Twitch-Streamer Hasan Piker: Ein muslimischer Sozialist prägt das Internet

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Die Streamingplattform twitch.tv wurde nach ihrer Gründung als justin.tv 2011 als soziales Medium für das live-Streaming von Videospielen verwendet. Seitdem steigen die Zuseher:innenzahlen stetig an und weltweit gibt tausende es sogenannte Twitch-Streamer. Seit einigen Jahren, besonders vorangetrieben durch die Corona-Pandemie, hat sich das Angebot der gestreamten Inhalte stark erweitert. Neben Musiker:innen und anderen Künstler:innen haben sich vor allem auch politische Kommentatoren auf der Plattform ihre Haupteinnahmequelle gefunden. Bezahlt werden die content creators (Medienschaffende) von ihren Zuseher:innen über direkte Spenden und Abonnements, die Twitch abwickelt, sowie über Werbeverträge oder bezahlte Promotion-Streams.

Kultur

Man kann sich die Plattform Twitch wie ein Satelliten-TV mit endlosen Reality-TV-Kanälen in allen Sprachen vorstellen, wo rund um die Uhr Menschen aus der ganzen Welt Videospiele spielen, diese kommentieren oder andere Inhalte teilen und mit ihrem Publikum, das in einem Live-Chat Nachrichten austauschen kann, interagieren. Tatsächlich unterscheidet diese direkte Interaktion mit den Zuseher:innen die gestreamten Inhalte von herkömmlichen Talk-Shows und bringt immer mehr Personen auf die Webseite. Im Jänner 2025 war sie die 30. meistbesuchte Seite im Internet. Diese Zahlen spiegeln sich in den Zuseher:innenzahlen allein für die Kategorie Just chatting (Nur reden) mit mehreren 100.000 gleichzeitigen Aufrufen.

Ein Sozialist erobert das Internet

In dieser Kategorie streamt auch der linke politische Kommentator und Aktivist Hasan Piker unter seinem Nicknamen HasanAbi. Seit 2018 verwendet Piker die Plattform Twitch, um linke Politik auf der primär für Gaming verwendete Seite zu propagieren und ist damit zu einem der erfolgreichsten Streamer und Millionär geworden. Seine politische Karriere angefangen hat Hasan bei den Young Turks, mitbegründet von seinem Onkel Cenk Uygur. Geboren in New Jersey und aufgewachsen in Istanbul als Muslim, hat Piker sein Leben lang mit rassistischen Kommentaren und Behandlung als Terrorist zu kämpfen. Seine Aussagen, wie die bekannteste „America deserved 9/11“ („Die USA haben den 11. September verdient“) werden von seinen rechten und liberalen Gegnern gerne aus dem Zusammenhang gerissen, um ihn als den bösen radikalen muslimischen Terroristen zu brandmarken. Wie so oft in den sozialen Medien fallen Menschen mit radikalen Aussagen mehr auf und so tendiert auch Piker dazu, in seinen Kommentaren zuzuspitzen.

Wenn man sich seine Haltung zu verschiedenen politischen Themen ansieht, versteht man schnell, warum er als bekannte Internet-Persönlichkeit, für die Rechte und Liberale eine Bedrohung darstellt. Schon seit Beginn seiner politischen Karriere setzt er sich für ein selbstbestimmtes Palästina ein und seit dem ersten Tag des immer noch voranschreitenden Genozids Israels an den Palästinenser:innen kämpft er dafür, diesen als solchen zu benennen und die Situation zu beeinflussen. Er bezeichnet sich als Sozialist und Marxist und fordert für uns selbstverständliche Dinge, wie einen Grundlohn, Sozialversicherung, ein staatliches Gesundheitssystem, leistbares Wohnen, den Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel und vieles mehr. Er unterstützte in der Vergangenheit in den USA und weltweit diverse sozialpolitische und ökonomische Kämpfe wie Black Lives Matter, Gelbwesten, Fight for 15, Anti-Ice-Proteste, die Bewegung um Luigi Mangione, Uni-Besetzungen in Solidarität mit Palästina und zuletzt die Freedom Flotilla.

Nicht nur Kommentator

Er streamt auch von Protesten, wie zuletzt bei den Anti-ICE-Protesten in Los Angeles, seinem derzeitigen Wohnort, und motiviert sein Publikum, Teil von Protesten und Bewegungen zu sein. Bei der Bürgermeisterwahl in New York unterstützte er den in vielerlei Hinsicht ähnlichen Zohran Mamdani. Dessen Gegner Cuomo stürzte sich auf die bereits zitierte Aussage Hasans, „Die USA haben den 11. September verdient“, um mit einer Schmutzkübelkampagne die beiden Muslime Piker und Mamdani als Terroristen zu verunglimpfen. Bereits mehrfach wurde Hasan von den einflussreichsten Männern persönlich angegriffen. Elon Musk forderte nach dem Attentat auf Charlie Kirk in einem Tweet an Jeff Bezos, zu dessen Unternehmen Amazon Twitch gehört, dieser solle Hasan Piker von seiner Plattform verbannen. Hasan hätte kurze Zeit nach der Ermordung Kirks eine öffentliche Debatte mit diesem haben sollen. Die Ermordung wurde in der ganzen rechten Sphäre, von Trump bis Musk verwendet, um gegen Linke vorzugehen. Musks Ego ist wohl dadurch gekränkt worden, dass seine Ex-Partnerin, die Sängerin Grimes, im Stream Hasan als buffed (gut gebaut) bezeichnet und Musks Tochter Vivian Wilson, geboren in einen männlichen Körper, bereits mehrfach in Hasans Streams gegen ihren Vater aufgetreten ist.

Ein weiterer wichtiger Verdienst Pikers sind regelmäßige Interviews mit von Repression Betroffenen, mit Ärzten, die in Gaza im Einsatz waren, aber auch mit bekannten politischen Persönlichkeiten wie Alexandria Ocasio Cortez, Ilhan Omar, Bernie Sanders, Zohran Mamdani, Jean-Luc Melenchon, Yannis Varoufakis und vielen mehr. In den USA bietet er linken Themen und Gedanken, für viele ein Einstieg in die linke politische Szene, eine wichtige mediale Präsenz. Gerade heute, wo die Zensur weltweit voranschreitet, ist diese Art der Berichterstattung enorm wichtig. Soziale Medien bieten eine Alternative zu den privaten oder staatlichen Medien, die bei diversen Themen gleichgeschaltet wirken.

Das Publikum nicht Rechten überlassen

Neben Hasan Piker gibt es in der Zwischenzeit viele weitere linke amerikanische Streamer:innen, die auch radikalere Ansichten verbreiten. Gleichzeitig hat die Wahl Trumps auch rechte Streamer auf Twitch gefördert. Der erfolgreichste unter ihnen, der über Palästinenser:innen vor zehntausenden Zuschauer:innen gesagt hat „They come from an inferior culture, it is an inferior culture in all ways.“ („Sie stammen aus einer minderwertigen Kultur, es ist in jeder Hinsicht eine minderwertige Kultur.“), ist Zach Hoyt, bekannt unter seinem Twitch-Namen Asmongold und ursprünglich ein reiner World of Warcraft-Streamer, der auf den rechten Zug aufgesprungen ist. Leute Rechte Influencer wie Andrew Tate und sein dessen Verehrer und Nachahmer Adin Ross haben ihm Hoyt den Weg bereitet, ein indem sie bestimmtes Publikum auf die Plattform geholtRassisten und Misogyne auf die Webseite geholt haben., und nNach ihrem Abgang ins Gefängnis im Fall Tate und die Twitch-Konkurrenz Kick, durch Adin Ross, dieses haben sie dieses Publikum Menschen wie Hoyt hinterlassenüberlassen.

Piker ist bekannt dafür, mit Menschen wie Andrew Tate, Adin Ross und Asmongold zu diskutieren. Sein Ziel dabei ist es, die noch nicht gefestigten Zuseher:innen mit seiner souveränen Art von linker Politik zu überzeugen. Derselbe Zugang brachte ihn vermutlich dazu, mit Ethan Klein, ein millionenfach gesehener YouTuber, den Podcast „Leftovers“ zu machen. Ursprünglich eher im liberalen Spektrum angesiedelt, zeigte der mit einer IDF-Soldatin verheiratete nach dem 7. Oktober 2023 sein wahres Gesicht. Nach einem sehr verständnisvollen, aber politischen Gespräch eine Woche später, machte Hasan klar, warum die Palästinenser:innen alles Recht zu bewaffnetem Widerstand hätten. Ethan glaubte aber lieber die Lügen von geköpften Babys und gezielten Massenvergewaltigungen der israelischen Armee. In einem fast zweistündigen Video, das er ein Jahr später auf seinem YouTube-Kanal veröffentlichte, präsentiert er sich als Opfer Hasans, der ihn getäuscht hätte, um sein Publikum zu übernehmen und links umzuprogrammieren.

Einige linke Twitch-Streamer:innen sahen sich das Video an und reagierten auf die Vorwürfe Ethans gegenüber Hasan. Kurze Zeit später verwickelte er die drei kleineren linken Streamerinnen Denims, Frogan und Kaceytron in SLAPP-Klagen, weil sie sein Video angeblich ohne seine Zustimmung vor einem Publikum gezeigt hätten, ohne selbst etwas dazu zu sagen. Diese Art, Linke mundtot zu machen, nutzen immer mehr rechte Streamer.

Möglichkeiten für Sozialisten

Hasan bezeichnet sich selbst als Sozialist und Marxist, ist aber nicht Mitglied einer politischen Organisation, auch wenn er sich oft mit den Democratic Socialists of America (DSA) in Verbindung bringt. In den USA findet er damit großen Anklang in der Altersklasse der Mittzwanziger bis Mittdreißiger, die mit dem Internet aufgewachsen sind und von der repräsentativen Politik enttäuscht oder desillusioniert sind. Einer aktuellen Studie zufolge sind auch in Österreich nur 35% der Bevölkerung davon überzeugt, dass das politische System gut funktioniert. Bei einer Sonntagsfrage stellen die Nichtwähler:innen mit 28% den größten Teil, 20% aller Befragten waren gar nicht wahlberechtigt. Ein enormes Potenzial, das auch über soziale Medien erreicht werden könnte.

Für uns als Sozialist:innen stellt sich natürlich die Frage, wie können die Hunderttausenden, die sich einen offen als Sozialisten bekennenden Streamer anschauen, in tatsächliche Aktivität geholt werden? Gerade Bewegungen wie die Proteste gegen ICE in L.A., auf der Hasan Teil war und damit als Vorbild für viele gewirkt hat, könnten von der zusätzlichen Reichweite profitieren. In Österreich wird es zum Eurovision Songcontest unter dem Motto #BoycottEurovision Proteste geben und über Twitch könnte eine zusätzliche Bevölkerungsgruppe erreicht werden, die bisher nicht an der Politik teilgenommen hat. Wir leben in einer Welt, wo Politik immer mehr in den sozialen Medien Eingang findet. Wir dürfen sie nicht den Rechten überlassen.