Wie die Antideutschen Rechte wurden

Willkommenskultur ist für Antideutsche "ausgelagerter Antisemitismus" © Gémes Sándor, SzomSzed CC BY-SA-3.0

Wie tief kann eine ehemals linke Gruppierung sinken, dass sie heute explizit einen Genozid unterstützt? Nicht ihre Moral, sondern ihre falsche theoretische Grundlage spielt die Schlüsselrolle dabei.

Das antideutsche Magazin Bahamas fordert „eine Brandmauer gegen den Antisemitismus, der sich unaufhaltsam in der Partei Die Linke organisiert. Mehr noch: Die Partei Die Linke muss bekämpft werden.“ Mit anderen Zionisten organisierten sie rund um die Wahlen in Berlin am 5. September keinen Protest gegen die AfD, sondern gegen DIE LINKE. Diese Antideutschen von Bahamas verbreiten wie die AfD knallharten islamfeindlichen Rassismus und kämpfen stramm für den kolonialen Apartheitsstaat Israel. Sie feiern Israels Genozid, fordern die Annexion der palästinensischen Gebiete und betrachteten die Grenzöffnung für muslimische Schutzsuchende 2015 als „deutsche Auslagerung des nach 1945 tabuisierten Antisemitismus“. Noch einmal: Eine Gruppierung, die sich als radikal versteht, bezeichnet Solidarität mit muslimischen Flüchtlingen als insgeheim antisemitischen Akt.

Die antideutsche Ideologie entstand nach dem Zweiten Weltkrieg an den deutschen Unis. Studierende beschäftigten sich mit gesellschaftlichen Missständen und mit der Verantwortung der Elterngeneration. Sie machten die NS-Vergangenheit amtierender Richter und Staatsanwälte öffentlich. Die schockierende Wanderausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ wurde Ende 1959 vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) initiiert. Für manche unter den linken Studierenden war der Schluss daraus, dass Antisemitismus unüberwindbar sei und der nächste Holocaust nur zu verhindern wäre, wenn Israel zum sicheren Hafen für alle Juden und militärisch dazu befähigt wird, sich erfolgreich zu verteidigen. Diese falsche Analyse, wie Antisemitismus und Faschismus zu bekämpfen seien, führte zum nächsten Trugschluss, dass alle Gegner*innen Israels nichts anderes wollen als den nächsten Holocaust. Darauf aufbauend entstand das Feindbild von antisemitischen Arabern und Antiimperialisten, ebenso wie die Loyalität zur USA als Schutzmacht Israels.

Antiautoritäre misstrauen den Massen

Inspiriert wurde diese Ideologie von der Kritischen Theorie, auch als Frankfurter Schule rund um die 1968er Bewegung an den Unis bekannt. Die bekanntesten Denker der Frankfurter Schule waren die von den Nazis verfolgten Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die im Exil unter anderem an einer umfangreichen Studie zum autoritären Charakter arbeiteten. Auch Wilhelm Reich hatte sich 1933 mit seiner Massenpsychologie des Faschismus den Nationalsozialismus aus psychoanalytisch-gesellschaftskritischer Sicht abgearbeitet. Er behauptet darin einen fundamentalen Zusammenhang zwischen autoritärer Triebunterdrückung und faschistischer Ideologie. Nach diesem Muster wird auch heute gerne gegen Religionen, v.a. den Islam, argumentiert.

Adornos bekanntes Werk Negative Dialektik bescheinigte der Philosophie, dass sie am eigenen Anspruch, einen Beitrag zur Verwirklichung der Vernunft zu leisten, zwangsläufig scheitern müsse. Was nach Auschwitz bleibe, sei einzig die Selbstkritik, jedes Vertrauen auf Fortschritt sei eine Bankrotterklärung. Antideutsche bildeten eine pessimistische Abspaltung des deutschen Linksradikalismus. Sie stellten nicht mehr den Kampf gegen den Kapitalismus, sondern den gegen Antizionismus in das Zentrum ihrer Aktivitäten. Folglich verabschiedeten sie sich von den kommunistischen Lehren von Karl Marx und jeder Klassenanalyse.

Angst vor dem „Vierten Reich“ und neuem deutschen Weltmacht-Streben

Die antideutsche Strömung kam erst rund um das Jahr 1990 als Reaktion auf die deutsche Wiedervereinigung und den Zweiten Golfkrieg unter George Bush Sen. so richtig in Fahrt. Die kleinbürgerliche Bewegung Radikale Linke betrieb energisch die Spaltung der Friedensbewegung, indem sie den antiimperialistischen Flügel der Friedensbewegung zum Hauptfeind wählte. Geistig angeführt wurden sie von ehemaligen Maoisten des 1991 aufgelösten Kommunistischen Bundes (KB) und des linken Flügels des Bündnis 90/Die Grünen 1989/90. Im Mai 1990 organisierten sie eine Großdemonstration unter dem Slogan „Nie wieder Deutschland!“ und einen Kongress gegen die Wiedervereinigung der DDR mit der BRD.

Der heutige Chefredakteur des rechtsextremen Magazins Compact Jürgen Elsässer war damals führendes Mitglied im Kommunistischen Bund und schrieb:„Deutsche sind für die Propagierung faschistischer und expansionistischer Ziele über das Medium Nationalismus anfälliger als Angehörige anderer Völker.“ Während des Golfkriegs 1991 zerstritt sich das Bündnis. Die Antideutschen stellten sich wegen der Feindseligkeiten zwischen Israel und dem Irak gegen die Friedensbewegung und ihren Slogan „Kein Blut für Öl!“. Henryk M. Broder, Autor von Der ewige Antisemit unterstellte der Friedensbewegung, „eine zweite Endlösung der Judenfrage (…) billigend in Kauf zu nehmen.“

Das Grauen des Holocaust als Angriffskriegspropaganda

Nach den Anschlägen auf das World Trade Center 2001 unterstützten Antideutsche dieser Logik folgend die westlichen Angriffskriege gegen Afghanistan und Irak als „Krieg gegen Terror“, bzw. als Krieg gegen den „globalen Islamofaschismus“. Einige ihrer Protagonisten stiegen in bürgerlichen Medien und an Universitäten damals zu „Islam-Experten“ und „Nah-Ost-Kennern“ auf. Jede Kritik an dem brutalen Vorgehen gegen die Zivilbevölkerungen in Irak, Afghanistan und Palästina wurde als „antiamerikanisch“ oder „antisemitisch“ abgetan und „westliche Werte“ dem „Islamismus“ gegenübergestellt.

Mit solchem Unsinn isolierten sich Antideutsche zusehends, denn die US-amerikanischen Angriffskriege waren extrem unpopulär. Massenproteste gegen den Irakkrieg formierten sich schnell. Die proisraelische Lobbygruppe Stop the Bomb rund um den Publizisten Stephan Grigat forderte schon 2007 „gezielte und wiederholte Militärschläge“ gegen den Iran. Auf einer Konferenz dieser Plattform 2008 in der Uni Wien forderte auch der israelische Historiker Benny Morris einen atomaren Präventivschlag gegen den Iran, um einen „nuklearen Holocaust in Israel“ zu verhindern. Grigats Solidarität mit Israel ging so weit, zu sagen: „Kritische Theorie ist das Gegenteil von linker Gesinnung.“

Scheinbar fortschrittliche Aktivisten pro Genozid

Manche der softeren Antideutschen setzten auf andere inhaltliche Schwerpunkte, um im linken Spektrum verbleiben zu können, vor allem in der autonomen Antifa und bei Hausbesetzungen, Rojava-Solidarität, etc. Die Solidarität mit den meisten unterdrückten Gruppen und Befreiungskämpfen schaffen sie. Geht es um Israels Verbrechen an den Palästinenser*innen sind sie gnadenlos. Die Wiener w23 ist nach einem brutalen Machtkampf der Hausgruppen seit Ende 2023 ein rein antideutsches Zentrum. Das israelsolidarische Bündnis Wien nimmt Platz besteht aus solchen Gruppen. Es ruft zu antifaschistischen Kundgebungen auf, hat aber die Bewegung gespalten und geschwächt. Die antideutsche Plattform Radikale Linke spaltete deshalb schon den Mayday und Proteste gegen die FPÖ. Wer nicht zum Völkermord an den Palästinenser*innen schweigt, wird als antisemitisch verunglimpft.

Die inzwischen staatstragende Antisemitismusdefinition der Antideutschen verfälscht völlig die Gefahr des Faschismus und des Antisemitismus. Sie dient einzig dazu, jede Kritik am Zionismus oder an Israel zu verhindern bzw. zu kriminalisieren. Der inzwischen verstorbene jüdische Dichter Erich Fried schrieb: „Sie nennen mich Verräter an meinem Volk. Sie nennen mich Jüdischer Antisemit, weil ich spreche von dem, was sie tun in Israels Namen gegen Palästinenser, gegen Araber anderer Länder und auch gegen Juden, die totgeschwiegen werden.“ Die Antideutschen setzen auf den Mythos, sie seien besonders konsequente Antifaschist*innen. Wer aber die Drecksarbeit der herrschenden Klasse und ihres Staates erledigt und an der Spaltung oder Schwächung der fortschrittlichen Bewegungen arbeitet, der hat in der Antifa nichts verloren!