Der Kapitalismus bombardiert uns einerseits mit dem Ideal, dass Kleidung ein Ausdruck der Individualität sei. Gleichzeitig verwehrt er uns aber die Mittel, um wirklich einzigartig zu sein. Sarah Bates untersucht, wie uns Karl Marx dabei helfen kann, diesen Widerspruch zu verstehen.
Zu dieser Jahreszeit sind die Einkaufsstraßen – oder das, was davon noch übrig ist – voller rot-weißer Banner mit der Aufschrift „letzte Chance zum Kauf“. Wir werden mit dringenden Aufforderungen bombardiert, uns ein Schnäppchen zu sichern, das uns angeblich das ersehnte Selbstvertrauen und sozialen Erfolg verschafft.
Zu Recht wird billige „Fast Fashion“ heftig kritisiert, da sie der Umwelt schadet und von Arbeiter*innen unter extrem schlechten Bedingungen hergestellt wird.
Sozialist*innen wollen Kleidung, die nicht die Welt kostet, sowie menschenwürdige Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten in der Bekleidungsindustrie. Doch damit sind wir noch lange nicht am Ziel. Die Schriften von Karl Marx ermöglichen es uns, die Modeindustrie sowohl aus der Perspektive der Produzent*innen als auch der Konsument*innen zu untersuchen und zu ergründen, wie diese miteinander in Beziehung stehen.
Marx schrieb über den Widerspruch zwischen dem Glanz von Luxusgütern und den schrecklichen Bedingungen, unter denen die Arbeiter*innen bei deren Herstellung leiden mussten. „Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß die Produktion gerade derjenigen Artikel, die zum persönlichen Schmuck der Damen von der Bourgeoisie dienen, mit den traurigsten Folgen für die Gesundheit der dabei beschäftigten Arbeiter verknüpft ist“, schrieb er.
Es geht jedoch nicht nur darum, dass sich die Arbeiter*innen die von ihnen hergestellten Gegenstände oder erbrachten Dienstleistungen nicht leisten können. Der kapitalistische Arbeitsplatz ist nicht darauf ausgerichtet unsere Wünsche und Bedürfnisse zu erfüllen, sondern auf Profitakkumulation.
Kleidung als Statussymbol
Kleidung ist mehr als nur ein Gegenstand, der unseren nackten Körper bedeckt oder uns warm hält. Die Wahl unserer Kleidung kann Ausdruck unserer Persönlichkeit und Individualität sein. Was wir tragen, hängt eng mit unserem Geschlechtsausdruck, unserer sexuellen Orientierung, unserer kulturellen Identität und unserer sozialen Stellung zusammen.
Kleidung bietet die Möglichkeit, sich von der Masse abzuheben und sich gleichzeitig in einen sozialen und kulturellen Kontext einzuordnen.
Dieser Ausdruck von Identität kann sich besonders wichtig anfühlen, wenn viele von uns einen Großteil ihres Lebens Uniformen tragen. Bereits in der frühen Kindheit erhalten englische Kinder ihr erstes Paar polierte schwarze Schulschuhe.
Uniformen am Arbeitsplatz und in der Schule spiegeln Hierarchien wider. Oft trägt der Chef einen Anzug, während die Mitarbeiter gezwungen sind, grelle Polyesterkleidung zu tragen. Manchmal führen Chefs „Casual Fridays“ ein – sei es als kleine Belohnung oder um ein Gefühl von Ungezwungenheit zu vermitteln.
Die meisten von uns kaufen billige, massenproduzierte Mode in Supermärkten, bei Onlinehändlern oder in Bekleidungsgeschäften. Doch egal, ob man bei H&M, Shein oder Sainsbury’s einkauft – die Kleidung sieht weitgehend gleich aus. Das liegt daran, dass sie von ähnlichen Designern aus denselben Stoffen in denselben Fabriken hergestellt wird.
Obwohl uns dieselbe Kleidung verkauft wird wie den meisten anderen Menschen, wird uns gleichzeitig der Mythos der „Individualität“ suggeriert. Uns wird suggeriert, dass wir, wenn wir die richtige Kleidung kaufen und sie richtig tragen, unser Verlangen nach individueller Selbstdarstellung erfüllen können.
Individualität und Kapitalismus
Die Art und Weise, wie wir im Kapitalismus dazu angehalten werden, uns selbst zu sehen, ist eng verbunden mit dem Konzept des Selbst und der individuellen Identität.
Die kapitalistische Modeindustrie möchte, dass Verbraucher nach Individualität streben. Gleichzeitig nimmt sie ihnen jedoch die Möglichkeit, diese zu erreichen.
Die Beziehung zwischen der Mode der Reichen und der Kleidung des Restes von uns ist jedoch vielschichtiger. Im Kapitalismus stehen die Moden der Reichen und der Armen in Wechselwirkung zueinander.
Designer übernehmen regelmäßig Ideen direkt aus Jugend-Subkulturen. Beispiele hierfür sind die mit Sicherheitsnadeln besetzten Jeans und Lederkleidung der Punks oder die dramatischen schwarzen Outfits der Goths.
Während junge Menschen ihre eigene Identität finden, dient Kleidung uns als Mittel, um der Welt zu zeigen, wer wir sind, und um einen einzigartigen Stil zu entwickeln.
Doch diese organisch entstandenen Streetstyles, die oft von jungen Menschen aus unterdrückten Gruppen und der Arbeiter*innenklasse ins Leben gerufen werden, werden schnell von Luxusdesignern aufgegriffen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Art und Weise, wie Sportbekleidungsunternehmen wie Nike mit ihrem Slogan „Just do it“ Turnschuhe vermarkten.
Das Unternehmen präsentiert seine Produkte als unverzichtbar für sportliche Höchstleistungen und als Symbole einer lebendigen jugendlichen Straßenkultur. Um seine Produkte in der Welt seiner Zielgruppe zu verorten, nutzt Nike deren Musik, Bildsprache, Ausdrucksweise und weitere kulturelle Bezüge.
Nur eine winzige Minderheit der Reichen kann sich die exklusivste, maßgefertigte Mode aus den luxuriösesten Materialien leisten. Diese Kleidungsstücke zeugen von der Kreativität der Designer*innen und werden von Prominenten gekauft, um sie bei Galadinners oder auf dem roten Teppich zur Schau zu stellen.
Die Kosten für Designerkleidung übersteigen die Kosten für die Rohstoffe und die Löhne der Arbeiter, die sie herstellen, bei Weitem. Es handelt sich um eine extrem ausbeuterische Industrie – ganz gleich, ob die Kleidung in Bangladesch oder in Paris produziert wird.
Der eigentliche Sinn von einzigartigen Designerkleidungsstücken besteht jedoch darin, eine ausgeprägte und individuelle Persönlichkeit zu zeigen – etwas, das nur wenige von uns zum Ausdruck bringen können.
Manche Menschen aus der Arbeiterklasse sparen, um ihr hart verdientes Geld für Designerkleidung auszugeben, die zu stark überhöhten Preisen verkauft wird. Dabei geht es zum Teil um Status, aber auch darum, ein Stückchen jener „Individualität“ zu ergattern, die man auf dem roten Teppich sieht.
Entfremdung
Das marxistische Konzept der Entfremdung hilft dabei, die wichtige Rolle zu erklären, die Mode in unserem Leben spielt. Wie andere Branchen auch ist die Modeindustrie sowohl eine Quelle der Ausbeutung als auch eine Chance für Kreativität.
Die meisten Menschen haben keine andere Wahl, als den Großteil ihres Lebens zu arbeiten. Doch ihnen wird jegliche Kontrolle darüber verwehrt, wie sie arbeiten und wie die Ergebnisse aussehen. Marx bezeichnete diesen Mangel an Kontrolle über unsere Arbeit und die Ergebnisse als Entfremdung.
Zusammenarbeit mit anderen kann kreativ und erfüllend sein. In der kapitalistischen Gesellschaft ist sie jedoch meist frustrierend, mühsam und kräftezehrend. Die Arbeit raubt uns unsere Kreativität und macht uns krank.
Marx sah die ungenutzte Kreativität der Arbeiter als einen der wesentlichen Unterschiede zwischen Menschen und anderen Tieren. Er beschrieb, wie Spinnen Vorgänge ausführen, die denen von Webern ähneln, und wie Bienen Waben herstellen.
Diese Strukturen mögen wie Wunder der Natur erscheinen und sind zweifellos das Ergebnis von Anstrengung. Doch sie enthalten nicht die gleichen Bestandteile wie menschliche Arbeit.
Marx argumentierte, dass andere Tiere ein eng begrenztes Leben führten, das von Instinkt und dem Streben nach Überleben bestimmt sei. Menschen hingegen besäßen die Fähigkeit, über ihre unmittelbaren Bedürfnisse hinaus zu denken und sich kreativ zu verhalten. Marx schrieb, entfremdete Arbeit im Kapitalismus schaffe „Wunder und Schönheit jenseits der Notwendigkeit“, bringe aber gleichzeitig „Leid“ für die Arbeiter*innen hervor.
Genau dieses Potenzial wird am kapitalistischen Arbeitsplatz verschwendet. Die Chefs wollen, dass wir Spinnen sind, die endlos immer wieder dasselbe Netz weben. Dabei könnten wir so viel mehr schaffen!
Wir verfügen über die Fähigkeit zu fantasievoller Arbeit. Diese Fähigkeit bleibt in unserem Leben oft ungenutzt. In jeder Phase der Modeproduktion wissen die Arbeiter*innen mehr über ihre Arbeit als die Chefs. Sie gestalten, sie nähen, sie schneiden, sie veredeln, sie vermarkten und sie verkaufen.
Betrachten wir beispielsweise die Näher*innen. Sie sind gezwungen, am Fließband zu arbeiten. Das kann langweilig sein und ist mitunter gefährlich.
Ein weiteres Beispiel sind Menschen, die stundenlang auf Feldern Baumwolle pflücken. Sie sind gezwungen, den ganzen Tag lang dieselbe körperlich anstrengende Arbeit zu verrichten, obwohl ein Teil davon aufgeteilt oder automatisiert werden könnte. Die Baumwollpflücker*innen und die Näher*innen haben Ideen und Erfahrungen, mit denen sich ihre Arbeit verbessern ließe.
Doch diese Chance wird ihnen verwehrt, da das derzeitige System darauf ausgelegt ist, Gewinne zu maximieren. Die Chefs brauchen Arbeiter*innen, die gehorsam sind, strenge Disziplin akzeptieren und die Autorität ihrer Ausbeuter akzeptieren.
Die meisten Menschen, die in der Bekleidungsindustrie arbeiten, sind arme Frauen aus dem Globalen Süden. Das macht es den Konzernen leichter, sie, ihre Fähigkeiten und ihre Ideen zu ignorieren.
Wir leben in einer zutiefst entmutigenden Welt. Uns wird gesagt, dass wir vor allem durch den Erwerb von Konsumgütern Erfüllung und soziale Verbindungen finden. Mode und Konsumentscheidungen sind eine Möglichkeit, wie Menschen ständig nach Wegen suchen, um sich selbst zu verwirklichen, und sich dabei einer Illusion von Wahlfreiheit hingeben.
Die Modeindustrie verstärkt das Gefühl, dass in unserem Leben etwas fehlt, und nutzt dann unsere Unsicherheiten aus. Dies ist möglich, weil die Entfremdung unser Bedürfnis, uns zu kleiden, im Kontext der kapitalistischen Gesellschaft prägt.
Denken wir daran, wie kubanische Absätze Männer größer erscheinen lassen und wie „Spanx“ (figurformende Unterwäsche) alle Unebenheiten und Rundungen unseres Körpers glätten soll.
Marx’ Entfremdungstheorie ist mehr als nur eine Untersuchung darüber, inwiefern der Kapitalismus für menschliches Elend verantwortlich ist.
Die Entfremdungstheorie ist eine zutiefst optimistische Analyse. Marx argumentiert, dass die Menschen der Arbeiterklasse das Potenzial haben, gemeinsam und kreativ das zu produzieren, was sie benötigen, und so Herr ihres eigenen Schicksals zu werden.
Er glaubte nicht, dass wir unsere Tage damit verbringen müssten, die Netze der Bosse zu weben – und er hatte recht.
Der Artikel ist zuerst im englischen Socialist Worker erschienen. Übersetzt von Jakob Zelger-Weinberger
