„Ich bin nichts, ich kann nichts, gebt mir eine Uniform!“, hallte es am Vormittag des 25. September durch die Osnabrücker Innenstadt. Wie auch in 107 anderen Städten Deutschlands gingen hier zahlreiche Schüler*innen mutig gegen die in Deutschland neu eingeführte Wehrpflicht auf die Straßen. Wir von SVU Melle waren live dabei.
Die Message der Streikenden hätte klarer nicht sein können: Wir lassen uns nicht für die Interessen des deutschen Kapitals in den Schützengräben an der Ostfront abschlachten, ließen uns die ersten Redner*innen bei der Startkundgebung wissen. Die Stimmung war kochend heiß, die Schüler*innen stinksauer. Zurecht, denn spätestens seitdem diesen Sommer angekündigt wurde, dass auch diejenigen 18-jährigen Burschen zur Zwangsmusterung eingerückt werden, die auf dem Erfassungsbogen ausdrücklich ihr Desinteresse ausgedrückt haben, hat man hier die Schnauze voll. Der deutsche Staat hat vor, wenn nötig, sie alle in den Tod zu schicken.
Als solidarischer Beobachter kam es mir vor, als wehe ein ähnlicher Wind wie damals 2019, als die Schüler*innen zu hunderttausenden unter dem Banner von FFF gegen die verhunzte Klimapolitik der Bundesregierung aufbegehrten. Die Schüler*innen klagen an, dass ihnen mal wieder von den Herrschenden ihre Zukunft geraubt wird. Nur dieses Mal warte nicht der Klimakollaps auf sie, sondern der sinnlose Tod durch die Kugel eines Mitmenschen, der genauso von seiner Regierung verarscht wird wie wir.
Unter dem Motto „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ marschierten frustrierte Schüler*innen Seite an Seite mit kommunistischen Ortsgruppen und internationalistischen Solidaritätsvereinen. Der gemeinsame ideologische Dreh- und Angelpunkt, hinter dem man sich vereinen konnte, lautete klipp und klar: Antimilitarismus, Antiimperialismus, und Antikapitalismus. In Demo-Rufen wie „Siemens, Daimler, Deutsche Bank – Der Hauptfeind sitzt im eig’nen Land!“ wird deutlich, dass hier der Widerstand ganz klar verknüpft wird mit einer Kritik an den Profitinteressen des deutschen Kapitals, die sich im Moment in einer absurden Aufrüstungsspirale entladen. Die (organisierte) Schüler*innenschaft zeigte eine klare klassenkämpferische Kante!
Vor allem in Osnabrück liegt das Nahe: In der sogenannten „Friedensstadt“ wird derzeit von der Stadtregierung der Plan verfolgt, das örtliche VW-Werk an den israelischen Investor „Aurelius Capital“ zu verscherbeln, der den Standort in eine Waffenfabrik verwandeln, und dabei gleichzeitig auch noch ein Viertel der Arbeitsplätze im VW-Werk abbauen will. Es ist nichts anderes als eine Voll-Katastrophe, die die lokale Bevölkerung zur Zielscheibe zukünftiger Kriegshandlungen verdammt, und gleichzeitig die Taschen der Aktionäre prall bis zum Platzen füllt.
Den Gesprächen mit Demonstrierenden wie auch Beistehenden war zu entnehmen: Der deutsche Staat scheißt auf die Interessen der Bürger*innen und stellt sich lieber an die Seite deutscher Firmenchefs, Fonds und Banken. Über die gesamte Demoroute hinweg erreichten uns Zusprüche und solidarische Gesten von Passant*innen. Die lokale Bevölkerung weiß, dass die Schüler*innen Recht haben, wenn sie sich gegen den Kriegsdienst auflehnen, Antimilitarismus scheint endlich wieder mehrheitsfähig zu sein. Und auch die Gewerkschaften wissen es: Der Aufrüstungswahnsinn geht Hand in Hand mit Sozialdarwinismus. Zuhause fehlt vielen das Geld, um überhaupt ihre Miete zu bezahlen, oder sich ordentliches Essen leisten zu können, und zur Belohnung soll man an der Front selbst zum Drohnenfutter werden. Dass das keine zufällige Verschränkung ist, sondern in der Funktionsweise des kapitalistischen Systems selbst angelegt ist, ist hier für niemanden etwas Neues. Die Jugend hat wieder Bock auf Krawall, und sie organisiert sich links und revolutionär.
Zur Hölle mit “The kids aren’t alright“ und zur Hölle mit der Wehrpflicht.
von Johannes LITSCHAUER
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