Guernica – ein Bild unserer Zeit

Guerniaca Fliesen: Nachbildung in Guernica_Tony Hisgett © BY 2.0 Nachbildung aus Fliesen von Picassos Gemälde "Guernica" in der gleichnamigen Stadt

Vor 80 Jahren schuf Pablo Picasso als Reaktion auf die Zerstörung der baskischen Stadt Guernica eines seiner berühmtesten Werke. Phil Butland erklärt, warum es heute zu den beeindruckendsten Antikriegsgemälden, die jemals geschaffen wurden, zählt, und seither als Teil einer neuen Art des Kunstverständnisses und des künstlerischen Schaffens an sich gilt.

Ein Artikel von Phil Butland. Zuerst erschienen auf theleftberlin.com

Es ist der 26. April 1937, gegen 16:30 Uhr, als die erste deutsche Bombe auf die baskische Stadt Guernica (heute Gernika) fällt. Es ist Montag, und deshalb sind viele Bewohner*innen der Nachbarstädte in der Stadt, um den Markt zu besuchen. Viele Bürger kämpfen zu diesem Zeitpunkt im spanischen Bürgerkrieg, deshalb halten sich hauptsächlich Frauen, Kinder und rund 3.000 Kriegsflüchtlinge in der Stadt auf. Nach einer ersten Bombenwelle warten die Piloten der Wehrmacht, bis die Bevölkerung ihre Verstecke verlässt, um sich um die Verwundeten zu kümmern. Als die Menschen aus ihren Luftschutzbunkern kriechen, beginnt eine zweite, längere Bombardierung. Begleitet wird das Bombardement von tieffliegenden Flugzeugen, aus denen mit Maschinengewehren auf die Menschen geschossen wird.

Der Angriff, den Wolfram von Richthofen befehligt, dauert mehr als drei Stunden. Fünfzig Tonnen hochexplosives Material sowie Brandbomben werden abgeworfen. Drei Viertel aller Gebäude der Stadt werden komplett zerstört. Der britische Kriegskorrespondent George Steer berichtet in der Zeitung „The Times“:

Während der Nacht fielen die Häuser, bis die Straßen zu langen, roten, undurchdringlichen Trümmerhaufen geworden waren.“

Der Augenzeuge Juan Guezureya beschreibt den Angriff, wie er ihn mit eigenen Augen miterlebt hat:

Sie flogen einfach immer hin und her, mal in einer langen Reihe, mal in enger Formation. Es war, als würden sie neue Manöver üben. Sie müssen Tausende von Kugeln abgefeuert haben.“

Guernica: Es gibt keine Helden

Wer das Bild „Guernica“ ohne Vorwissen betrachtet, erfährt wenig über die Ereignisse, die sich in der gleichnamigen baskischen Stadt zugetragen haben. John Berger, der erst kürzlich verstorbene Biograf Pablo Picassos, beschrieb das Gemälde einmal folgendermaßen:

Es gibt keine Stadt, keine Flugzeuge, keine Explosionen, keine Bezugnahme auf die Tageszeit, das Jahr, das Jahrhundert oder den Teil Spaniens, in dem es passiert ist. Es gibt keine Feinde zu beschuldigen. Es gibt keine Helden.“

Man erkennt aber sofort: Es geht um Schmerz und Elend, um Leid und Tod. Wie kaum ein anderes Kunstwerk liefert „Guernica“ einen schmerzhaften Einblick in die puren Emotionen der Opfer eines Massakers. Auf dem Bild ist eine Frau mit nach oben gedrehtem Gesicht zu sehen. Sie heult hilflos, ihr totes Baby in den Armen. Ein Pferd schreit vor Angst. Verstümmelte Körperteile liegen herum.

»Wir werden gedrängt, ihren Schmerz nachzufühlen«, erklärt John Berger die Wirkung des Kunstwerks. Es ist nur monochrome Angst zu sehen. Der Verzicht auf Farben war eine bewusste Entscheidung Picassos. Er war der Meinung, dass ein farbiges Bild nicht die gleiche Wirkung entfaltet hätte, da Farben von den Schrecken ablenken würden. Deshalb funktioniert es als Kunstwerk auch so gut. Es spricht unsere Emotionen mit Mitteln an, die sich nicht in Worte fassen lassen. „Guernica“ artikuliert Horror, indem es Horror in absolut unverblümter Form darstellt.

Einige Interpret*innen des Kunstwerks verwendeten viel Mühe darauf, die besonderen Bedeutungen einzelner Figuren herauszuarbeiten: Was bedeutet dieser Stier oder jenes Pferd? Warum weint diese Frau? Dieses Vorgehen ist legitim, aber meiner Meinung nach verfehlen sie den Kern von »Guernicas« Großartigkeit. Picasso selbst erklärte zu Lebszeiten die Wahl seiner Bildsprache wie folgt:

Dieser Stier ist ein Stier und dieses Pferd ist ein Pferd … Wenn man bestimmten Dingen in meinen Gemälden eine Bedeutung beimisst, mag das sehr wahr sein, aber es ist nicht meine Absicht, diese Bedeutung zu vermitteln. Welche Ideen und Schlussfolgerungen Sie gezogen haben, habe ich auch gezogen, aber instinktiv, unbewusst. Ich male das Bild um des Bildes willen. Ich male die Objekte so, wie sie sind.“

Kein zufälliger Angriff

Seit dem Luftangriff auf Guernica haben Anhänger Francos sowie seine deutschen Unterstützer immer wieder argumentiert, dass dieser eine militärische Bedeutung gehabt hätte. Die Beweise hierfür sind allerdings sehr dünn. Es gab in der Tat zwei Rüstungsbetriebe am Stadtrand. Aber keiner der beiden wurde durch die Bombardierung beschädigt.

Viel wahrscheinlicher ist es, dass Guernica bombardiert wurde, um eine baskische Kriegsbeteiligung zu verhindern. Die baskischen Parteien ließen sich während des spanischen Bürgerkriegs nicht eindeutig einem Lager zuordnen. Im Oktober 1936 gründete sich unter Beteiligung linker Parteien eine autonome baskische Regierung mit dem Christdemokraten José Antonio Aguirre als Präsident.

Diese Regierung unterstützte die Spanische Republik, war aber gleichzeitig dazu bereit, Kompromisse mit Franco einzugehen. So hatte sie zum Beispiel nach dem Verlust der Stadt Bilbao den Pakt von Santoña (auch als „Verrat von Santoña“ bekannt) unabhängig von den republikanischen Kräften verhandelt. Der Angriff auf Guernica vertiefte die Spaltung zwischen den Basken im Norden und den Republikanern im Süden. Mit dem Luftangriff demonstrierte General Franco, dass er bereit war, auch baskische Zivilistinnen und Zivilisten zu töten, sollte ihre Regierung die Spanische Republik unterstützen.

Im Jahr 1935 veröffentlichte der deutsche General Erich Ludendorff die Broschüre „Der Totale Krieg“, in der er argumentierte, dass im Krieg niemand unschuldig sei; jeder sei ein Kämpfer und jeder ein Ziel, Soldat wie Zivilist gleichermaßen. Zur gleichen Zeit gab Emilio Mola, der für den Feldzug im Norden verantwortliche spanische General, folgendes von sich:

Es ist notwendig, Terror zu verbreiten. Wir müssen den Eindruck von Überlegenheit erwecken und alle, die nicht so denken wie wir, ohne Skrupel und ohne Zögern eliminieren.“

Hitler führte Guernica als Vorbild für die Bombardierung Warschaus im Jahr 1939 an, und Göring bezeichnete Guernica als „Testfeld“. Es ist daher kaum zu glauben, dass der Angriff auf Guernica etwas anderes war als ein Versuch, die Spaltung zwischen den Basken im Norden und den Republikanern im Süden zu vertiefen, und dabei bewusst den massenhaften Tod von Zivilist*innen in Kauf zu nehmen.

Picasso: Ein Kommunist im Exil?

Seit 1901 lebte Picasso im französischen Exil. Einige Kunsthistoriker stellten sein Leben dort als eine unpolitische Phase dar, obwohl sich auch während dieser Zeit einige linke Aktivistinnen und Aktivisten in seinem Freundeskreis befanden. Im Jahr 1938 verfasste sein guter Freund André Breton gemeinsam mit Leo Trotzki und Diego Rivera das Manifest für eine unabhängige revolutionäre Kunst. Picassos Lebensgefährtin Dora Maar, deren Arbeit für die Entstehung von „Guernica“ von entscheidender Bedeutung war, war Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF). Auch Picasso selbst sympathisierte während seines Exils mit der PCF und trat ihr 1944 auch bei.

Im Januar 1937 schuf Picasso sein erstes eindeutig politisches Werk: »Traum und Lüge Francos«. Es handelt sich dabei um 18 (ursprünglich 14) Radierungen, die Franco in lächerlichen Posen und Verfremdungen zeigen. Ursprünglich sollten die Radierungen als Postkarten im spanischen Pavillon der Weltausstellung in Paris 1937 verkauft werden, um Geld für die Spanische Republik zu sammeln. Diese Idee wurde nach der Bombardierung Guernicas jedoch verworfen.

Stattdessen wurde im Pavillon das nach der Stadt benannte Gemälde gezeigt. Die Reaktionen auf diesen Entschluss waren nicht zwingend positiv. Es verwundert kaum, dass jemand wie Emanuel Paul Frank etwa, Kunsthistoriker aus Nazideutschland, schrieb: „Es ist ein Durcheinander aus unverständlichen Symbolen und menschlichen Körperteilen, das aussieht, als sei es von einem vierjährigen Kind gezeichnet worden.“ Doch auch viele linke Kritiker*innen zeigten sich kaum beeindruckt von dem Kunstwerk. In „L’Humanité“, der Zeitung der Kommunistischen Partei Frankreichs, berichtete der linke Dichter Louis Aragon von der Weltausstellung, ohne Picassos Bild überhaupt nur zu erwähnen. Einige linke spanische Funktionäre auf der Ausstellung versuchten gar, Picassos Bild durch Horacio Ferrer de Morgados’ kitschiges „Madrid 1937 (Schwarze Flugzeuge)“ zu ersetzen.

Trotz alledem wurde „Guernica“ schlussendlich in einem anderen Kontext noch eine praktische politische Rolle zuteil. Nach der Pariser Weltausstellung tourte das Bild durch Skandinavien, England und die USA. Der Eintrittspreis für die Ausstellung war in der Regel ein Paar gebrauchte Stiefel. Diese Stiefel wurden direkt an die republikanische Armee geschickt.

Picassos angespanntes Verhältnis zur KP

Warum reagierten Picassos Kritiker*innen innerhalb und im Umfeld der Kommunistischen Partei mit solcher Abscheu auf „Guernica“? Vielen Kommunisten zur Zeit Picassos waren Morgados’ Gemälde beispielsweise lieber, weil die erhobenen Fäuste und roten Halstücher die seine Bilder prägten, es eindeutiger zu zeigen vermochten, wer die Helden auf dem Bild sein sollten. Ein solch engstirniges Philistertum stand dabei in vollem Einklang mit der in den 1930er Jahren innerhalb der Linken enorm einflussreichen Orthodoxie des Sozialistischen Realismus. Vor allem Picassos Formexperimente stießen einigen linken Kritikern übel auf.

Gleichzeitig wurde Picasso, gerade als er noch nicht der PCF beigetreten war, wahrscheinlich mehr Spielraum gewährt, als man von Künstlern erwartet hätte, die Parteimitglieder waren. Als „Mitläufer“ lobten die Kommunisten sein politisches Engagement und beanspruchten ihn als einen der ihren, während sie gleichzeitig einen Großteil seiner Kunst als unverantwortlich dekadent denunzierten.

Ironischerweise hat John Molyneux mit ziemlicher Sicherheit Recht, wenn er sagt: „Mir fällt kein sozialistisch-realistisches Gemälde zu irgendeinem Thema ein, das auch nur annähernd die Wirkung von Guernica hatte.“

Das soll keineswegs heißen, dass die triumphierende realistische Kunst nicht in der Lage gewesen wäre, auf die Schrecken des Spanischen Bürgerkriegs zu reagieren. Im Jahr 1937 entstand etwa auch „Aidez L’Espagne“, ein herausragendes Gemälde des katalanischen Künstlers Joan Miró. Es zeigt einen katalanischen Bauern mit trotzig geballter Faust. Die spanische republikanische Regierung ließ das Bild sogar auf eine Briefmarke drucken, deren Erlös zur Finanzierung ihres Kampfes gegen die Faschisten um Franco diente. Und doch schafft es selbst Mirós großartiges Gemälde nicht, uns auf dieselbe Weise zu fesseln wie „Guernica“.

Das Vermächtnis von Picassos „Guernica“

Die Zerstörung von Guernica wird oft als die erste gegen die Zivilbevölkerung gerichtete Bombardierung gewertet. Das ist genau genommen falsch. Bereits 1914 haben deutsche Zeppeline Antwerpen bombardiert und zehn Zivilisten getötet. In den 1920ern entwickelten die Briten Winston Churchill und Arthur „Bomber“ Harris die tödliche Strategie der Flächenbombardements gegen die revoltierende irakische Bevölkerung.

Auch während des spanischen Bürgerkriegs zerstörten deutsche und die spanische Luftwaffe bewohnte Gebiete in Madrid, Barcelona und Valencia. Später kamen weitere Städte hinzu: Coventry, Dresden, Hiroshima und in jüngster Zeit Gaza und Aleppo. Guernica war weder der erste noch der schwerste Fall eines Flächenbombardements, aber dank Picasso steht es stellvertretend für alle diese Kriegsverbrechen, und noch wichtiger: für den Widerstand gegen sie. Vor allem aber steht „Guernica“ als Urteil über die wahllose Massenvernichtung von Zivilisten. Die Bombardierung von Guernica geschah vor 80 Jahren, doch die Massaker gehen weiter. Nach der Zerstörung von Aleppo interpretierte der portugiesische Karikaturist Vasco Gargalo das Bild neu und sagte: „Das Leiden des syrischen Volkes ist nicht anders.“

Während des Irakkriegs hing eine Teppichreproduktion von „Guernica“ im UN-Gebäude. Bevor der US-Außenminister Colin Powell und dessen Stellvertreter John Negroponte dort sprachen, stellten UN-Beamte einen blauen Vorhang vor das Bild, um die Kriegstreiber nicht in Verlegenheit zu bringen.

Kunst nach Auschwitz

Von Theodor W. Adorno stammt der Ausspruch: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“. Damit meint er, dass die Dichtung, und die Kunst im Allgemeinen, weder Auschwitz noch Guernica verhindern konnten, aber auch, dass es unmöglich ist, die unvorstellbaren Schrecken in Form von Kunst direkt zu reproduzieren. Aus einem ähnlichen Grund sagte der Architekt Peter Eisenman über das von ihm entworfene Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin: „Es ist ein bisschen zu ästhetisch. Es sieht ein wenig zu gut aus. Nicht, dass ich etwas Hässliches wollte, aber ich wollte nichts, das nach Design aussieht. Ich wollte das Gewöhnliche, das Banale.“

Einige der Auswüchse des Spätkapitalismus, vor allem der Holocaust, aber auch Hiroshima und die Bombardierung Guernicas, sind kaum fassbar. Für viele Künstlerinnen und Künstler reicht es seitdem nicht mehr aus, einfach den Horror zu beschreiben, sie müssen auch involvierender darauf reagieren können. Aus dieser Erkenntnis entstand die künstlerische Bewegung des Modernismus. Das Theater Brechts, die Romane von James Joyce und die Kunst Picassos waren der Versuch, eine Kunst für eine Zeit zu entwickeln, in der die Reproduktion von schönen Landschaften nicht mehr ausreicht.

Der Modernismus entstand aber natürlich nicht aus dem Nichts. Insbesondere Picassos Darstellungen des Krieges haben ihre Vorläufer in Francisco Goyas Bilderserie „Die Schrecken des Krieges“, die als Reaktion auf die Napoleonischen Kriege entstand. Die Kuratoren des Madrider Reina-Sofía-Museums (wo „Guernica“ derzeit hängt) erkennen dies an, wenn sie sagen: „Die groteske Vision, die Goya in seine politische Kritik einbrachte, ging den Künstlern nicht als mächtiges Werkzeug zur Gestaltung ihrer eigenen Sicht auf die Gegenwart verloren.“

Dennoch markiert die Entwicklung der Moderne in der unsicheren Zwischenkriegszeit einen qualitativen Wandel, und „Guernica“ ist eines der überzeugendsten und gleichsam schrecklich-beeindruckendsten Werke der Moderne. Gerade das Fehlen historischer Fakten und Helden ermöglicht es uns, in dem Bild jeden Krieg zu erkennen und eine allgemeine Kritik am kapitalistischen System zu entwickeln. Als Picasso „Guernica“ malte, sagte er:

„Mein ganzes Leben als Künstler war nichts anderes als ein ständiger Kampf gegen die Reaktion und den Tod der Kunst. In dem Bild, das ich male – und das ich Guernica nennen werde – drücke ich mein Entsetzen über die Militärkaste aus, die Spanien derzeit in einen Ozean aus Elend und Tod stürzt.“

Picasso empfand sein ganzes Leben lang diese Abscheu gegenüber der Verderbtheit dieser Kaste, und diese Abscheu hat seine Nachfolger in der neuen spanischen Linken inspiriert, nicht zuletzt in ihrem Kampf gegen das Vergessen des Bürgerkriegs und gegen jedes neue Guernica.

Literaturempfehlung: John Berger, Der Erfolg und das Scheitern von Picasso