Der englische Sozialist Ken Olende hat sich mit der akademischen Kritik, der Marxismus sei im Kern eurozentristisch, intensiv auseinandergesetzt und schrieb dazu mehrere Artikel. Linkswende traf sich mit ihm zu einem Gespräch über angeblichen Determinismus im Marxismus, das Verhältnis zur Aufklärung und den „Black Marxism“.
Was wären deine ersten Gedanken zu Marxismus und Eurozentrismus – wie zutreffend ist der Vorwurf?
Zunächst: Das Studieren von Ideen, die aus Europa stammen, ist an sich nicht eurozentrisch. Problematisch ist eher die mit der Aufklärung entstandene Vorstellung, Europa sei anderen Regionen grundsätzlich überlegen. Europa habe alle Ideen zuerst entwickelt und besser ausgearbeitet als der Rest der Welt, und müsse Europa darum folgen.
Zwei Punkte dazu: Erstens ist diese Vorstellung historisch gesehen kompletter Blödsinn. Über große Phasen der Geschichte war Europa ökonomisch und wissenschaftlich deutlich rückständiger als der arabische oder asiatische Raum. Erst mit dem Aufstieg des Kapitalismus verschiebt sich das Kräfteverhältnis zugunsten West- und Nordeuropas. Dieser Prozess ist eng mit der Aufklärung verbunden, die man als ideologischen Ausdruck einer entstehenden bürgerlichen bzw. frühkapitalistischen Klasse verstehen kann.
Ab dem 18. Jahrhundert entwickeln sich ausgehend von dieser Klasse Disziplinen wie Soziologie, moderne Geschichtswissenschaft und Ökonomie. Marx und Engels werden oft mit dem Denken der Aufklärung in Verbindung gebracht und waren tatsächlich stark von Hegel beeinflusst.
Marx setzte sich intensiv mit aufklärerischem Denken auseinander, zunächst, wie Engels, als radikaler Demokrat. Beide gingen jedoch darüber hinaus. Während Hegel den modernen Staat als höchste Form rationaler Organisation betrachtete, argumentierte Marx, dass dieser durch Klassenkampf überwunden werden müsse.
Die Welt durch eine Perspektive von Klassen zu betrachten – das haben die Denker der Aufklärung nie getan. Eine Spaltung der menschlichen Gesellschaft anhand objektiver Prinzipien – damit gehen Marx und Engels in ihrem analytischen Zugang zur Welt bereits über die Aufklärung hinaus.
Im Kommunistischen Manifest gibt es einige problematische Formulierungen, dennoch ist es das zentrale Werk. Die Idee, dass Arbeiter*innen „kein Vaterland“ haben und sich die Arbeiter*innen aller Länder zusammenschließen müssen, bricht deutlich mit nationalstaatlichem Denken vieler Aufklärer. Auch hier geht Marx deutlich weiter als die Aufklärung.
Die Kritik, dass der Marxismus eurozentristische Wurzeln habe, wird auch stark von postkolonialen Ansätzen vertreten. Ich kenne sie vor allem von Edward Said.
Ja, Edward Said wird häufig in diesem Zusammenhang zitiert. Er argumentiert, Marx habe die britische Kolonialherrschaft in Indien zwar als brutal beschrieben, sie aber gleichzeitig als historisch fortschrittlich verstanden, weil sie den „orientalischen Despotismus“ aufbreche. Das könne man als typische aufklärerische Rechtfertigung von Kolonialismus lesen – also die Vorstellung, Europa bringe eine Kultur in „unzivilisierte“ Regionen und schaffe damit die Voraussetzung für Entwicklung. Allerdings unterstützte Marx spätestens 1857 während des indischen Aufstands eindeutig die Rebellen und sah sie – nicht die Briten – als die fortschrittliche Kraft.
Engels wiederum, geprägt durch seine Erfahrungen mit irischen Arbeiter*innen erkannte, dass Kolonialismus nicht automatisch eine stabile industrielle Arbeiter*innenklasse hervorbringt, sondern Unterdrückung vertieft. Daraus folgerten Marx und Engels, dass antikoloniale Kämpfe notwendig sind, weil nur die Zerschlagung imperialer Strukturen echte gesellschaftliche Veränderung möglich macht.
In diesem Kontext finde ich auch einen Verweis auf den indischen Marxisten Aijaz Ahmad wichtig. Also es stimmt, dass Marx mit extrem starken Polemiken arbeitet – „orientalischer Despotismus“, rückständige Gesellschaften usw. Aus solchen Stellen versuchen postkoloniale Denker dann einen Rassismus im Marx-Werk zu konstruieren, also die These, Marx habe Europa prinzipiell für fortschrittlicher gehalten.
Der wichtige Punkt bei Aijaz Ahmad ist aber, dass Marx über die vorkoloniale Rückständigkeit Indiens nicht brutaler spricht als über die feudale Vergangenheit Europas. Marx polemisiert genauso scharf gegen feudale Überreste in Europa wie in kolonialen Kontexten. Man muss nur lesen, wie Marx die deutschen Zustände beschimpft: „unterhalb der Zivilisation“, „unterhalb der Kritik“. Teilweise spricht er den Deutschen fast ab, überhaupt Menschen zu sein. Also ja, diese sprachliche Kritik an Marx und Engels überzeugt einfach nicht.
Ein zentrales Merkmal von Marx und Engels ist für mich auch, dass sich ihr Denken ständig weiterentwickelt. Marx hat seine Positionen immer wieder überarbeitet. Dass Das Kapital nur in Band 1 fertiggestellt wurde, hängt auch damit zusammen, dass sich der Kapitalismus selbst rasant verändert und global ausgedehnt hat – etwa durch Entwicklungen in Irland, Indien und anderen kolonialen Kontexten, die Marx weiter analysiert hat.
Ich finde auch wichtig, dass die Aufklärung zwar ein europäischer Prozess war, aber nicht nur dort stehen geblieben ist. Mir fällt da immer das Beispiel der Haitianischen Revolution ein: In Frankreich werden Menschenrechte verkündet – und in Haiti inspirieren sie versklavte Menschen zur Revolution.
Marx, Lenin und später Trotzki haben sich ebenfalls mit Revolutionen außerhalb Europas beschäftigt, darunter auch Haiti. Trotzki entwickelte die Theorie der ungleichzeitigen und kombinierten Entwicklung, die genau solche Prozesse beschreibt. In meinen Augen ist das einer der wichtigsten marxistischen Ansätze des 20. Jahrhunderts.
Für die Analyse Haitis, beziehungsweise kolonialer Unterdrückung, ist aber besonders der Ansatz des „Black Marxism“ wichtig. Dieser entstand nach der russischen Revolution und wurde von Denkern wie George Padmore und C. L. R. James geprägt. James schrieb The Black Jacobins, eine zentrale Analyse der Haitianischen Revolution.
Für C. L. R. James zeigt die Haitianische Revolution, dass Revolutionen nicht auf festen Stufen stehen bleiben, sondern sich weiter radikalisieren können. Die versklavten Menschen in Saint-Domingue nahmen die Ideen der Französischen Revolution ernst und forderten, dass Freiheit und Gleichheit auch für sie gelten müssen.
Während der gesamten Sklaverei gab es Widerstand – von alltäglicher Rebellion bis hin zu Maroon-Gemeinschaften. Aus dieser langen Geschichte des Kampfes und den Widersprüchen der europäischen Entwicklung entstand die Revolution. Unter Toussaint Louverture und dem Sklav*innenaufstand wurde die Sklaverei abgeschafft und ehemalige Versklavte als Bürger*innen anerkannt.
Gleichzeitig betont James die Widersprüche der Französischen Revolution: Viele Revolutionäre sprachen von Freiheit und Gleichheit, während sie selbst Sklaven besaßen. Unter Napoleon wurde die Sklaverei später wieder eingeführt. Die Haitianische Revolution machte diese Widersprüche sichtbar und radikalisierte die revolutionären Prinzipien über Frankreich und die USA hinaus.
Kannst du die Bedeutung des Black Marxism noch weiter darstellen?
Nach der Russischen Revolution entstand ein Marxismus, der heute oft übersehen wird, der historisch aber sehr einflussreich war. Im Rahmen der Komintern (Kommunistische Internationale) verbanden die Bolschewiki und die frühe kommunistische Bewegung sozialistische Politik mit antikolonialen Kämpfen. Ein Beispiel hierfür ist der Baku-Kongress, bei dem Fragen der Befreiung in kolonisierten Regionen behandelt wurden.
Der Baku-Kongress ist auch extrem spannend, weil es in Russland große muslimische Minderheiten gab. Dort versuchte die marxistische Bewegung sich auch mit religiöser Unterdrückung auseinanderzusetzen. Hier sieht man, dass Marxismus zur Frage von Religion viel mehr zu sagen hat als nur dieses bekannte „Opium des Volkes“-Zitat.
Hubert Harrison und andere Denker in den USA entwickelten marxistische Analysen, die Rassismus und Kolonialismus mit einbezogen. Sie wurden später jedoch marginalisiert. Die Komintern etwa isolierte Harrison, weil sie im Zuge ihrer Stalinisierung wieder Abstand zu antirassistischen Kämpfen nahm.
International war diese Phase sehr einflussreich. Selbst nicht-marxistische Figuren wie Marcus Garvey erkannten Lenins Bedeutung für antikoloniale Befreiung an. Mit der Zeit wurde dieser frühe internationale Marxismus jedoch verdrängt und wird erst heute wieder stärker erforscht.
Kannst du noch auf die Bedeutung antikolonialer Kämpfe für den Marxismus eingehen?
Vor dem Ersten Weltkrieg wurden marxistische Parteien in Europa größer, aber auch moderater. Innerhalb der Zweiten Internationale wurde teilweise sogar von einem „progressiven Imperialismus“ gesprochen – einer angeblich weniger brutalen Form kolonialer Herrschaft.
Lenin lehnte das entschieden ab und forderte die Unterstützung antikolonialer Kämpfe, warnte aber zugleich davor, nationale Bewegungen automatisch mit Sozialismus gleichzusetzen.
Nach der Russischen Revolution versuchte die Komintern, revolutionäre Bewegungen weltweit zu koordinieren. Das führte jedoch zu widersprüchlichen Allianzen. In China arbeitete die Kommunistische Partei zunächst im Rahmen dieser Strategie mit Chiang Kai-shek zusammen, einem bürgerlichen Militärführer, der später nach der Machtkonsolidierung die Kommunisten brutal verfolgte.
Nach der Niederlage der chinesischen Revolution von 1926/27 kam es zu einem strategischen Umdenken: Weg von der ausschließlichen Orientierung auf urbane Arbeiter, hin zur Fokussierung durch Mao auf die Bauernschaft.
Allgemein stellte sich die Frage, ob Revolutionen zwingend von Industriearbeitern geführt werden müssen oder ob auch Bauern eine zentrale Rolle spielen können. Historisch zeigten Revolutionen wie in Russland und China, dass Arbeiter- und Bauernallianzen entscheidend waren.
Ich glaube, heute sind diese Fragen nur noch von sekundärem Interesse. Der Großteil der Menschen sind Arbeiter*innen, und die Bauernschaft ist eine verschwindende Klasse. Faktisch stimmt aber auch, dass Revolutionen und Machtübernahmen kommunistischer Parteien im 20. Jahrhundert vor allem in der Peripherie stattfanden, nicht im Zentrum.
Davon ausgehend kann man den Eurozentrismus-Vorwurf natürlich auch kritisieren. Aber ich finde wichtig festzuhalten, diese von der Sowjetunion inspirierten Machtübernahmen klar von einem klassischen revolutionären Marxismus zu trennen.
Ich würde sagen, ein zentraler Aspekt bei Marx ist die Betonung, dass Kapitalismus zu einem Weltsystem wird.
Oft wird Marx so dargestellt, als habe er Kapitalismus nur als Verhältnis zwischen Industriearbeiter*innen und Bourgeoisie beschrieben. Wenn dieses Verhältnis nicht vorhanden sei, handle es sich angeblich nur um „ursprüngliche Akkumulation“. Das ist eine Vereinfachung.
Marx unterscheidet verschiedene Formen des Kapitalismus, etwa Handels- und Finanzkapitalismus, die sich historisch verändert und entwickelt haben. Kapitalismus ist kein statisches Modell, sondern ein sich ausweitendes System, das immer neue Bereiche erfasst.
Ein zentraler Punkt ist daher, Kapitalismus als Weltsystem zu verstehen und nicht nur als Beziehungen innerhalb einer Fabrik zu verstehen. Innerhalb des Marxismus gibt es auch Debatten, etwa bei Rosa Luxemburg, ob Kapitalismus nicht-kapitalistische Räume zur Expansion braucht.
Auch die USA des frühen 19. Jahrhunderts waren eine kapitalistische Gesellschaft, deren Reichtum stark auf Sklavenplantagen beruhte. Diese standen nicht außerhalb des Kapitalismus, sondern waren Teil seiner Funktionsweise.
Ebenso beruhte die britische Baumwollindustrie im 19. Jahrhundert auf Rohstoffen aus Sklavenarbeit in den Amerikas. Unterschiedliche Formen von Arbeit und Ausbeutung waren also in ein globales System integriert.
Während der imperialen Epoche war Großbritannien nur deshalb führend, weil es Märkte kontrollierte und Zugang zu Rohstoffen sicherte. Kolonien mussten liefern, während britische Industrieprodukte exportiert wurden.
Kapitalismus funktioniert als koordiniertes Weltsystem, nicht als nationale Einzelökonomie. Auch Bauern, nomadische Gruppen oder indigene Gesellschaften werden in Geld- und Marktbeziehungen hineingezogen.
In der Debatte um Eurozentrismus spielt auch der Vorwurf eine Rolle, der Marxismus sei deterministisch. Was sagst du dazu?
Marx wird manchmal als deterministisch gelesen, besonders wenn er vom Kapitalismus spricht, der seinen eigenen „Totengräber“ hervorbringe. Gleichzeitig betont er aber auch alternative Entwicklungen, etwa die gegenseitige Vernichtung der Klassen.
In der marxistischen Tradition wird das manchmal – in Anlehnung an Lenin – als „Biegen des Stocks“ (bending the stick) beschrieben: Theorien werden zugespitzt, um politische Klarheit zu schaffen.
Der angebliche Determinismus ist bei Marx vor allem ein starkes Betonen davon, dass Kapitalismus kein Ende der Geschichte ist, sondern in sich selbst Potenziale zur Transformation trägt. Marx geht nicht von einem festen historischen Ablauf aus. Vielmehr sieht er Widersprüche, die reale Möglichkeiten für Veränderung eröffnen.
Spätere Marxisten wie Lenin und Trotzki entwickeln das weiter, etwa durch die Theorie der ungleichzeitigen und kombinierten Entwicklung oder der permanenten Revolution. Dieses feste Stadium – zuerst Feudalismus, dann Kapitalismus, dann Sozialismus – die sogenannte Etappentheorie – ist nicht der Kern des marxistischen Modells.
Gerade die Theorie der permanenten Revolution und die Geschichte der Russischen Revolution zeigen, dass gesellschaftliche Umbrüche viel sprunghafter passieren, als oft angenommen wird. Es gibt dieses schöne Lenin-Zitat: „Es gibt Jahrzehnte, in denen nichts passiert, und Wochen, in denen Jahrzehnte passieren.“
Darum: Kapitalismus ist ein extrem dynamisches System, das auch selbst immer wieder Aufstände hervorbringt. Natürlich gab es immer große Sklavenaufstände oder Bauernrevolten, aber oft in Abständen von Jahrzehnten.
In der heutigen kapitalistischen Gesellschaft erleben wir in kürzeren Abständen politische Erschütterungen. Diese sind aktuell eher auf Staaten der Peripherie beschränkt – man denke an Sudan oder 2025 die Aufstände im asiatischen Raum: Indonesien, Nepal usw.
Solche Revolutionen sind nicht in der Lage, das globale System allein zu Fall zu bringen, aber sie haben die Kraft, politische Möglichkeiten auf der ganzen Welt neu zu ordnen und den historischen Determinismus zu durchbrechen.
