Ich bin in einer interkulturellen Familie aufgewachsen. Mein Vater stammt aus einem konservativen muslimischen Dorf in Ägypten, meine Mutter aus einer österreichischen, katholisch geprägten Familie. Beide Familien waren gegen ihre Ehe, überzeugt davon, dass so ein „Mischung“ nicht funktionieren könne. Dabei war die Realität eine andere. Mein Vater nahm den Sohn meiner Mutter aus einer früheren Beziehung an, als wäre es sein eigener. Ein Jahr später wurde ich geboren. Und sofort stellte sich die nächste große Frage, wer sollte ich sein? Welche Religion, welche Identität? Für meinen Vater war klar, seine Kinder sollten muslimisch und mit ägyptischer Tradition aufwachsen. Meine Mutter stimmte zu. Und so wurde ich Muslima, nicht aus Zwang, sondern als Teil meiner Geschichte.
Als Kind stellte ich mir diese Fragen nicht. Doch mit dem Eintritt in die Mittelschule begann etwas, das viele kennen, die Identitätskrise. Plötzlich war ich „anders“. Ich begann mich zu fragen, Wer bin ich? Bin ich Österreicherin? Laut rassistischer Politik offenbar nicht. Bin ich Ägypterin? Auch dort wurde ich nie ganz dazugehören. Ich fiel zwischen die Kategorien.
Mein Vater war nie streng religiös. Wenn es mir schlecht ging, zwang er mich nicht, sondern gab mir einen stillen Rat, hör den Quran, wenn du nicht reden willst. Und ich tat es. Nicht aus Pflicht, sondern aus Suche. Und ich fand etwas, nämlich Ruhe, Struktur und Halt. Der Islam wurde für mich kein Zwang, sondern ein Werkzeug, um mich selbst zu verstehen.
Mit 13 entschied ich mich, ein Kopftuch zu tragen. Eine Entscheidung, die oft von außen als Unterdrückung gelesen wird, obwohl sie für mich genau das Gegenteil war, Selbstbestimmung. Ironischerweise war es mein Vater, der dagegen war. Aus Angst. Angst vor einer Gesellschaft, die er besser kannte als ich. Angst vor dem Rassismus, der mich erwarten würde. Meine Mutter war es, die mich unterstützte. Sie meinte, wenn ich es tragen will, soll ich es tun. Wenn ich es ablegen will, soll ich das auch dürfen.
Nach sechs Monaten legte ich das Kopftuch wieder ab. Als ich ohne Kopftuch in die Schule kam, küsste mich meine Lehrerin auf den Kopf. Ein Moment, der sich eingebrannt hat. Nicht aus Zuneigung, sondern weil er mir zeigte, wie sehr mein Körper und meine Entscheidungen von anderen bewertet werden. Als hätte ich etwas „richtig“ gemacht, indem ich mich angepasst habe.
Drei Jahre später entschied ich mich erneut, das Kopftuch zu tragen. Diesmal sagte mein Vater nichts mehr. Vielleicht wusste er, dass es mein Weg war. Doch was dann folgte, war kein spiritueller Prozess, es war ein Kampf. Mir wurde das Kopftuch in der Schule heruntergerissen. Ich bekam keinen Praktikumsplatz. Ich wurde beschimpft, ausgegrenzt, reduziert auf ein Stück Stoff. Nach einem Jahr war ich erschöpft. Nicht vom Kopftuch, sondern von der Gesellschaft.
Und genau hier liegt der Kern des Problems. Ein Kopftuchverbot wird als „Schutzmaßnahme“ verkauft. Als Schutz für Frauen, als Zeichen von Gleichberechtigung. Doch in Wahrheit ist es nichts anderes als institutionalisierter Rassismus. Es nimmt Frauen nicht die Unterdrückung, es nimmt ihnen die Entscheidung. Es sagt, deine Selbstbestimmung gilt nur, wenn sie unserer Norm entspricht.
Viele Eltern haben Angst, wenn ihre Kinder ein Kopftuch tragen wollen, wegen der Realität, wegen Diskriminierung, wegen Ausgrenzung, wegen strukturellem Rassismus. Ein Kopftuchverbot schützt keine Frauen. Es kontrolliert sie. Es zwingt sie, sich anzupassen, um akzeptiert zu werden. Es verschiebt die Schuld, weg von einer diskriminierenden, rassistischen Gesellschaft, hin zu den Betroffenen selbst.
Das Kopftuch ist nicht das Problem. Der Rassismus ist es.
