Marx vertrat von Beginn an eine Kombination aus Theorie und Praxis: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ Oft wird daraus aber fälschlicherweise eine blinde Anpassung der Theorie an die Praxis gemacht, oder die Theorie gar ganz über Bord geworfen. Theorie und Praxis kommen ohneeinander aber nicht aus, wenn man die Welt einerseits verstehen, andererseits fundamental zum Besseren verändern will.
Veränderung und Widerspruch
Marxismus ist gleichzeitig sorgfältige, wissenschaftliche Theorie und praktische Arbeit. Marxist*innen lernen von der Realität, erklären sie sich anhand ihrer Theorie, ziehen Schlüsse, und verändern die Realität diesen Schlüssen angemessen. Im Kern des Marxismus steht die philosophische Methode Hegels, die Dialektik. Das radikal Neue an dieser Philosophie war, dass sie die Realität als sich-stetig-verändernd wahrnimmt. Der Grund für Veränderungen ist die implizite Widersprüchlichkeit jedes Prozesses. Ein Apfel ist kein Baum, aber in ihm steckt das Potenzial einer zu werden – Hegel sagt dazu, der Baum „negiert“ den Apfel. Aber nur, wenn man „den Beginn“ und „das Ende“ von Veränderungen als Gesamtbild sieht, versteht man die Realität. „Die Wahrheit liegt in der Bewegung“. Alex Callinicos schreibt dazu:
Die Wirklichkeit ist der Prozess, durch den die in den Dingen enthaltene Negation wieder und wieder erscheint und sie verändert. Wirklichkeit ist Veränderung. […]
Hegel führt diesen Gedanken einen Schritt weiter. Wenn etwas sich negiert, wird es zu seinem Gegensatz, sagt er. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist der von Hegel so genannte Umschlag der Quantität in die Qualität. Damit meinte er den Weg, auf dem eine Abfolge kleiner Veränderungen, von denen jede einzelne die grundsätzlichen Eigenschaften einer Sache unverändert lässt, ab einem bestimmten Punkt zu ihrer vollständigen Veränderung führt.
Marx wendet diese Denkweise, gepaart mit dem Materialismus, auf Geschichte und Gesellschaft an. Die Gesellschaft selbst ist Subjekt konstanter Veränderung. Sie besteht aus Widersprüchen, deren Ergebnisse geschichtliche Ereignisse sind. So sind Revolutionen Ausdruck von Widersprüchen, die für die Gesellschaft nicht mehr ertragbar sind – es kommt zu Veränderungen (dem „Umschlag von Quantität zur Qualität“), mit deren Resultat „die alte Gesellschaft schwanger war“, wie Gramsci es ausgedrückt hat.
Diese Denkweise ist also die einzig richtige Methode um die Realität zu analysieren, weil sie es ermöglicht, scheinbar unerklärliche Konflikte in einen größeren Zusammenhang zu stellen, und damit auch die sprunghaften Entwicklungen der Geschichte zu erklären. Marx wollte die Welt aber nicht nur verstehen, er wollte sie verändern. Die Herangehensweise, die er dazu entwickelt hat, nennt man in Abgrenzung vom utopischen Sozialismus – wir träumen davon, dass eine gerechte Welt vom Himmel fällt – wissenschaftlichen Sozialismus. Durch dialektische Analysen werden im wissenschaftlichen Sozialismus verwendet, um Widersprüche zu finden, diese in der Praxis hervorzuheben, um dadurch die Politik zu intervenieren, und Fortschritte im Klassenkampf zu machen. Marxist*innen sind durch diese Arbeitsweise sozusagen die „Geburtshelfer“ neuer Gesellschaftsformen.
Die Pariser Kommune – Theorie und Praxis
Dass Theorie und Praxis Hand in Hand gehen, sieht man am Beispiel der Pariser Kommune. Marx und Engels hatten ursprünglich theoretisiert, dass die Arbeiter*innenklasse den bürgerlichen Staat zu ihren Zwecken verwenden hätte können, sobald sie die Herrschaft darüber erlangt hatten. Polizei, Gerichte, Militär, Bürokratie – all das würde den Interessen der arbeitenden Klasse unterworfen.
Die Pariser Kommune hat aber gezeigt, dass das nicht funktioniert. Der bürgerliche Staat kann zwar von einem kapitalistischen Regime nahtlos an ein anderes weitergereicht werden, ist aber selbst so auf den Kapitalismus angewiesen, dass er sich gegen den Umbau zum Sozialismus wehrt. Das ist in der Geschichte immer und immer wieder passiert: die Sabotage durch Militär und Bürokratie von Salvador Allendes Regierung in Chile etwa, oder die Sabotage der irischen Vereinigung durch die Tories 1912.
Die Organisation der Kommune war fundamental anders als der bürgerliche Staat. Marx und Engels haben versucht zu verstehen, warum. Die politisch Verantwortlichen waren jederzeit abwählbare Arbeiter*innen, arbeitende Körperschaften statt verwaltende Parlamente, selbst die öffentliche Sicherheit wurde durch Arbeiterwehren nach diesen Prinzipien organisiert. Nach langen Analysen kamen sie zu dem Schluss, dass nur das Zerschlagen der bürgerlich-staatlichen Strukturen radikal genug ist, um eine nachhaltige Gesellschaftsveränderung zu erzwingen – der Umschlag von Qualität zur Quantität. Die bekannte Änderung am kommunistischen Manifest ist also nicht nur ein „von der Praxis abschreiben“. Sie war Ergebnis der konsequenten Anwendung marxistischer Denkweise:
„Aber die Arbeiterklasse kann nicht die fertige Staatsmaschinerie einfach in Besitz nehmen und diese für ihre eignen Zwecke in Bewegung setzen. […] Die Einheit der Nation sollte […] Wirklichkeit werden durch die Vernichtung jener Staatsmacht, welche sich für die Verkörperung dieser Einheit ausgab, aber unabhängig und überlegen sein wollte gegenüber der Nation, an deren Körper sie doch nur ein Schmarotzerauswuchs war.“ (Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, Teil III)
Chris Harman schreibt dazu: „Revolutionäre können die Richtigkeit ihrer Analysen der materiellen Welt nur im Prozess der Veränderung derselben prüfen.“
Exkurs: Marx und die Politik
Seit sich Marx und Engels nach einem Konflikt 1850 aus dem Bund der Kommunisten zurückgezogen hatten, und auch in der Rheinischen Zeitung nicht mehr aktiv sein konnten (sie wurde 1843 verboten), wird behauptet, Marx sei nicht politisch gewesen. Genügend Texte werfen praktischen Marxist*innen vor, politische Agenden in den Marxismus hineinzuinterpretieren.
Diese Kritik geht auf einen Briefwechsel zwischen Marx und Engels zurück, in dem sie sich darüber freuten, endlich frei von den Zwängen des Bundes zu sein. Während das nicht falsch ist, könnte der Rückschluss, sie seien nicht politisch, falscher nicht sein: Der Bund war eine teils geheime Organisation, die nicht an einer echten proletarischen Revolution arbeitete. Sie war nicht die Arbeiter*innenorganisation, die Marx und Engels für ihre Politik vorschwebte.
Marx hat sich stets sehr aktiv in die Tagespolitik eingemischt. Er verwendete seine Analysen der gesellschaftlichen Widersprüche um an den richtigen Stellen Diskussionen und Umbrüche herbeizuführen.
Sozialdemokratie – Philosophie der Theorie
Die Synthese von Theorie und Praxis, die Sichtweise, dass Realität Veränderung ist, und die daraus resultierenden Konsequenzen, sind die größten Unterschiede zwischen Marxist*innen welche vermittels wissenschaftlicher Analyse intervenieren wollen und den sozialdemokratischen Parteien, welche die vorhandene Gesellschaftsstruktur akzeptieren. Letztere vertreten die Idee, dass politische Bildung und Propaganda nicht nur notwendig sind, bevor es zum Sozialismus kommt, sondern auch ausreichend sind, um die reaktionären Ideen der Arbeiter*innenklasse zu konfrontieren. Sobald das erfolgreich war, kann die aufgeklärte Arbeiter*innenklasse dann, Reform um Reform, den Staat in einen sozialistischeren umbauen. Der Mensch muss also erst umerzogen werden, bevor sich die materiellen Bedingungen verändern können und dürfen.
Marxist*innen sehen aber, warum das nicht funktionieren kann. John Rees erklärt in seinem Vorwort zum Text „In defence of class consciousness“, dass die kapitalistische Produktionsweise die Arbeiter*innenklasse atomisiert. Einzelne Arbeiter*innen entfremden sich von ihrer Arbeit und ihrer Klasse. Aus dieser Entfremdung entsteht eine gefühlte Machtlosigkeit, die „in einer Akzeptanz von Hierarchie, Bürokratie und Religion“ mündet.
Die Klassengesellschaft reproduziert also permanent jene Ideen und Sichtweisen, die ihrer Aufrechterhaltung dienen („Die herrschenden Ideen, sind immer die Ideen der herrschenden Klasse“, Marx). Rees führt weiter aus:
Der Konflikt um den Preis der Arbeit, die Dauer und Intensität ihrer Nutzung ist niemals abgeschlossen. […] Da dieser Konflikt innerhalb der Grenzen der kapitalistischen Ideologie nicht gelöst werden kann, löst er sich durch den Klassenkampf. Ein solcher Widerstand seitens der Arbeiter muss auch den Beginn einer alternativen Weltanschauung markieren, einen Bruch in der Mauer der Entfremdung, die Wurzel dafür, dass die Arbeiter ihr Gefühl der Ohnmacht überwinden.
Georg Lukács schreibt:
dies ist der Punkt, an dem die „ewigen Gesetze“ der kapitalistischen Ökonomie versagen und dialektisch werden und somit gezwungen sind, Entscheidungen über das Schicksal der Geschichte den bewussten Handlungen der Menschen zu überlassen.
Der Klassenkampf ist also ein zentrales Element, welches das Klassenbewusstsein schafft und formt. Im sich intensivierenden Klassenkampf findet sich der „Punkt des Umschlags“. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass es eben nicht ausreichend ist, den Fokus nur auf Propaganda zu setzen. Politische Bildung muss mehr sein als nur die Vermittlung der Theorie – sie muss den praktischen, angewandten politischen Klassenkampf beinhalten. Rees:
Wenn die bürgerliche Ideologie an dem Punkt zu zerfallen beginnt, an dem die Beziehungen der Ausbeutung und Unterdrückung in Frage gestellt werden, dann gewinnen Agitation und die praktische Führung des Klassenkampfs für Sozialisten wieder an Bedeutung.
Das „Unpolitische“ – Philosophie des Stillstandes
Heute zeigt sich eine weitere bürgerliche Ideologie, und gleichsam die Atomisierung der Arbeiter*innenklasse, oft in der Gestalt der „politischen Mitte“ oder des Lagers der „Unpolitischen“. Dieses Lager zeichnet sich durch das zwanghafte Festhalten am Status Quo aus. Dieser Status Quo wird durch Begriffe wie „wertneutral“, „objektiv“ gerechtfertigt, und insgesamt zielt die Ideologie des Unpolitischen auf die Beibehaltung von Kapitalismus und parlamentarischer, bürgerlicher Demokratie ab, welche bestenfalls minimal verbessert werden soll. Diese Ideologie geht dabei stets mit einer Kritik der „politischen Ränder“ einher, deren Maßnahmen, im Gegensatz zu den eigenen „objektiv richtigen“, als ideologisch und damit realitätsfern angesehen werden.
Diese liberale Ideologie feiert die Entfremdung der Menschen von der Politik und vom (klassen- und arbeits-) politischen Kampf als Errungenschaft der Aufklärung – der Triumph der Idee über die Praxis. Genauer: der Idee, dass die freie Marktwirtschaft und der humanistische Individualismus die „natürliche Gesellschaftsform“ des Menschen ist. Der Mensch, mit Ausnahme einer gebildeten Elite, gilt hier seit der Aufklärung als unveränderlich und ein grausames Tier, das nur wegen staatlicher Kontrolle und Repression nicht mordet. Deshalb brauchen wir Staat und Polizei, die für Ordnung sorgen und allerhand Entfremdung dazu. Alex Callinicos beschreibt diese Verwehrung gedanklicher Entwicklung so:
[Das spiegelt] die bedeutendste gedankliche Schwäche der Aufklärung wider, das Fehlen einer Theorie, die es ihnen ermöglicht hätte zu erklären, warum und wie geschichtliche Veränderungen stattfinden. Wie wir sahen, neigten sie dazu, die Geschichte als die Entfaltung der menschlichen Vernunft zu betrachten.
Genau dieser Stillstand und die gefeierte Entfremdung führt in liberalen Kreisen zur Ansicht, dass politischer Kampf lediglich über Propaganda und politische Bildung geführt werden sollte. Dass es gefährlich ist, mit noch nicht voll aufgeklärten Menschen in einen aktiven politischen Kampf einzutreten – denn im Ideal der Aufklärung bleibt der Geist und die Idee unberührt von den „externen“ materiellen Gegebenheiten. Engels kritisiert in Herrn Eugen Dühring’s Umwälzung der Wissenschaft diese Denkweise als das „idealisierte [doppelmoralische] Reich der Bourgeoisie“.
Wegen dieser Ansichten – der Mensch als fertiges, aufgeklärtes Wesen, dem die Welt Untertan ist – gibt es in diesen Ideologien kein Konzept des Fortschrittes mehr. Reformen sollen Geschichte und Kampf ersetzen und schlussendlich werden alle „nicht aufgeklärten“ zum Feindbild erklärt.
„Philosophie der Praxis“ in der Praxis
Die Sichtweise, dass der Marxismus ein Werkzeug ist, um die Realität zu verstehen und sie gleichzeitig zu beeinflussen, macht sich direkt in der Praxis bemerkbar. Organisationen mit dieser Ansicht bemühen sich, ihre Mitglieder in der Theorie zu schulen, sich aber auch aktiv in Kämpfe und Diskussionen einzubringen. Sozialistische Kongresse (wie unser jährlicher „Marx is Muss“-Kongress), Infotische, etc. sollen Debatten ermöglichen und zur politischen Intervention/Arbeit befähigen. Mitglieder solcher Organisationen lernen, mit anderen zu diskutieren, ihre Ideen zu testen und zu erklären. Gleichzeitig lernt man durch diese Konfrontationen, welche Sichtweisen und Widersprüche in der Gesellschaft vorhanden sind. Man bemerkt, welche Interventionen Sinn machen und die Bewegung als Ganzes stärken und für welche die Bewegung noch nicht reif ist.
Es ist zwar immer einfach, die Vergangenheit aus der Zukunft her zu kritisieren, aber Situationen während der österreichischen Revolution zeigen, was passiert, wenn Theorie und Praxis auseinanderklaffen und Momente des Umschwungs nicht richtig bewertet werden: Am 12. November 1918 marschierte, inmitten der Unruhen um das Ringen um eine Räterepublik, die K.D.P.Ö. zu Propagandazwecken bewaffnet vor dem Parlament auf, um eine Räterepublik auszurufen. Es kam zu einem Schusswechsel, bewirkt hatte die Aktion in der Arbeiter*innenbewegung jedoch nichts. Sie wurde eher als umstürzlerisch wahrgenommen. Kräfteverhältnisse wurden falsch eingeschätzt, die Praxis war der Theorie vorausgeeilt.
In der Philosophie der Praxis wird deshalb regelmäßig gefragt und diskutiert, was der „Stand der Bewegung“ in unterschiedlichen Zusammenhängen ist. Wo ist es notwendig, theoretische Themen zu kombinieren und deren Verflechtungen in der Praxis klarer darzulegen? Die gesamte Realpolitik (im weitesten Sinne) fließt also stets in Entscheidungen ein und beeinflusst damit, wie sich die Organisation in der Praxis verhält. Es werden Widersprüche gesucht und erklärt. Deshalb verzweifeln Marxist*innen auch nicht an Trump, Putin, Xi und Kickl – wir wissen, dass ihre Politik Widersprüche in sich trägt, die man gegen sie wenden kann.
Das Kapital ist keine Bibel
Marx und Engels Schriften sind keine Bibel, die angebetet und tagtäglich rezipiert werden müssen, damit uns der Geist der antikapitalistischen Erleuchtung auf eine neue Stufe des Seins hebt. Echter Marxismus ist ein Werkzeug, das Theorie mit politischer Praxis kombiniert und dadurch Analysen liefert, die wiederum in einem praktischen Kontext Sinn ergeben müssen. Politische marxistische Analysen können also nicht ernst genommen werden, wenn sie keine praktischen Konsequenzen für die politische Arbeit am Klassenkampf liefern. So wie das Moped das Werkzeug des Fahrradkuriers und der Hammer das Werkzeug der Mechanikerin sind, so ist Marxismus das Werkzeug der Revolutionär*innen und Arbeiter*innenklasse selbst, im Kampf um die Selbstbefreiung von den Fesseln des Kapitalismus. Weder auf Theorie noch auf Praxis kann man dabei verzichten, denn nur gemeinsam ergibt sich ein gesamtheitliches Bild, mit dem im marxistischen Sinn Geschichte gemacht werden kann.
