DIE ZEIT DER MONSTER: WIE HORRORFILME AUF KRISENZEITEN ANTWORTEN

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In den letzten zehn Jahren hat das Horrorgenre einen Aufschwung erlebt. Das Genre eignet sich aus mehreren Gründen perfekt dafür gesellschaftliche Macht und Ohnmacht zu verarbeiten.

Marxist:innen haben oft über die Höhepunkte des revolutionären Kinos gesprochen – die antifaschistischen Filme der italienischen Neorealist:innen, Pontecorvos Die Schlacht um Algier. Um solche Filme geht es in diesem Artikel jedoch nicht. Tatsächlich wird das Horrorgenre eher gemieden – sei es, weil es schlicht zu grausam ist, oder weil es als ausbeuterisch und frauenfeindlich abgetan wird.
Doch in Horrorfilmen steckt Gesellschaftskritik – besonders in der neuen Welle an Filmen des vergangenen Jahrzehnts, beispielsweise Get Out (Rassismus), The Babadook (Trauern und Mutterschaft), His House (Migration) und Sinners (die afroamerikanische Lebensrealität im Süden der USA). Neuere Horrorfilme haben sich mit sehr konkreten Problematiken auseinandergesetzt: Danny Boyles 28 Years Later konfrontiert den Isolationismus Großbritanniens in Brexit-Zeiten; in Blink Twice wird die Privatinsel eines Milliardärs zum Schauplatz des Horrors für junge Frauen; Bong Joon Ho’s Parasite behandelt Klassengegensätze, Ausbeutung und fehlende Solidarität.


Zwei Jahre nach der Aufhebung von Roe v. Wade, die das verfassungsmäßige Recht auf Abtreibung in den USA beendete, kamen zwei Mainstream-Horrorfilme heraus, die sich um erzwungene Schwangerschaften und Verschwörungen von Staat und Kirche drehen – Immaculate und The First Omen. Doch keiner der Filme war so erschreckend wie die wahre Geschichte von Adriana Smith, die Anfang dieses Jahres im US-Bundesstaat Georgia während einer Schwangerschaft an Blutgerinnseln im Gehirn starb. Ihr Körper wurde am Leben erhalten, um als Inkubator zu dienen, bis ein 800 g schweres Baby aus ihr geborgen werden konnte.

Tabus brechen


In einer Zeit wie dieser – mit Völkermord, der Bedrohung durch einen Atomkrieg, der Klimakrise – kochen die Emotionen hoch. Und Horror hat eine besondere Fähigkeit, das auszudrücken, was normalerweise unterdrückt wird: die Ängste und Schrecken, Gefühle und Begierden, die gesellschaftlich nicht akzeptiert sind, die nicht ins heteronormative, binäre Modell von Geschlecht und Familie passen. Körper, die nicht dem Ideal entsprechen, das wir gewohnt sind, auf der großen Leinwand oder dem kleinen Bildschirm zu sehen. Tabus. Deshalb kann uns selbst ein drittklassiger Horrorfilm auf unerwartete Weise bewegen.


Als Teenager sah ich einen sehr albernen (und sicherlich höchst problematischen) Zombie-Film aus den 1960er-Jahren, in dem ein Mann von einem Voodoo-Hexendoktor dazu gebracht wurde, seinen eigenen Kopf abzureißen. Die Spezialeffekte waren lachhaft – ein Wachskopf, der mit Kunstblut, das wie Farbe ausschaute, beschmiert wurde. Aber dieses Bild verfolgte mich. Was ist schließlich Arbeit im Kapitalismus, wenn nicht acht Stunden am Tag im tranceartigen Zustand den Befehlen anderer zu folgen? Horror kann seltsame und extreme Metaphern nutzen, die den alltäglichen Schrecken des Systems aufzeigen.

Rebellische Helden


Eine weitere Erklärung für die aktuelle Popularität des Horrors, und insbesondere für die neuen feministischen Horror-Studies, ist, dass es etwas sehr Anziehendes an den ungezähmten, widerspenstigen Kreaturen gibt, die uns in Horrorfilmen begegnen. Frauen, die von Wut getrieben werden, und nicht bereit oder in der Lage sind, sie zu unterdrücken. Wie Alex in Fatal Attraction, die sagt: „Ich lasse mich nicht ignorieren, Dan.“
Horror-Fans entdecken alte Filme unter einem neuen Blickwinkel. Die sogenannten „Hagsploitation“-Filme der 1960er- und 1970er-Jahre sind ein Beispiel dafür. Filme wie Was geschah wirklich mit Baby Jane? zeigen mittelalte Frauen, die sich weigern, würdevoll zu altern, und die deshalb in ihrer Unbändigkeit monströs werden. In Strait-Jacket (1964) spielt Joan Crawford eine Frau, die gerade aus einer Nervenheilanstalt entlassen wurde – 20 Jahre, nachdem sie ihren Ehemann und dessen Geliebte mit einer Axt ermordet hatte. Ihr Versuch, das Stigma psychischer Erkrankung zu überwinden und wieder ihren Platz in der Welt zu finden, ist für die Zuseher:innen sehr gut nachvollziehbar. Man drückt ihr die Daumen, selbst als die Axtmorde wieder beginnen… Ich sah diesen Film zum ersten Mal bei einer Vorstellung zum Internationalen Frauentag, bei der die Veranstalter aufblasbare Äxte verteilten, sodass wir alle bei den Bildschirm-Morden „mithacken“ konnten. Solche kollektiven Vorführungen können ein schönes Gemeinschaftsgefühl erzeugen.

Raum für Kapitalismuskritik


Ein weiterer Film, der kürzlich von feministischen Filmwissenschaftler:innen aus der Vergessenheit zurückgeholt wurde, ist Cindy Shermans Office Killer. In diesem 1997 erschienenen Art-Horror spielt Carol Kane eine schüchterne Büroangestellte, die gezwungen ist, von zu Hause zu arbeiten. Doch ihr Zuhause ist ein Ort des Traumas, und das tägliche Pendeln ins Büro war ihr einziger Ausweg. An den Rand des Wahnsinns getrieben, beginnt sie, ihre Kolleg:innen zu töten und die Leichen in ihrem Keller aufzubewahren, wo sie sie an Schreibtischen mit Telefonen platziert. Abends arrangiert sie sie auf dem Sofa, um gemeinsam fernzusehen. Genau wie in den Anfangsszenen des Films 28 Days Later (2002), die ein menschenleeres Zentrum Londons zeigen, fühlte sich das wie die Covid-Zeit an, auch wenn der Film lange vorher gedreht wurde.


Der marxistische Filmkritiker Robin Wood schrieb bereits in den 1970er-Jahren, dass es kein besseres Genre als Horror gibt, um die unterdrückerische Natur des Kapitalismus auszudrücken und infrage zu stellen. Unsere Kultur will uns zwingen, jeden Gedanken, jeden Impuls und jede Emotion zu unterdrücken, die dem „normalen“ Standard der bürgerlichen Ideologie widerspricht. Ein Genre, das zu Extremen neigt, wie Horror, kann genau das unterlaufen. Und das gilt unabhängig davon, ob die Filme bewusst antikapitalistisch sind und den Status quo kritisieren oder nicht.

Black Horror


In den USA hat Horror in zehn Jahren seinen Marktanteil an den Kinokassen mehr als verdoppelt, von 4,87 % im Jahr 2013 auf 10 % im Jahr 2023. Ein Großteil davon stammt aus großen Filmreihen wie Malignant und Paranormal Activity. Diese Filme sind nicht besonders interessant. Es gibt jedoch auch Mainstream-Filme, die herausfordernder sind. Sinners (2025) ist der erfolgreichste Original-Horrorfilm seit 2018 mit weltweiten Einnahmen von 366 Millionen US-Dollar. Sinners ist kein reiner Horrorfilm, sondern ein Genre-Mix. Regisseur Ryan Coogler nutzt übernatürliche Elemente wie Vampire und Voodoo, um das Erbe von Kolonialismus und Sklaverei sowie das Fortbestehen afroamerikanischer Kultur und Kunst zu betrachten.

Der Film steht in einer Tradition des Black Horror. Die Dokumentation Horror Noire: A History of Black Horror (2019) erzählt die Geschichte dieser filmischen Tradition und zeigt, dass der erste Black-Horror-Film D. W. Griffiths rassistisches Epos Birth of a Nation (1915) war, in dem ein weißer Schauspieler in Blackface schwarze Männer als gewalttätige, sexuelle Räuber darstellt, die gelyncht werden müssen. Horror Noire dokumentiert das Fehlen schwarzer Repräsentation in Horrorfilmen bis in die 1950er-Jahre – es sei denn, man zählt das implizierte Schwarz-Sein von Monstern wie King Kong.

Ein entscheidender Wendepunkt kam jedoch 1968 mit der Veröffentlichung von Night of the Living Dead, George Romeros Zombie-Film, in dem der afroamerikanische Schauspieler Duane Jones die Rolle des Helden spielt. Die Interviewten weisen auf die visuellen Parallelen zwischen den selbsternannten Mobs und bewaffneten Polizisten in dem Film einerseits, und den realen Szenen auf den Straßen der damaligen Zeit hin, wo antirassistische Protestierende angegriffen wurden und Segregation polizeilich durchgesetzt wurde. Interessant ist, dass das Horror-Publikum in den USA mit 15 % größerer Wahrscheinlichkeit afroamerikanisch und mit 23 % eher Latinx ist. Möglicherweise hängt dies unter anderem mit Erfahrungen von Rassismus und Unterdrückung zusammen.

Get Out


Get Out (2017) gehört zu den Filmen, die die Wiederbelebung des Horrors prägten. Darin verreist ein schwarzer Fotograf namens Chris (Daniel Kaluuya) mit seiner weißen Freundin, um deren Familie zu besuchen – nur um nach und nach zu erkennen, dass sie planen, seinen Körper an ihre wohlhabenden weißen Freunde zu versteigern. Der Film ist eine Satire über Rassismus, der hinter einer liberalen Fassade verborgen wird.


Regisseur Jordan Peele hatte ursprünglich geplant, das düstere Ende von Night of the Living Dead zu spiegeln, in dem der schwarze Held bis zum letzten Moment überlebt, nur um dann von den Behörden getötet zu werden. Doch während der Konzeptionierung seines Films wurde Trump gewählt und die Black-Lives-Matter-Bewegung intensivierte sich, sodass Peele das Ende in eine versöhnlichere Richtung lenkte. Peele sagt, er habe ausdrücken wollen, dass Schwarze überleben können, wenn sie Rückhalt haben. Einige der symbolischen Bilder, die Peele in Get Out verwendet, sind mittlerweile Teil des filmischen Kanons geworden. Im Film wird Chris von der Mutter seiner Freundin hypnotisiert und gerät in den „sunken place“ – einen Ort, an dem er gefangen ist und nicht gehört wird. Er muss aus diesem „sunken place“ entkommen, um frei zu sein. Das ist die Kraft des Films – eine einzige visuelle Metapher kann ein Gefühl oder eine Erfahrung verkörpern, die schwer in Worte zu fassen ist.

Gepiegelte Alltagserfahrungen


Auf einer wissenschaftlichen Konferenz hörte ich neulich einen Vortrag einer Frau, die ihren langen Weg bis zur Diagnose von Endometriose anhand von Clips und Fragmenten aus Horrorfilmen dokumentiert hatte, speziell aus Geisterhaus-Filmen. Sie erklärte, wie desorientierend chronische Erkrankungen sein können, besonders wenn sie nicht diagnostiziert werden: Man vertraut den eigenen Sinnen nicht, und niemand glaubt einem. Sie fand Parallelen zu Geisterhaus-Erzählungen, weil sie sonst keine Sprache fand, um ihre Erfahrungen auszudrücken.


Body-Horror als Subgenre ist besonders ansprechend für diejenigen, die aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Sexualität Unterdrückung erfahren. The Substance, unter der Regie von Coralie Fargeat, hatte für einen Independent-Film einen enormen Erfolg. Er treibt die Idee der Schönheitsindustrie und des ewigen Jungbleibens bis ins Extreme. Der norwegische Body-Horror/ Märchenfilm The Ugly Stepsister wendet die Geschichte von Aschenputtel um, um die Gewalt von Schönheitsnormen zu untersuchen.

Sexualität und Geschlecht


Das Buch der Trans-Filmautor:innen Caden Mark Gardner und Willow Catelyn Maclay, Corpses, Fools and Monsters: The History and Future of Transness in Cinema (2024), enthält mehrere hervorragende Kapitel über Horror- und verwandte Filme. Das Kapitel über Das Schweigen der Lämmer weist darauf hin, dass Hannibal Lecters Kannibalismus als weniger verstörend dargestellt wird als Buffalo Bills Wunsch, sein Geschlecht zu ändern. Maclay, die intersexuell ist, hat darüber geschrieben, wie sie sich durch die Hauptfigur im Sci-Fi-Horror Under the Skin gesehen fühlte, in dem Scarlett Johansson ein Alien in äußerlich menschlicher Gestalt spielt, jedoch ohne alle funktionierenden Körperteile. Sie kann weder vollständig Frau noch vollständig Mann sein, und diese belastende Erkenntnis lässt sie isoliert und einsam zurück.


Das 2023 erschienene Buch Queer for Fear von Heather Petrocelli konzentriert sich auf die gemeinschaftsstiftende Seite von Horror-Filmvorführungen. Petrocelli dokumentiert, dass man in großen Städten Kanadas und der nördlichen USA ganze Mitternachtsvorführungen von Horrorfilmen für queere Zuschauer:innen finden kann, die während des Beobachtens dieser „andersartigen“ Wesen auf der Leinwand eine Verbindung zueinander herstellen. Ein ähnliches Phänomen lässt sich derzeit auch bei feministischen Horror-Netzwerken beobachten. Das Final Girls Berlin Film Festival zeigt Filme von Frauen, nicht-binären und LGBT+-Filmemacher:innen. Podcasts wie Monstrous Flesh laden Filmexpert:innen und Enthusiast:innen ein, alte und neue Horrorfilme aus einer frischen, kritischen Perspektive zu diskutieren.

Ausdruck der Krise


Um zu unserem Ausgangspunkt zurückzukehren: „Es ist die Zeit der Monster“ ist eine freie Übersetzung eines Teils eines Zitats des italienischen revolutionären Marxisten Antonio Gramsci. („Die Krise besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann: in diesem Interregnum kommt es zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen”) Gramsci schrieb 1929 aus dem Gefängnis im faschistischen Italien, während Europa zwischen Arbeiterrevolution und Faschismus schwankte.

Solche gotisch-düsteren Bilder ziehen sich durch den Marxismus. Marx selbst verwendet sie, wenn er den Kapitalismus beschreibt: „Das Kapital ist verstorbne Arbeit, die sich nur vampyrmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.” Es zeigt auch einen „Werwolf-Hunger nach Mehrarbeit“.


Jüngst schrieb Chris Harman in Zombie Capitalism (2009):
„Angesichts der Finanzkrise, die 2007 begann, begannen einige Wirtschaftsexperten von ‚Zombie-Banken‘ zu sprechen – Finanzinstitutionen im ‚untoten Zustand‘, unfähig, irgendeine positive Funktion zu erfüllen, aber eine Bedrohung für alles andere darstellend. Was sie nicht erkennen, ist, dass der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts als Ganzes ein Zombie-System ist, scheinbar tot, wenn es darum geht, menschlichen Bedürfnissen zu entsprechen und auf menschliche Gefühle zu reagieren, aber fähig zu plötzlichen Aktivitätsschüben, die überall Chaos verursachen.“


Ist es da verwunderlich, dass wir seit nunmehr 20 Jahren kulturell von Zombies fasziniert sind? 28 Days/Weeks/Years Later, The Last of Us, The Walking Dead. Es handelt sich um postapokalyptischen Horror über Überleben und selbstgewählte Familie in einem zerstörerischen und nicht nachhaltigen System.


Wir leben in einer instabilen Welt – und sie wird noch instabiler werden. Hunger ist weit verbreitet, die Umweltzerstörung nimmt zu, Gewalt umgibt uns täglich, und unsere psychische Gesundheit steht unter enormem Druck.

Zorn, Rache und Widerstand


Wenn man herausfinden möchte, wie Menschen diese Situation empfinden, sollte man sich Horrorfilme anschauen. Ihr werdet Angst und Sorge finden, aber auch Wut und Zorn, den Widerstand gegen Unterdrückung, die Weigerung, die repressiven Normen zu akzeptieren, die uns aufgezwungen werden.

Horrorfilme sind von Natur aus oft düster. Sie haben selten ein Happy End. Oft bleiben Dinge ungelöst – und gerade das trägt an uns Fragen heran. Wir werden diese Fragen nicht zuerst im Film lösen – wir lösen sie im echten Leben. Es ist unsere Aufgabe als Revolutionäre und Aktivist:innen, Wege durch den Horror des Kapitalismus zu finden.

Übersetzt aus dem englischen von Johannes Litschauer