The Kids Are All Right

Jugendliche verlieren im öffentlichen Raum zunehmend ihre Freiheiten © Armin Kübelbeck, CC-BY-SA, Wikimedia Commons

Das Social Media Verbot für unter 14-Jährige ist genau der verkehrte Weg, wie mit man an das Problem „Handy“ und soziale Medien bei Jugendlichen herangehen sollte. Verkehrt, weil dieses Verbot die Opfer trifft, die Konzerne, die Gesellschaft und den Staat ungeschoren davonkommen lässt, und weil es die Ursachenspirale weiter andreht.

Ganz zuvorderst; die Schuld für Missstände bei den jungen Leuten zu suchen, ist so alt wie die modernere Geschichte selbst, und jeder Mensch, der als Kind kein völlig angepasster Streber war, wird sich daran erinnern, wie auch zu seiner Zeit über die „Jugend von heute“ hergezogen wurde. Das war immer schon lächerlich und falsch.

Freiheitsentzug

Das Verbotsgesetz wälzt die Verantwortung auf die Jugendlichen ab, schon bevor es umgesetzt wird. Sie sind das Problem. Die Konzerne kommen ungeschoren davon und von einer Kritik an der Gesellschaft, die die Jugend diesen Konzernen in die Arme treibt, ist man meilenweit entfernt. Meta, Alphabet, X Corp., ByteDance (China) und wie sie alle heißen, sind inzwischen zu den größten Konzernen der Welt aufgestiegen – kein Wunder, dass sich die Staaten eher nicht trauen, deren Geschäftspraxis zu hinterfragen und per Gesetz zu verordnen, dass die süchtig machenden Algorithmen geändert werden. Alle Anläufe in diese Richtung blieben im Sand stecken. Also schaukelt man das Problem ein paar Monate so richtig auf, wendet alle Aufmerksamkeit auf den Sündenbock „schlimme Jugend“ und führt dann mit Pauken und Trompeten ein neues Gesetz ein. Den Jugendlichen raubt man damit Freiheiten und Grundrechte, zum Beispiel ihr verbrieftes Recht auf Informationsfreiheit, wozu eben ein freier Zugang zu solchen Medien gehört.

Sucht als Geschäftsmodell

Die Methoden der verantwortlichen Konzerne sind ausgefeilt und völlig skrupellos. „Social Media ist so gestaltet, dass selbst Erwachsene ihre Nutzung kaum kontrollieren können“, sagt Gabriele Zgubic von der Arbeiterkammer (AK). Eine neue Studie vom Institut für Höhere Studien (IHS) zu Addictive Designs zeigt, wie wir manipuliert werden. Versuche, nur kurz in die App zu schauen, enden oft in stundenlangem Konsum. Ähnlich wie bei Glücksspielen, weiß ein Benutzer nie, was der nächste Wisch (Swipe) bringt. Dieser „Vielleicht“-Effekt (variable ratio schedule) ist extrem süchtig machend. Was nach dem Swipe kommt, ist aber kein Zufall, sondern das Ergebnis von intensivem psychologischem Profiling. Der Algorithmus analysiert, wie lange jemand ein Bild ansieht, was einem gefällt und wie man kommentiert, um exakt die Inhalte zu liefern, die persönliche Unsicherheiten oder Interessen triggern.

Altersfeststellung

Für ein Verbot für unter 14-Jährige braucht es eine Altersfeststellung und dafür werden hochsensible Daten verarbeitet – das geht auf Kosten von Datenschutz und hat Einfluss auf die Privatsphäre von Kindern und Jugendlichen. Und das betrifft natürlich nicht nur die Jugendlichen. Persönliche Daten, wie Gesichtsscans oder Ausweisinformationen werden bald alle User abliefern müssen, sonst sind die Verbote zu einfach zu umgehen, wie die Erfahrungen mit dem Verbotsgesetz in Australien zeigen. Und solche Daten sind ein sehr willkommenes Geschenk an eben jene Konzerne, von denen wir wissen, dass sie sie missbrauchen.

Entfremdung

Völlig ignoriert wird in der Debatte, dass soziale Entfremdung, ein Phänomen unter dem wir im Kapitalismus alle, aber ganz besonders Jugendliche, leiden, mit einem Verbot und verstärkter Überwachung noch weiter verschärft wird. Weshalb zieht man sich denn in solche künstlichen Räume zurück? Eben weil man Freiheiten im öffentlichen Raum verloren hat. Die Katastrophenstimmung ist aber fehl am Platz. Kinder und Jugendliche lernen bei allem, was sie tun, etwas dazu, auch bei Beschäftigungen, an denen Erwachsene nichts Positives erkennen können.