Seit Jahrzehnten organisiert das International Solidarity Movement (ISM) Solidaritätsreisen nach Palästina. Internationale Aktivist*innen leben dabei gemeinsam mit palästinensischen Communities, um zumindest einen minimalen Schutz vor israelischer Gewalt zu gewährleisten. Auch Rachel Corrie war Teil dieser Bewegung. Sie wurde 2003 von israelischen Streitkräften getötet, als sie versuchte, die Zerstörung palästinensischer Häuser im Gazastreifen zu verhindern. Die Aktivistin Adella D. verbrachte einen Monat im Westjordanland. Linkswende traf sie zu einem Interview. Insbesondere seit dem Angriffskrieg gegen den Iran hat sich die Situation weiter zugespitzt. Adella betont, dass sie im Westjordanland einen schleichenden Prozess beobachten konnte – einen Prozess, der auf die systematische Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung hinausläuft
Magst du ein bisschen erzählen was deine Motivation war ins Westjordanland zu fahren und wie die aktuelle Situation aussieht?
Adella D: Ich habe mich entschieden zu gehen, weil ich verstehen wollte, was in Palästina wirklich passiert. Ich bin jemand, der sehr viel tiefgehende Recherche betreibt, deshalb hatte ich das Gefühl, bereits ein ziemlich gutes Verständnis davon zu haben, was dort passiert. Aber selbst pro-palästinensisch eingestellte Menschen aus meiner Heimat in Kalifornien haben meist kein klares Bild davon, was tatsächlich vor Ort geschieht. Darum wollte ich wissen was wirklich los ist.
Es gibt viel Skepsis über das Gehörte, besonders was die Siedleraktivitäten und die Beteiligung des Militärs angeht. Ich hatte das Gefühl, dass es wichtig ist, eigene Erfahrungen zu sammeln. Und natürlich wollte ich auch direkt mit Palästinenser*innen sprechen. Es war mir wichtig, meine Solidarität auch physisch zu zeigen. Und was im Westjordanland passiert, ist ziemlich düster. Das Westjordanland wird immer kleiner. Als Amerikanerin ist das sehr frustrierend, weil amerikanische Steuergelder vieles finanzieren, was in Israel passiert, insbesondere die Siedlungen.
Die Siedlungen breiten sich langsam, aber stetig auf palästinensisches Land aus. Eine Methode, wie sie das tun, sind sogenannte Siedler-Hirten, die ihre Schafe auf Land weiden lassen, das eigentlich Palästinensern gehört. Jedes Mal, wenn sie ihre Schafe auf dieses Land bringen – direkt in die Höfe und bis an die Häuser der Menschen – zeigen sie im Grunde, dass sie tun können, was sie wollen, und gehen können, wohin sie wollen. Auf der offen gewalttätigen Seite dringen Siedler in Dörfer und auf Bauernhöfe ein und greifen Palästinenser*innen an – sowohl am Tag als auch mitten in der Nacht. Während ich dort war, wurde eine palästinensische Familie attackiert, und zwei meiner Mitstreiter*innen wurden ebenfalls angegriffen.
Es gibt eine Geschichte, die ich unbedingt erzählen muss. Vor zwei oder drei Tagen geschah das einer palästinensischen Familie im Dorf Tamoun. Sie waren auf dem Heimweg – das ist eigentlich ein Gebiet, das als sicher für Palästinenser gelten soll – und wurden vom israelischen Militär gestoppt. Ohne erkennbaren Grund töteten die Soldaten die Mutter, den Vater und zwei der Söhne. Zwei Söhne wurden am Leben gelassen, aber sie wurden sehr schwer geschlagen. Einer der überlebenden Söhne fragte einen Soldaten: „Liebst du deinen Vater und deine Mutter?“ Der Soldat sagte ja. Dann fragte der Junge: „Warum hast du dann meinen Vater und meine Mutter getötet?“ Und der Soldat reagierte, indem er ihm ins Gesicht schlug. Dieser Moment ist für mich eine sehr treffende Darstellung der größeren Realität dort.
Eine der häufigsten Formen von Gewalt durch Siedler passiert nachts. Ein großer Teil unserer Solidaritätsarbeit bestand darin, bei Familien zu übernachten, damit die Eltern schlafen konnten, während wir nach möglichen Angriffen Ausschau hielten. Seit Beginn des Krieges hat die Gewalt deutlich zugenommen. In den letzten zehn Tagen, in denen ich dort war, wurden sechs Palästinenser*innen im Westjordanland von Siedlern getötet. Diese Siedler sind mit Maschinengewehren bewaffnet und sehen in vielen Fällen, so wie sie ausgerüstet sind, fast wie militärische Einheiten aus.
Palästinenser können die israelische Polizei rufen, wenn Siedler ihr Land betreten, aber das ändert selten etwas. Die Polizei kommt vielleicht und entfernt die Siedler kurzfristig, aber gleichzeitig werden oft Palästinenser festgehalten. Und es besteht immer das Risiko, erschossen zu werden. Die Siedler versuchen, Familien von ihrem Land zu vertreiben – sie so sehr einzuschüchtern oder zu verletzen, dass sie gehen und tiefer ins Westjordanland ziehen. Das ist ein langsamer, kontinuierlicher Prozess. Und wenn man ihn über längere Zeit betrachtet, beginnt er dem zu ähneln, was wir jetzt in Gaza sehen – nur dass er sich schrittweise entwickelt. Es fühlt sich wie ein langfristiger Prozess an, der in eine ähnliche Richtung geht. Selbst Städte wie Ramallah und Al-Khalil sind zunehmend von Siedlungen umgeben. Und es ist schwer, nicht darüber nachzudenken, was passieren wird, wenn sich der Fokus vollständig auf diese Städte richtet. Ich würde etwas Ähnliches erwarten wie das, was wir in Gaza sehen.
Du hast gesagt, dass die Siedlerbewegung seit dem Krieg radikaler geworden ist?
Adella D: Ja. Sie nutzen den Krieg als Ablenkung, und gleichzeitig fühlen sie sich durch politische Entscheidungen bestärkt – insbesondere von Führungspersonen wie Trump und Netanyahu. Das unterscheidet die aktuelle Situation von dem kürzeren Krieg im letzten Jahr. Damals ging die Gewalt der Siedler für eine Zeit zurück. Aber jetzt ist eine klare Radikalisierung innerhalb der Bewegung zu beobachten. Inzwischen werden sogar internationale Aktivist*innen angegriffen.
Wenn wir mehr auf die Dynamik der Siedlerbewegung schauen – wie weit geht die staatliche Unterstützung?
Adella D: Die Siedler leben in einer völlig anderen Realität als Menschen zum Beispiel in Tel Aviv. Die Siedlungen sind oft sehr orthodox und traditionell geprägt. Die Menschen tragen religiöse Kleidung, und ihnen wird von der israelischen Regierung vermittelt, dass dieses Land ihnen gehört – dass es ihnen zusteht, es zu nehmen. Wenn eine Siedlung errichtet wird, entsteht eine abgeschlossene Gemeinschaft mit eigener Infrastruktur – Läden, religiösen Gebäude, Wohnhäusern – und sie ist in der Regel umzäunt. Von dort aus werden tagsüber Hirten ausgesandt. Manchmal lassen sie einfach ihre Schafe weiden, aber oft kommen sie auch in Gruppen und verhalten sich aggressiv oder gewalttätig gegenüber palästinensischen Hirten. Während ich dort war, habe ich einmal gesehen, dass die Polizei Siedler von palästinensischem Land entfernt hat. Aber in den meisten Fällen unterstützt die Polizei die Siedler.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Rolle des Militärs bei Siedleraktivitäten. Siedlermärsche und -proteste, zum Beispiel in Hebron, werden vom israelischen Militär geschützt. Diese Märsche führen oft direkt durch palästinensische Viertel und sind klar darauf ausgelegt, Menschen einzuschüchtern und Dominanz zu zeigen. Eine Sache, die mir besonders aufgefallen ist, ist, wie die Landschaft markiert wird. Entlang von Straßen sieht man Reihen israelischer Flaggen. Ich war in Tuwani, wo die Dokumentation No Other Land gedreht wurde, dort kann man von einem Hügel aus in ein Tal schauen. Eines Tages habe ich bemerkt, dass mitten durch dieses Tal eine neue Linie von Flaggen aufgestellt wurde. Diese Linie wurde faktisch zu einer Grenze, die Palästinenser nicht überschreiten dürfen. Es gab keine Gebäude, nichts, was physisch den Zugang blockiert hätte – nur Flaggen. Aber sie haben eine große Fläche an Weideland von den Palästinensern abgeschnitten.
Die Siedler sind bewaffnet?
Adella D: Ja, sie sind bewaffnet, und sie werden vom Staat bewaffnet. Fast jeder Hirte, den ich gesehen habe, hatte mindestens eine Handfeuerwaffe, viele auch Maschinengewehre. Diese Waffen werden ihnen zur Verfügung gestellt, und sie werden dazu ermutigt, sie zu benutzen.
Zum Beispiel wurde in Tuwani, während ich dort war, ein palästinensischer Hirte von einem Siedler ermordet. Es gab keine Konsequenzen. Das Militär kam, hat die Situation beobachtet, die Palästinenser weggeschickt, aber nichts gegen den Siedler unternommen.
Was denkst du über die Zwei-Staaten-Lösung? Zerstört die Siedlerbewegung diese Perspektive?
Adella D: Ja. Ich denke, die Zwei-Staaten-Lösung war eher ein bequemes Narrativ als ein echter Plan. Zu diesem Zeitpunkt gibt es praktisch keinen Teil des Westjordanlands mehr, der nicht in der Nähe einer Siedlung liegt. Es sieht nicht so aus, als gäbe es die Absicht, Raum für einen palästinensischen Staat zu lassen.
Eine der Familien, mit denen ich gearbeitet habe, lebte etwas außerhalb von Nablus. Ursprünglich kamen sie aus einer Region näher an Galiläa, die heute zu Israel gehört. Sie sind in den 1970er Jahren umgezogen. Ihr Bauernhof bestand früher aus vier Familien. Nach wiederholten Angriffen – einige der Männer wurden schwer verletzt – mussten sie ihr Leben komplett verändern. Heute bezahlen sie dafür, ihre Schafe in einer nahegelegenen Stadt unterzubringen, um sie vor Diebstahl oder Tötung zu schützen. Nur noch die Großeltern leben auf dem Land und versuchen, es zu halten, während die jüngeren Generationen weggeschickt wurden.
Es ist auch wichtig zu verstehen, dass Palästinenser nicht einfach gehen und zurückkehren können. Wenn sie es schaffen, das Westjordanland zu verlassen, können sie meist nicht zurückkehren. Es gibt keine wirkliche Bewegungsfreiheit. Die Menschen sind also gezwungen, sich zu entscheiden: unter diesen Bedingungen bleiben oder ihre Heimat vollständig aufgeben.
Was ist mit politischer Organisation und Community-Building?
Adella D: Es ist extrem schwierig. Proteste finden gelegentlich statt, oft mit internationaler Unterstützung, aber sie werden fast immer schnell vom Militär aufgelöst – manchmal mit Blendgranaten oder sogar mit scharfer Munition.
Es gibt auch subtilere Mechanismen, die Community-Building verhindern. Ein Beispiel ist das, was internationale Aktivist*innen „Moschee-Zählung“ nennen, bei der beobachtet wird, wie viele Palästinenser in Moscheen gelassen werden und wie viele abgewiesen werden. Vor dem Krieg durften Tausende hinein, und nur wenige wurden abgewiesen. Seit Beginn des Krieges wurde der Zugang stark eingeschränkt, teilweise auf nahezu null. Diese Einschränkungen machen es sehr schwer für Menschen, sich zu versammeln – nicht nur aus religiösen Gründen, sondern auch für jede Form von sozialer oder gemeinschaftlicher Organisation. Die meisten Menschen, die ich getroffen habe, versuchen einfach, ihr Land unter konstantem Druck und Angst zu halten.
Wie ist die Situation für internationale Aktivist*innen?
Adella D: Es ist inzwischen bedenklich gefährlich geworden. Zwei meiner Mitstreiter wurden bei einem Überfall durch Siedler Hände und Knöchel mit Kabelbindern gefesselt, und sie wurden gezwungen, mitanzusehen, wie ein palästinensischer Mann von sechs Siedlern sexuell missbraucht wurde. Westliche Medien haben über diesen Angriff berichtet, und obwohl es gut ist, dass sie darüber berichten, vermitteln sie den Eindruck, als wären sexuelle Übergriffe ein neues, von israelischen Siedlern und dem Militär, eingesetztes Mittel. Das ist nicht wahr, denn sexuelle Übergriffe und Demütigungen sind seit Jahren ein gängiges Mittel der Israelis, sowohl im Westjordanland als auch im Gazastreifen.
Es gibt mehrere Organisationen. Ich war mit dem International Solidarity Movement dort. Einige unserer Partner vor Ort waren auch jüdische Organisationen. Gleichzeitig wird es für internationale Aktivist*innen immer schwieriger, einzureisen und zu bleiben. Wenn die Polizei gerufen wird, nehmen sie einem oft die Pässe. Das ist mir zweimal passiert. Das ist wichtig, weil es ein neues Visasystem gibt – wenn dein Pass erfasst wird, kann deine Einreisegenehmigung widerrufen werden, was bedeutet, dass du für Jahre nicht zurückkehren kannst.
Während meiner Zeit dort wurden mehrere meiner Mitstreiter*innen deportiert, und vielen anderen wurden die Visa entzogen. Es ist offensichtlich ein Mittel, um internationale Aktivist*innen zu überwachen und einzuschränken.
Welche Rolle spielen westliche Staaten?
Adella D: Ich denke, die USA und Israel sind eng miteinander verbunden. Viele der eingesetzten Waffen werden in den USA produziert. Es gibt auch Amerikaner, die in Siedlungen leben oder im Militär dienen. Gleichzeitig sieht man ähnliche Muster auch in den USA selbst. Was in den letzten Monaten in Minneapolis passiert ist, spiegelt in gewisser Weise Taktiken wider, die auch in Palästina angewendet werden. Es gibt eine zunehmende Militarisierung der Polizei, und es bestehen Trainingsaustausche zwischen US-Polizei und israelischen Kräften.
Die Entwicklung sogenannter „Cop Cities“, wie zum Beispiel in Atlanta, ist Teil davon. Das sind Trainingszentren, die einen stärker militarisierten Ansatz von Polizeiarbeit widerspiegeln und mit umfassenderen Systemen von Kontrolle und Überwachung verbunden sind.
Was können Aktivist*innen tun?
Adella D: Das ist eine schwierige Frage. Ich denke, das Wichtigste ist, dass wir uns weiter informieren und weiterhin über Palästina sprechen. Das Thema muss präsent bleiben. Wenn man sich intensiver damit beschäftigt, erkennt man, wie sehr alles miteinander verbunden ist. Es ist wichtig, anderen diese Zusammenhänge zu zeigen – zwischen dem, was dort passiert, und dem, was Menschen in ihren eigenen Gemeinschaften erleben.
Ich habe keine einfache Antwort in Bezug auf politische Lösungen. Aber ich denke, es ist essenziell, weiterhin Menschen in diese Gespräche einzubeziehen, Informationen zu teilen und in den Möglichkeiten, die wir haben, präsent zu bleiben.
Das Interview führte David Reisinger
