein Bestandteil der Technologie. Doch das ist Unsinn. Unternehmen entscheiden sich bewusst dafür, Daten zu speichern und mithilfe spezifischer algorithmischer Verfahren Trends aus ihnen abzuleiten.
Zuboff widerspricht auch der Darstellung, der Überwachungskapitalismus sei ein Produkt der Bequemlichkeit oder Faulheit der Nutzer*innen. Sie betont vielmehr zwei gleichzeitig ablaufende Tendenzen, die den Überwachungskapitalismus hervorgebracht haben. Auf der einen Seite Individualisierungsprozesse, die – begünstigt durch die neoliberale Phase des Kapitalismus – das Selbstbild des Menschen zerstörten. Sie stellt die richtige Frage: Welche soziale Ödnis musste der Kapitalismus schaffen – der Abbau von Jugendzentren, die Zerstörung des Freizeitsports, die Objektifizierung von Beziehungen – damit die Existenz in den sozialen Netzwerken überhaupt erstrebenswert wurde? Sie polemisiert: „Der Patient in den Anfängen der Psychoanalyse litt unter den Hemmungen, das zu sein, was er glaubte zu sein. Heute leidet er daran, nicht das zu sein, was er werden sollte.“
In ihren Augen zerstörte der Industriekapitalismus unsere Beziehung zur Natur, der Überwachungskapitalismus zerstört die Beziehung zu uns selbst. In diesen Passagen arbeitet Zuboff auch überzeugend mit dem marxistischen Konzept der Entfremdung.
Geheimdienste
Die zweite Tendenz, welche den Überwachungskapitalismus groß machte, war das Verlangen der US-Geheimdienste nach immer mehr Nutzerdaten. Der CIA-Direktor Michael Hayden erklärte 2013: „Man könnte der CIA in den Jahren nach 9/11 durchaus zurecht die Militarisierung des World Wide Webs vorwerfen.“
Wenn man sich fragt, wie es möglich ist, dass die CIA mehr über angebliche Anschlagspläne aus Hintertupfingen in Österreich auf Taylor-Swift-Konzerte weiß als österreichische Polizeistationen, liefert das Buch Antworten darauf. Akribisch werden die Beziehungen zwischen den US-Geheimdiensten und Google aufgeschlüsselt. Zuboff beschreibt, wie unter der Präsidentschaft Barack Obamas der „Drehtüreffekt“ in Mode kam. IT-Spezialist*innen wechselten von privaten Unternehmen wie Google in die Welt der Geheimdienste und wieder zurück. Mindestens 197 wechselten von hohen Regierungsposten zu Google und 61 von Google in hohe Regierungsposten.
Unbedingt lesenswert
Das Buch ist eine unbedingte Leseempfehlung für alle Linken, auch wenn man dem Buch mit fast 600 Seiten eine gewisse Überlänge vorwerfen muss. Allerdings versperrt sich Zuboff einem revolutionären Ausweg und teilweise lesen sich Passagen klassisch keynesianisch.
Sie will den Kapitalismus vor dem Überwachungskapitalismus retten. Als revolutionäre Linke sollten wir aber den Kapitalismus in die Tonne treten. Trotz dieser Schwächen lädt das Buch gerade auch für marxistische Zugänge, zum Weiterdenken und Diskutieren ein.
