Rot ist das bessere Grün

Der wissenschaftliche Sozialismus in der Tradition seiner Gründer, Marx und Engels, versteht den Menschen als Teil seiner Umwelt und die ökologische Krise als das wichtigste Problem unserer Zeit. Im Kontrast zur Mehrheit der „Grünen“ sind wir Ökosozialisten davon überzeugt, dass Kapitalismus bekämpft und überwunden werden muss, um eine schreckliche Katastrophe abzuwenden.
16. September 2019 |

Die Sorge um die Umwelt und nachhaltiges Wirtschaften war der Ausgangspunkt im Sozialismus von Marx und Engels. „Rote“ an der Macht, wie in Stalins UdSSR oder sozialdemokratische Regierungen im Westen, haben dagegen eine schreckliche Ignoranz gegenüber ökologischen Grundsätzen an den Tag gelegt.

Für viele noch überraschender haben allerdings auch die Grünen in der Regierung, wie etwa in Deutschland in den Jahren 1998 bis 2005, nichts getan um die Weichen wirklich in Richtung nachhaltiges Wirtschaften zu stellen. Es gab während ihrer Regierungszeit weder die große Energiewende, noch eine Umstellung von der Straße auf die Schiene. Der Grund dafür liegt im Wesen des Kapitalismus, oder anders gesagt, am Versagen herkömmlicher Politik, die kapitalistische Logik zu durchbrechen, die sich dadurch auszeichnet, dass die Profitorientierung über alle anderen Belange triumphiert – sei es die Umwelt und/oder soziale Gerechtigkeit.

Deshalb brauchen wir dringend eine Auseinandersetzung darüber, wie wir aus dem vergangenen Versagen lernen können, um noch rechtzeitig eine unkontrollierbare und unumkehrbare Klimakatastrophe („runaway climate change“) abzuwenden.

Triebkräfte der Zerstörung

Wir Ökosozialist_innen behaupten mit aller Bestimmtheit, hinter der Zerstörung des Klimas und weiterer entscheidender Erdsysteme steht Kapitalismus. Das mag vielen Leser_innen wie eine Binsenweisheit erscheinen, aber innerhalb der großen und vielfältigen Gemeinschaft der Umweltschutz-Aktivist_innen ist das immer noch eine Minderheitenposition. Wir insistieren, dass wir vor der Produktion kollektiv entscheiden müssen, was wir und wie wir es herstellen müssen, nicht erst danach durch individuelle Konsumentscheidungen, wenn schon produziert worden ist, und die fossilen Brennstoffe längst zu Treibhausgasen verwandelt wurden.

Das steht in krassem Widerspruch zum Erklärungsmodell, dass „unser“ Konsumverhalten die Ursache der Zerstörung ist und es widerspricht der Erklärung, dass die menschliche Natur verantwortlich sei. Beide alternativen Darstellungen verwenden zwar den Begriff Kapitalismus, aber verstehen darunter nicht eine Klassengesellschaft, in der die eine herrschende Klasse ihre Interessen auf Kosten der ausgebeuteten Klassen UND der Umwelt durchsetzt.

In der marxistischen Tradition verstehen wir Kapitalismus als die jüngste einer Reihe von Klassengesellschaften, die so wie ihre Vorgänger, die verschiedenen Sklavenhaltersysteme und feudalen Systeme, ein historisch vorübergehendes System ist. Kapitalismus ist von Menschen gemacht und kann von Menschen beendet werden, er ist nicht der Ausdruck eines uns angeborenen Verhaltens und wird uns nicht für immer begleiten.

Ausbeutung von Arbeitskraft, also das sich Aneignen der Früchte der Arbeit durch die herrschende Klasse und die dazu notwendige Unterdrückung sind die entscheidenden Merkmale von Klassengesellschaften. Die herrschenden Klassen konzentrieren, weil sie in Konkurrenz zueinander stehen, immer mehr Macht auf ihrer Seite und sie häufen immer mehr Wert an, wofür sie noch mehr Macht benötigen, noch größere Armeen, usw.

Eine Vorbedingung für die totale Entfaltung von Kapitalismus war die Trennung der Produzenten (Arbeiter_innen) von den Produktionsmitteln. Arbeiter_innen haben gewöhnlich keine andere Überlebensmöglichkeit, als ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Sie sitzen dabei als Individuen den Kapitalisten gegenüber auf dem kürzeren Ast. Weil ihr Boss sich einen Teil des durch Arbeit erwirtschafteten Werts einbehält und dann wieder investiert um die Arbeitskraft effizienter ausbeuten zu können, verändert sich dieses Kräfteverhältnis permanent zugunsten des Kapitalisten. Nur, wenn die Arbeiter_innen die Kapitalisten gemeinsam, als Kollektiv konfrontieren, bewegt sich die Waagschale der Macht auf ihre Seite.

Triebkräfte von Veränderung

Eine Rote oder ein Roter sein, heißt, auf der Seite der Werktätigen zu stehen und auf sie als die potentielle Kraft für Veränderung zu setzen. Dafür erntet man in grünen Zirkeln entweder ein müdes Lächeln oder vehementen Widerspruch, mit dem Hinweis, dass Arbeiter_innen zu einem viel zu hohen Prozentsatz FPÖ und ÖVP wählen, und für die ökologische Bewegung auffällig geringes Interesse zeigen würden.

Die Grünen als Partei verstehen sich auch dezidiert nicht als „Arbeiterpartei“. Die hier durscheinende Verachtung für „das Proletariat“ ist mitverantwortlich für den kleinbürgerlichen Charakter mancher ökologischer Bewegungen. Es fehlt oft komplett am Verständnis für die zentrale Rolle der Arbeiter_innen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft und dementsprechend herrscht Blindheit für die potentielle Macht der Arbeiter_innen, das ganze System zum Wanken und zum Einsturz zu bringen.

Aber die wichtigste Waffe, die die Macht der Kapitalisten herausfordern kann, ist die Fähigkeit der Arbeiter_innen zu streiken und damit einem System, das auf Profitmaximierung ausgerichtet ist, die Lebensgrundlage zu entziehen. Das große Problem an dieser Tatsache ist, dass sich die Arbeiterklasse ihrer Macht als Kollektiv nur dann bewusst werden kann, wenn sie kämpft. Und die Arbeiter_innen, die von Bürgerlichen so belächelt oder gerade heraus verachtet werden, sind eine Klasse, die zumindest in Österreich schon jahrzehntelang demobilisiert wird und deren Individuen ihr Bewusstsein nicht als kämpfendes Kollektiv, sondern isoliert voneinander politisch entwickeln.

Anders gesagt: Klassenbewusstsein, das Wissen von der gemeinsamen Kraft und der Macht, das gesamte System herauszufordern, lernen wir als Klasse erst dann so richtig, wenn wir uns dabei erleben. Deshalb ist Klassenpolitik das Kernstück von ökosozialistischem Aktivismus. Das Ziel unserer Arbeit ist es, die Arbeiter_innen für die Klimaschutzbewegung zu gewinnen.

Einige der Strategien, die innerhalb der Klimaschutzbewegung vorherrschen, schließen Arbeiter_innen geradezu aus, oder schrecken sie ab. Man kann als Lohnabhängiger, der mit Müh und Not über die Runden kommt, Kredite abzuzahlen hat, und sich nicht kurzerhand einen neuen Arbeitsplatz suchen kann, nicht einfach den Lebensstil ändern. Wer die Verantwortung auf unseren Lebensstil schiebt, hat sich schlicht und einfach keine Gedanken darüber gemacht, wen er abstößt und wen er für seine Strategie gewinnen kann.

Gewerkschaften können die Klimabewegung mit der nötigen Macht ausstatten ©John Minchillo / Climate Action Network (Flickr)


Mit der Wissenschaft

Einer der führenden Klimawissenschaftler unserer Zeit, Will Steffen, hat kürzlich geschrieben: „Industrielle Kapitalisten der reichen Länder, nicht ‚die Menschheit als Ganzes‘ ist im Großen und Ganzen für das Anthropozän verantwortlich.“

Überhaupt herrscht unter den Klimawissenschaftlern zunehmend Einverständnis über die Verantwortung der Mächtigen. Schließlich tragen sie ihnen im Abstand von ein bis zwei Jahren seit Jahrzehnten vor, wie es um die Umwelt steht, und wie dringend Gegenmaßnahmen ergriffen werden müssen. Außerdem gibt es wenig Illusionen darüber, in welch großem Maßstab die nötigen Veränderungen vorgenommen werden müssen.

Optimismus des Willens

Um in globalen Maßstäben denken und aktiv werden zu können, braucht es eine Kraft, die weltweit vereint vorgehen kann. Es liegt in der Natur des Kapitalismus, dass die einzelnen Kapitalisten sich untereinander als Konkurrenten begegnen, und dass die Staaten in welchen die Konzerne ihre Heimat haben, ebenfalls als Konkurrenten agieren. Wir erleben ja soeben, wie sogar innerhalb von Wirtschaftsbündnissen, wie der EU, die nationalen Interessen jede Einigung unmöglich machen.

Es kann im Kapitalismus keine friedliche und solidarische, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende Kooperation entstehen, um den Klimawandel so zu beherrschen, dass das Schlimmste, ein „runaway climate change“ noch vermieden werden kann.

Man erlebt innerhalb der Umweltschutzbewegung nicht selten ein absurdes Schwelgen in Katastrophenstimmung, eine perverse Freude am Verbreiten von Verzweiflung. Es sei ohnehin zu spät und Kampf um eine andere Gesellschaft eine überflüssige Aufgabe. Aber als Sozialistinnen und Sozialisten treibt uns ein unerschütterlicher Glaube an die Fähigkeit der Menschen, schier unmöglich Erscheinendes zu bewältigen.

Wir können in wenigen Jahren die Energiewende vollziehen und die Befriedigung all unserer Bedürfnisse so bewerkstelligen, dass unsere Umwelt nicht weiter darunter leidet. Wir können einige Wunden, die dem Planeten im Kapitalismus zugefügt wurden, wieder heilen und manche Schäden abmildern. Wir können zwar Klimawandel nicht mehr völlig aufhalten, aber wir können ihn noch immer eindämmen.

Wir werden das Anthropozän, das Zeitalter, in welchem der Mensch zum entscheidenden Einfluss auf das Klima geworden ist, konstruktiv gestalten, indem wir entsprechend unserer Bedürfnisse und entsprechend wissenschaftlicher Richtlinien agieren. Aber wir müssen dazu den Kapitalisten das Steuer entreißen und eine wirklich demokratische Gesellschaft etablieren.

Natürlich sind wir uns bewusst, dass ein katastrophaler Ausgang möglich ist. Aber wir müssen dagegen kämpfen. Unsere Haltung muss dieselbe sein, wie die des großen italienischen Marxisten Antonio Gramsci in den finstersten Stunden der faschistischen Diktatur in seiner Gefängniszelle: „Nicht verzweifeln angesichts der schlimmsten Schrecken und sich nicht an jeder Dummheit begeistern. Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens.“