Seitdem westliche Großmächte gegen Ende des 19. Jahrhunderts Öl in Persien entdeckt hatten, kam dieses geschichtsträchtige Reich praktisch nicht mehr zu Ruhe. Zuerst geplagt vom britischen Kolonialismus, später im Schatten des US-Imperiums und eines korrupten Königshauses, stellte sich der Iran in der Vergangenheit immer wieder als umkämpftes Spielfeld der Großmächte dar. Im Jahr 1979 sollte eine Revolution das alles ändern – oder auch nicht?
Kurz nachdem die USA und Israel im Juni 2025 infolge einer dreiwöchigen militärischen Angriffskampagne auf über 8.000 Ziele die iranische Atomanlage Natans bombardierten, interviewte die BBC Journalistin Laura Kuenssberg Prinz Reza Pahlavi, den Sohn des letzten iranischen Shah, zu seiner Meinung über den Ursprung des Iran-Krieges. Dieser sagte nur trocken: „Die Wurzel des Problems ist das iranische Regime”. Und auch wenn wir anerkennen müssen, dass die autoritäre Herrschaft der Khameini’s keineswegs die Befreiung der iranischen Massen im Sinn hat, so macht es sich der neue alte Wunderknabe des Westens doch klar zu einfach. In Wahrheit ist es doch die Pahlavi Dynastie selbst und vor allem deren westlichen Schirmherren, die über Jahrzehnte hinweg im Iran an den Hebeln der Macht gesessen sind und für die heutige Situation weitestgehend verantwortlich zeichnen.
Persisches Öl und britischer Kolonialismus
Doch eines nach dem anderen. Um die Entwicklung des heute wütenden Krieges kritisch einordnen zu können, muss man zuerst die koloniale Vorgeschichte des Irans verstehen. Zwar wurde der Iran nie formal kolonisiert, von kolonialer Einflussnahme in der Form fremdbestimmter ökonomischer Ausbeutung war er jedoch nicht weniger betroffen als viele andere Länder in der Region. Im Jahr 1892 veröffentlichte der französische Geologe und Archäologe Jacques de Morgan einen Reisebericht über seine Besuche mehrerer Ausgrabungsstätten in der Nähe der damals noch persischen Stadt Qasr-e Schirin an der westlichen Grenze des heutigen Iran. In diesem Bericht beschrieb er die Existenz großer Ölvorkommen in der Nähe der Grenzstadt, die förmlich nur darauf warten würden, dass jemand kommt um sie ökonomisch auszubeuten. Rasch begann die Suche nach geeigneten Kapitalisten mit genug Geld in der Tasche, die solch ein Vorhaben potenziell finanzieren könnten. Und es dauerte auch nicht lange bis man fündig wurde: Nur acht Jahre und mehrere Explorationsmissionen später erklärte sich im Jahr 1900 der britische Jurist William Knox D’Arcy bereit, die Förderung persischen Öls zu finanzieren. Infolge von Verhandlungen mit Mozaffar ad-Din Schah, dem fünften Schah von Persien, kam es zur Herausgabe 60-jähriger Ölförderungs-Konzessionen für insgesamt 500.000 Quadratmeilen an Fläche. Der Witz dabei: dem späteren iranischen Staat wurden dabei mickrige 16% der Profite versprochen, während D’Arcy selbst die restlichen 84% einsackte. Um die Ölförderung ökonomisch zu skalieren, gründeten die Konzessionäre im April 1909 die sogenannte Anglo-Persian Oil Company (APOC), die als eine Tochterfirma des ebenso britischen Ölkonzerns „Burmah Oil Company“ ins Leben gerufen wurde. Diese war wiederum dafür zuständig, die Ausbeutung indischen Öls für die Streitkräfte des britischen Imperiums zu organisieren. Die Förderung iranischen beziehungsweise persischen Öls war somit wirtschaftlich eng in die koloniale Ökonomie der Briten als damaliger Welthegemon eingebettet. Im Vergleich zu Indien benötigte es in Persien jedoch nicht unbedingt vorgehaltenen Gewehrläufe, um die Förderung von Öl voranzutreiben. Die lokalen Herrscher waren nämlich wohl bedacht, sich gut mit den britischen Imperialisten und ihren Firmenchefs zu arrangieren und das eine oder andere proto-koloniale Kleingeld in ihren eigenen Taschen verschwinden zu lassen. Ein Beispiel: in der im äußersten Südwesten des heutigen Irans liegenden Stadt Abadan wurden in nur wenigen Jahren nach der Konzession der Ölfelder eine Pipeline, eine Raffinerie und eine Verladestation für Tanker aus dem Boden gestampft. Der damalige lokale Herrscher über das Gebiet rund um die Stadt, Scheich Khaz’al Ibn Jabir von Mohammerah, ließ sich von den Briten ein stattliches Gehalt von 650 Pfund pro Jahr inklusive eines 10.000 Pfund schweren Darlehens bezahlen, und stellte der APOC im Gegenzug lokales Wachpersonal zum Schutz der Ölförderungsanlagen zur Verfügung. Nachdem im Jahr 1912 die Burmah Oil Company den Geldhahn für die APOC abzudrehen drohte, erwarb der britische Staat Mehrheitsanteile an dem Unternehmen und verhandelte einen langfristigen Vertrag zur Versorgung der britischen Streitkräfte mit iranischem Öl. Auf Basis der enormen direkten Investitionstätigkeit des britischen Staates entwickelte sich in Adaban in den Folgejahren die bis dato größte Ölraffinerie der Welt. Bereits vor dem Beginn des ersten Weltkrieges hatte das britische Imperium somit seine Hände fest um den Hals der persischen Monarchie gelegt – es brauchte nur noch zuzudrücken.
Die Schrecken des ersten Weltkrieges
Und das taten sie auch: Mit Beginn des ersten Weltkrieges ersehnten sich die Briten, wie so viele Kolonialmächte zu dieser Zeit, die absolute Unterwerfung des arabischen Raumes. Dies war verbunden mit dem feuchten imperialistischen Traum, uneingeschränkten Zugriff auf die riesigen Ölfelder im heutigen Irak zu erlangen. Trotz der Neutralitätserklärung des Irans besetzten sowohl das britische Militär als auch Streitkräfte des russischen Zarenreichs zu Kriegsbeginn das Land. Winston Churchill, damals Befehlshaber der königlichen Marine, erklärte es als ein unausweichliches Ziel, die iranischen Ölressourcen unter vollständige britische Kontrolle zu bringen. Spätestens jetzt kann man von direkter kolonialer Herrschaft der Briten im Iran sprechen. Ganz so einfach, wie es sich hier vielleicht anhört, war es für die Briten jedoch keineswegs. Im Lichte des scheußlichen menschlichen Elends, welches der erste Weltkrieg verursachte, entfesselte sich in vielen Ländern der Welt eine nie dagewesene Welle an Revolutionen und Revolten. Auch im alten persischen Staat begannen sich die Massen gegen ihre kapitalistischen Herrscher aufzulehnen. Bereits im Jahr 1915 brach in der nördlichen Gilan Provinz eine Rebellion aus, die sich gleichsam gegen die alte Monarchie und die britischen Kolonialherren richtete. Die Rebellion erkannte völlig richtig an, dass das persische Königshaus in der Realität lediglich den verlängerten Arm imperialistischer Großmächte repräsentierte. Die russische Revolution im Jahr 1917 machte den persischen Rebellen große Hoffnung auf Befreiung von imperialistischer Herrschaft. Das alte persische Reich und die imperiale Schirmherrschaft der Briten waren im Begriff zu sterben.
Als Marxisten können wir hierbei, wie so oft in der Menschheitsgeschichte, folgendes Phänomen beobachten: Kommt es zum ersehnten Niedergang einer gesellschaftlichen Ordnung, so kriecht sogleich eine Fülle an Gestalten aus ihren Löchern, deren Lebenssinn nun darin bestehen zu scheint, jene sterbende Ordnung mit allen Mitteln am Leben zu erhalten. Und so trat Reza Pahlavi auf den Plan, ein Kavallerie-Offizier, dessen Bestreben es war, im Lichte vermeintlich ungezügelter Rebellionen und Aufstände Recht und Ordnung wiederherzustellen, und schließlich die Schaffung eines modernen iranischen Staates in die Wege zu leiten. Im Jahr 1921 veranstaltete Pahlavi einen Putsch, um sich 1925 selbst als den neuen Shah von Iran einzusetzen. Die Briten unterstützten diesen Putsch, denn durch den Einsatz eines Imperiums-treuen Königs sollten die britischen Öl-Interessen gesichert werden.
Mosaddeq und das iranische Öl
Das gelang ihnen zuerst auch. In Zusammenarbeit mit US-amerikanischen Ölkonzernen sorgten die Europäer dafür, dass der Region fortan jeder einzelne Tropfen Öl zum billigstmöglichen Preis ausgesaugt werden konnte. Erst mit dem Aufkommen antikolonialer und nationalistischer Unabhängigkeitsbewegungen ab den 1950er Jahren schien sich der enge Griff der imperialistischen Unterdrückung in der Region wieder etwas zu lockern. Im Iran offenbarte sich dies konkret ab dem 15. März 1951, als das iranische Parlament unter Premierminister Hossein Ala die Verstaatlichung sämtlicher iranischen Ölanlagen mitsamt aller Beteiligungen der AIOC beschloss. Während die Briten vor internationalen Gerichtshöfen ihr Recht auf die Ausbeutung iranischen Öls einzuklagen hofften, kam es in der iranischen Hauptstadt zu massenhaft anti-britischen Demonstrationen, und auf den Ölfeldern streikten die Ölarbeiter für höhere Löhne, die sie nur wenige Tage später auch zugesagt bekommen haben. Nur zwei Tage nachdem am 28. April 1951 Mohammad-e Mosaddeq sein Amt als neuer Premierminister angetreten hatte, wurde am 30. April das „Ausführungsgesetz zur Verstaatlichung der Ölindustrie“ im Parlament verabschiedet. Prompt wurden sämtliche Ölanlagen der AIOC in die neu gegründete National Iranian Oil Company (NIOC) überführt. Es dauerte nur einen Tag, bis der britische Außenminister Herbert Stanley Morrison dem Premierminister Mosaddeq in einer persönlichen Nachricht drohte, diesen „Alleingang Irans“ zu unterlassen, und nur zwei Wochen bis die Briten eine Fallschirmjägereinheit in Alarmbereitschaft versetzten, um im Notfall „britisches Leben und Eigentum zu beschützen“.
Mosaddeq sah sich zu Beginn seiner Amtszeit in Folge aber nicht nur mit dem Säbelrasseln der Briten konfrontiert, sondern auch mit dem imperialen Stiefellecken des damaligen Shah von Iran, seinerseits Sohn des 1921er Putschisten Reza Pahlavi und Vater des derzeitigen Prinzen des Pahlavi-Königshauses. Der Shah offenbarte gegenüber Mosaddeq erneut seine ungebrochene Solidarität mit den Briten. Als Mosaddeq nach nur wenigen Monaten im Amt aus Protest dagegen zurücktrat, setzten die Briten mithilfe des Shah am 17. Juli 1952 den Politiker Ahmad Qavam als neuen Premierminister ein. Seine Machtübernahme sollte jedoch nicht allzu lange standhalten, und rasch wurden von der kommunistischen Tudeh-Partei und der von Mosaddeq geleiteten „Nationalen Front“ Demonstrationen organisiert. Diese ließ Qavam prompt mit der Armee niederschlagen und es kam zur Ermordung von insgesamt 36 Demonstrant*innen. Als die Proteste trotzdem nicht abzuflachen schienen, sah sich Ahmad Qavam nur vier Tage nach seinem Amtsantritt bereits wieder zum Rücktritt gezwungen. Am 23. Juli wurde Mosaddeq erneut zum Premierminister ernannt. Während in den Folgemonaten abzusehen war, dass weitere Annäherungsversuche durch US-Präsident Dwight D. Eisenhower und den britischen Premierminister Winston Churchill, die in Wahrheit nichts anderes als eine erneute Unterwerfung des Irans unter westliche ökonomische Interessen bedeutet hätten, ultimativ scheitern mussten, bereitete man sich in Washington in der Zwischenzeit darauf vor, Mosaddeq im Notfall gewaltvoll seines Amtes zu erheben.
Der CIA-Putsch
Am 4. April 1953 genehmigte der damalige CIA-Direktor Allen Dulles ein Budget von satten 1 Millionen US-Dollar für das CIA-Büro in Teheran mit dem klar definierten Zweck „Mosaddeq zu stürzen“. Damit war der finanzielle Grundstein der sogenannten Operation Ajax gelegt, einer geheimen Operation der CIA und des MI6 zum Sturz Mosaddeqs, der schlussendlich durch den Nazi-Sympatisanten und strengen Antikommunisten Fazlollah Zahedi ersetzt werden sollte. Der Plan beinhaltete unter anderem die Zusammenarbeit mit iranischen Geistlichen, die direkte Unterstützung der iranischen Armee und des Shahs, dem das Militär unterlag, sowie die Beeinflussung einer Mehrheit des iranischen Parlaments. Auch wenn der erste Anlauf eines Coup’s am 16. August 1953 fehlschlug, so wurde drei Tage später Mosaddeq’s Haus direkt angegriffen. Der Premierminister wurde des Staatsverrates beschuldigt und bis zu seinem Tod im Jahr 1967 in eine Einzelzelle gesteckt. Die Folgen? Die Briten und Amerikaner leckten sich die Finger, denn unter Fazlollah Zahedi konnten sie mit den iranischen Ölfeldern auf ein Neues verfahren, wie auch immer sie wollten. Den Gipfel der Geschmacklosigkeit bildet schlussendlich die Auszeichnung des Nazi Zahedi mit dem Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland nur drei Jahre nach dem Putsch. Der Shah stieg unterdessen zum absolutistischen Herrscher des Iran auf, dessen Geheimpolizei „Savak“ die Bevölkerung terrorisierte, politische Dissident*innen verfolgte, und insbesondere die iranischen Arbeiter*innen massiv unterdrückte. Mosaddeqs Nationale Front, und die kommunistische Tudeh Partei wurden sukzessive zerschlagen. Der iranische Staat wurde effektiv zum Wachhund des US-Imperialismus umfunktioniert, und Teheran etablierte sich als Zentrum US-amerikanischer Geheimdienstoperationen im Mittleren Osten.
Die gescheiterte Revolution
Die ruchlose Diktatur des Haus Pahlavi herrschte für die nächsten 25 Jahre mit harter Hand und forcierte eine beschleunigte kapitalistische Modernisierung des Irans, deren Erträge vor allem in die Taschen der reichen Obrigkeit und insbesondere des Königshauses selbst wanderten. Dies hatte die Entfremdung breiter Teile der iranischen Zivilbevölkerung zur Folge. Vor allem die Ladenbesitzer*innen auf den Bazaren sowie die Ölarbeiter*innen waren zunehmend unzufrieden mit der Wirtschaftspolitik des Shahs, aber auch ethnische Minderheiten wie die Kurden oder Belutschen sahen sich zunehmend ökonomisch und rechtlich an die Ränder der Gesellschaft gedrängt. Vor diesem Hintergrund wurden spätestens ab 1977 in Teheran riesige friedliche Massendemonstrationen gegen das Königshaus organisiert, die von der Armee des Shahs jedoch ohne zu zögern mit brutaler Waffengewalt niedergeschlagen wurden. Nachdem am sogenannten Schwarzen Freitag, dem 8. September 1978, Dutzende streikende Ölarbeiter*innen vom Shah-Regime ermordet wurden, breiteten sich die Streiks wie ein Leuchtfeuer auf das ganze Land aus und drohten die iranische Ökonomie zum Stillstand zu bringen. Es bildeten sich Arbeiter*innenräte, im Iran Shoras genannt, die sich danach ersehnten, die vom Shah eingesetzten Manager aus den Fabriken zu schmeißen und Kontrolle über ihre Arbeitsstätten zu erlangen. Zu diesem Zeitpunkt bestand ein reales Potenzial für eine iranische Revolution der arbeitenden Massen im Geiste Russlands von 1917. Doch die führende kommunistische Opposition im Land unter der Tudeh Partei verpasste es, das revolutionäre Potenzial der Shoras zu kanalisieren, und versammelte sich stattdessen hinter dem religiösen Oberhaupt Ayatollah Khomeini. Dem Gedanken verhaftet, dass der Iran ökonomisch zu rückständig und religiös zu konservativ sei, um eine sozialistische Revolution zu durchleben, kam es zur Abkehr der linken politischen Elite von der Arbeiter*innenklasse und einer Zuwendung zum Klerus, der rhetorisch zwar anti-kapitalistische und anti-imperialistische Narrative aufgriff, in der Realität jedoch keine Klassenbefreiung im Sinn hatte. Mit der Etablierung der Islamischen Republik im März 1979 konsolidierte sich die Macht der Ajatollahs, die fortan auch prompt linke revolutionäre Kräfte im Land hinter Gitter brachten und bis heute jegliche progressive Opposition gegen die Idee eines vom konservativen Klerus beherrschten Staates mithilfe der sogenannten Revolutionsgarde, im Wesentlichen Khomeini’s neue Version der Savak, mit enormer Brutalität unterdrückte.
Keine gute Lösung von oben
Das heutige unterdrückerische iranische Regime, welches sich in den letzten Wochen erneut als der Fokuspunkt westlicher militärischer Aggressionen darstellt, entwickelte sich historisch also stark vor dem Hintergrund einer gescheiterten Revolution gegenüber der Diktatur des Shahs – jenes Königs, den westliche imperiale Mächte über Jahrzehnte hinweg militärisch, geheimdienstlich, und ökonomisch unterstützt haben, um den Iran politisch an den Westen zu binden, und gleichsam bis ans Ende der Zeit in ökonomischer Abhängigkeit zu halten. Die USA und Israel versuchen heute ein Problem zu lösen, das sie und ihre westlichen Verbündeten in der Vergangenheit selbst produziert haben. Die Leiden der Massen werden jedoch weder durch westlichen Imperialismus, noch durch islamistisch-konservative Konterrevolutionäre gelindert werden können. Die Verwirklichung einer sozialistischen Revolution von unten, für die es 1979 durchaus Anzeichen gab, bleibt weiterhin die einzige echte Hoffnung für die Menschen im Iran.
