Wer Riots und Plünderungen als kriminelle Gewalt abtut, verkennt ihre Geschichte: Rebellionen auf der Straße haben die Macht des Staates immer wieder herausgefordert. Ein Kommentar von Judy Cox.
Der Anführer der Bürgerrechtsbewegung, Martin Luther King, erklärte1967 in einer Rede, dass Riots letztlich die Sprache der Ungehörten sind. Seine Einstellung zu gewalttätigem Protest wird heutzutage vollkommen verzerrt dargestellt. Inzwischen gilt King zu Unrecht als Vorbild für ausschließlich friedliche Protestbewegungen. Ausgerechnet jene Heuchler, die Personen wie Martin Luther King verehren, verurteilen nun die Proteste und Plünderungen in Frankreich scharf. Diese Personen sind es auch, die den Völkermord in Gaza und die Bombardierung von Schulen im Iran rechtfertigen. Gewaltvolle Proteste und Revolten gelten im Rückblick immer als notwendig und nachvollziehbar. Finden sie plötzlich vor der eigenen Haustüre statt, werden sie vehement abgelehnt.
Gewaltsame Aufstände und damit verbundene Diebstähle haben in der Geschichte des Klassenkampfs schon immer eine zentrale Rolle gespielt. Plünderungen sind nicht deshalb umstritten, weil sie die eigentliche Protestbewegung schwächen, sondern weil sie oft deren radikalstes Mittel sind. Das ist die These von Vicky Osterweil in ihrem Buch In Defence of Looting.
Dabei ziehen Politiker*innen und Medien gemeinsam an einem Strang und brandmarken Protestierende als Kriminelle, deren egoistisches Plündern das legitime Demonstrieren untergrabe. Gleichzeitig verlangt die kapitalistische Gesellschaft, dass man sich über Kleidung, Handy und Wohnung definiert. Dabei wissen die meisten jungen Menschen, dass ihnen die Möglichkeit, Luxusgüter jemals zu besitzen, verwehrt bleibt.
Diebstähle gelten als Form der direkten Enteignung und haben eine Wirkung. Familien und Jugendliche verschaffen sich damit Zugang zu Dingen des täglichen Bedarfs und exklusiven Waren, die sie sich sonst nicht leisten können. Es ist nachvollziehbar, dass sich Menschen nehmen, was sie brauchen.
Medien kriminalisieren jene Aufstände in ihren Berichten und ignorieren die politischen Absichten hinter den Riots. Gibt es friedliche Demonstrationen, werden diesen keine Plattform gegeben. Bereits 1967 erklärte The Movement, die Zeitschrift des Student Non-Violent Coordinating Committee, wie aussichtslos es sei, die Medien besänftigen zu wollen: „Die von Weißen geführte Tagespresse in Amerika ist kein objektiver, kritischer Beobachter des Geschehens. Zeitungen sind Wirtschaftsunternehmen.”
Überhaupt blenden Medien aus, dass die Armut marginalisierter Personen ein Grund für Diebstähle sein kann. Vielmehr wird ihre Wut als irrational dargestellt. Ebenso darf man nicht außer Acht lassen, dass gewaltvolle Ausschreitungen oft eine Reaktion auf brutale Polizeigewalt sind. Die Polizei geht häufig gegen friedliche Demonstrierende vor und misshandelt rassifizierte Gemeinschaften.
Für Riots werden gerne „äußere Agitatoren“ verantwortlich gemacht, also Leute von außerhalb, die die Protestierenden angeblich aufhetzen. In Frankreich werden allen voran die Antifa, Anarchisten, Muslime oder der Milliardär George Soros zu Sündenböcken gemacht. Mit dieser Darstellung wird den Protestierenden ihre Handlungsfähigkeit abgesprochen. Ihre eigenen Erfahrungen, so die Unterstellung, seien nicht Grund genug, sich zu wehren.
Aufstände können chaotisch und zerstörerisch sein, besonders wenn die Protestierenden daran gehindert werden, die Regierungs- und Finanzviertel zu erreichen. Dass Luxusboutiquen geplündert werden, stößt bei manchen auf Verständnis. Wenn kleine Familienbetriebe zu Schaden kommen, hört dieses Verständnis aber oft auf. Dabei bringt jeder ernst gemeinte Protest, vom zivilen Ungehorsam bis zum Streik auch Zielkonflikte mit sich.
In den 1960er-Jahren sollte die Black-Panther-Aktivistin Assata Shakur sich von Randalierern distanzieren, die in ihren eigenen Vierteln Feuer gelegt hatten. Sie weigerte sich: Die Geschäfte gehörten den Menschen vor Ort ohnehin nicht, und sie sei froh über deren Zerstörung, weil diese Läden die Bewohner von Anfang an ausgebeutet hätten.
Die Protestierenden werden oft als opportunistische Kriminelle dargestellt, die mit dem politischen Kampf nichts zu tun haben. Den „guten Demonstranten“ gehe es um Inhalte, den „bösen Randalierern“ dagegen nur um Turnschuhe und Handtaschen. Wer randaliere und plündere, handle demnach unvernünftig und stehe außerhalb des „echten“ Kampfes. Allen voran verarmten „Schwarzen“ und Angehörigen der Arbeiterklasse wird unterstellt, dass sie nicht wüssten, wofür sie eigentlich protestieren. Wer Aufstände zum Gegensatz politischer Bewegungen erklärt, setzt die Kriminalisierung der Arbeiterklasse und schwarzer Gemeinschaften fort.
Nach den Londoner Unruhen von 2011 veröffentlichte Evan Calder Williams den Essay „An Open Letter to Those Who Condemn Looting“ (Ein offener Brief an jene, die plündern verurteilen). An die Innenministerin gewandt, schrieb er: „Sie verurteilen diejenigen, die plündern, nicht, weil sie plündern. Sie haben sie längst zuvor verurteilt. Dass sie plündern, liefert Ihnen lediglich Munition in Ihrem langen Krieg der Ausgrenzung und Herabwürdigung.“ Wie so oft wird Protest nur so lange unterstützt, wie er nichts bewirkt und niemandem wehtut.
Aufstände und Plünderungen beunruhigen die Regierenden, weil sie die Grundannahmen der kapitalistischen Gesellschaft infrage stellen, nämlich die Legitimität des Privateigentums und das Recht von Polizei und Militär, dieses Eigentum zu schützen. Was geplündert wird, ist keine Ware mehr, zumal es dem Kreislauf von Tausch und Profit entzogen wird. Dies verweist auf den kollektiven Charakter von Aufständen und Plünderungen, die keine Einzeltaten darstellen, sondern durch gemeinsames Handeln entstehen.
Der Anthropologe Neal Keating vergleicht Plünderungen mit dem sogenannten „Potlatch“, einem Fest indigener Gemeinschaften im pazifischen Nordwesten, das beispielsweise bei Hochzeiten, Geburten und Todesfällen stattfand. Dabei verschenkten wohlhabende Mitglieder der Gemeinschaft große Teile ihres Besitzes. Übrig gebliebene Güter wurden verbrannt. Auf diese Weise sollte verhindert werden, dass sich Reichtum und soziale Ungleichheiten dauerhaft verfestigten. Die kanadische Regierung verbot den Potlatch, da sie ihn als Bedrohung für die Zivilisation und den Kapitalismus betrachtete. Das herrschende Verständnis von Aufständen und Plünderungen ist bis heute von kolonialen Denkweisen geprägt.
Die politische Bedeutung von Aufständen zeigt sich insbesondere darin, dass sie über den unmittelbaren Protest hinaus gesellschaftliche Veränderungsprozesse anstoßen können. Der Sturm auf die Bastille löste die Französische Revolution aus, die Stonewall-Unruhen inspirierten die Schwulenbefreiungsbewegung. Auch die Arbeiterbewegung kennt ausschreitende Proteste. Massenstreiks enthielten oft Elemente eines Riots, häufig ausgelöst dadurch, dass die Polizei Streikbrecher schützte.
Auch in Tonypandy kam es dazu: Im November 1910 stießen in Südwales rund 12.000 streikende Bergarbeiter gewaltsam mit der Polizei zusammen. An einem Abend voller Unruhen plünderten Bergleute und ihre Familien Geschäfte und zogen in einem festlichen Umzug durch den Ort. Innenminister Winston Churchill schickte daraufhin das Militär. Im Zuge des Riots starb der Bergmann Samuel Rhys, Hunderte wurden verletzt. Tonypandy zeigt, dass auch gemeinschaftliche Feste in eine Form des kollektiven Widerstands übergehen können.
In seinem Buch „Riots, Risings and Revolution“ beschreibt Ian Gilmour, dass der Gewalt der Bevölkerung kaum Legitimität zugestanden wird, während staatliche Repression und Übergriffe mit Verweis auf die Staatsräson gerechtfertigt werden. Für das England des 18. Jahrhunderts schreibt Gilmour: „Die Gewalt ging weitaus häufiger von den Herrschenden als von den Beherrschten aus.“
Das Erbe dieser gewaltvollen kolonialen Vergangenheit wirkt bis heute fort. Während der Unruhen von 2014 in Ferguson, Missouri, ausgelöst von der Ermordung Michael Browns durch einen Polizisten, entstand auf Twitter ein Hashtag. Unter #suspectedlooters (mutmaßliche Plünderer) veröffentlichten Menschen Bilder von europäischen Kolonialherren, Plantagenbesitzern und Rassisten.
Aufstände und Plünderungen können die Autorität des Staates und die Logik des Kapitalismus infrage stellen. Sie reichen jedoch nicht aus, um die Gesellschaft grundlegend zu verändern. Kollektive Kämpfe am Arbeitsplatz sind in einer Weise demokratisch, wie es Aufstände niemals sein können. Wir müssen eine neue Welt erschaffen, anstatt lediglich die alte niederzureißen. Das kann auf den Straßen beginnen – muss aber dort zum Finale geführt werden, wo wir die Macht besitzen, eine neue Gesellschaft zu schaffen: an den Arbeitsplätzen.
Übersetzt von Edith Steinacker
