Ursprünge der Autonomen Bewegung in Italien

Bis heute stellen sich revolutionäre Linke die Frage: Wer hat uns verraten? Die Autonomia Bewegung, die aus der Streikbewegung der italienischen Fabrikarbeiterklasse erwuchs, hatte eine klare Antwort: Die Gewerkschaften und Parteien, die mit den Bossen freundschaftlich verhandeln, anstatt den Kampf gegen sie aufzunehmen. Bis heute gibt es autonome Strömungen, die das Mistrauen gegen alle Institutionen zum Dreh- und Angelpunkt der politischen Praxis erheben. Die italienische Autonomia wurde durch ihre Selbstisolation, aber auch durch den Verrat der institutionalisierten Linken, der staatlichen Repression preisgegeben.

Im Italien der Nachkriegszeit war die Linke geschlagen. Die rechtskonservative Democrazia Christiana (DC) regierte mit eiserner Hand. Das Land war gezeichnet von einer tiefen Spaltung zwischen Nord- und Süditalien. Junge Menschen aus dem Süden strömten massenhaft in die noch blutjunge Industrie, wo sie schlagartig mit der Härte der fordistischen Produktion konfrontiert wurden. Unter diesen Umständen reifte in den Belegschaften der Großbetriebe eine tiefsitzende Unzufriedenheit über die kapitalistischen Ausbeutungsstrukturen heran. Die etablierte Linke, beschäftigt mit ihrer eigenen Krise, bemühte sich nicht, aus dem trockenen Stroh der Klassenwut den notwendigen Flächenbrand zu entfachen. Wie in den meisten europäischen Ländern buhlten die linken Parteien um eine Einbindung in die Regierungsgeschäfte, während die Gewerkschaften auf sozialpartnerschaftliche Verhandlungen setzte – erfolglos. Dadurch diskreditierte sie sich in den Augen der Arbeiter:innen. Die Antwort auf den Klassenverrat lautete „Autonomia“ – Unabhängigkeit von den etablierten Institutionen und der Versuch Arbeiter:innenmacht von unten neu aufzubauen. Doch warum verendete die autonome Bewegung kaum ein Jahrzehnt später in den Gefängnissen?

Ursprünge des Operaismus

Im Nachklang des 20. Parteitags der KPdSU, bei der ein Teil der stalinistischen Verbrechen öffentlich thematisiert wurden, sowie nach der Niederschlagung des Ungarnaufstandes 1956, verlor die Partito Socialista Italiano (PSI) ein Drittel ihrer Mitglieder. Am 33. Parteitag der PSI 1959 gewann der rechte Flügel in der Partei um Piero Nenni. Dadurch gab die PSI den sozialistischen Charakter zu Gunsten eines sozialdemokratischen Reformismus auf. Raniero Panziero, der die linke Fraktion des Zentralkomitees anführte, verlor jegliche Hoffnung die Partei zurück zum Sozialismus zu bekehren, und widmete sich fortan in Turin, gemeinsam mit den anderen marxistischen Dissidenten, seinen Studien. Nach Marx‘schem Vorbild führte die Gruppe in den Fiat-Werken in Turin Arbeiter:innenbefragungen durch, die ergaben, dass die Belegschaft unzufrieden und das Mobilisierungspotential, entgegen den Behauptungen der Gewerkschaften, hoch war. Aus diesen Studien entstanden zwischen 1961 und 1966 sechs Ausgaben der Quaderni Rossi, sogenannte „Rote Hefte“, die das theoretische Fundament für den „Operaismus“ (operaio, dtsch. Arbeiter:in) bildeten. Dieser wandte sich gegen den in reformistischen-marxistischen Kreisen vorherrschenden Geschichtsdeterminismus. Die Entwicklung der Produktivkräfte folge nicht einer unumgänglichen Entwicklung, sondern müsse durch konstante Disziplinierung der Arbeiter:innen erzwungen werden. Sabotage, Arbeitsverweigerung und Ungehorsam seien demnach die geeigneten Mittel, um die kapitalistische Entwicklung zu stören und die Bedingungen für eine sozialistische Revolution zu schaffen. Das Angriffsziel der Operaisten war die Lohnarbeit selbst – ganz im Unterschied zu dem stalinistischen und sozialdemokratischen Zugang, die Lohnarbeit zum Fetisch zu erheben.

Der heiße Herbst 1969

Ende der 1960er Jahre explodierte das Pulverfass. Im Zusammenhang mit der revolutionären Welle, die 1967 und 68 ganze Europa erfasste, brach eine Streikwelle in den italienischen Fabriken aus – die Arbeiter:innen durchbrachen ungezügelt die Friedenspolitik der bremsenden Gewerkschaften. Zunächst standen Sektoren in der ersten Reihe, die bis dato keine führende Rolle im italienischen Klassenkampf eingenommen hatten, wie etwa die Textilindustrie. Bald darauf folgten die großen Fabriken. Es entwickelten sich zahlreiche autonome Basiskomitees, die sogenannten Comitati Unitari di Base (CUB). In den Fiat-Werken in Mirafiori in Turin wurden in den einzelnen Abteilungen Sprecher:innen gewählt. In Räteversammlungen trafen sie Beschlüsse, die sofort von den Arbeiter:innen umgesetzt wurden – letztendlich wurde die Unternehmensleitung dazu gezwungen, diese Form der Arbeiter:innenvertretung offiziell anzuerkennen. Bald vereinigten sich Student:innen und Arbeiter:innen zur gemeinsamen Organisation Lotta Continua („Der Kampf geht weiter!“). Als diese zu einem Streik gegen zu hohe Mieten außerhalb der Fabriktore aufrief, schlossen sich tausende Menschen aus der Bevölkerung der Demo an und es kam zu heftigen Straßenschlachten mit der Polizei. Die Politisierung der Massen erfolgte schlagartig: während es vor 1968 keine nennenswerte revolutionäre Linke in Italien gab, hatte Italien 1973 die größte revolutionäre Linke in allen Industrieländern. Die italienischen Arbeiter:innen legten im „heißen Herbst“ für insgesamt über 300 Millionen Stunden die Arbeit nieder und erkämpften sich dadurch eine Lohnerhöhung von 18,3 Prozent im Jahr 1970 und jeweils weitere 9 % in den beiden Folgejahren. Als eine zentrale Organisation der außerparlamentarischen Linken formierte sich während der Kämpfe die Organisation Potere Operaio („Arbeitermacht“), der auch Antonio Negri angehörte. Im Unterschied zu Lotta Continua war Potere Operaio als revolutionäre Partei nach der leninistischen Parteitheorie konzipiert. Ab 1970 verfügte sie auch über eine klandestine bewaffnete Fraktion.

Lohnarbeit – Zwang und nicht Fetisch

Die Kämpfe des heißen Herbstes waren im Unterschied zur bestehenden gewerkschaftlichen und parteilichen Kultur von progressiven Ideen getragen, die Gleichheit unter der Arbeiter:innen forderte und danach, strebte ihre Freiheit und Würde zu erkämpfen. Dabei ging es insbesondere auch um Schutz vor der schweren körperlichen und seelischen Zurichtung durch die Fabrikarbeit. Ein Beispiel aus den Pirelli-Werken verdeutlicht die unterschiedlichen Herangehensweisen der Gewerkschaften und Unabhängigen Basiskomitees: In diesen war das Arbeitstempo an den Fließbändern in wenigen Jahren enorm gestiegen: da kein Arbeitskräftemangel herrschte, spekulierte das Unternehmen, durch „physische Selektion“ den Ausbeutungsgrad zu maximieren. Die Gewerkschaften „nutzten“ diese Überbelastung für leistungsgebundene Lohnerhöhungen und setzten etwa Kommissionen ein, die in Zusammenarbeit mit den Unternehmern ermitteln sollten, wie man das Produktionstempo noch erhöhen könnte. Die Basiskomitees hingegen beschlossen einfach je Abteilung ein Arbeitstempo, das der jeweiligen Belastung der Gruppe entsprach. Das ganze Jahrzehnt wurde nicht schneller gearbeitet, als demokratisch beschlossen.

Ablehnung der Gewerkschaften

Erfahrungen wie diese führten dazu, dass die sich neuformierenden linken Kräfte, darunter Lotta Continua und Potere Operaio, jegliche Arbeit innerhalb der Gewerkschaften ablehnten. Wohl nicht ganz zu Unrecht wurden diese als zusätzlicher „Arm des Kapitals“ wahrgenommen. Anders verhielt es sich mit den Arbeiter:innen, die, politisiert durch den heißen Herbst, massenhaft in die Gewerkschaften strömten. Während die beiden größten Gewerkschaften 1967 nur 31 Prozent der Arbeiter:innen organisierten, waren es 1975 46,2 Prozent. Die Gewerkschaften waren durch den Druck der Belegschaften zudem gezwungen, die militanten Kampfformen des „heißen Herbstes“ anzuerkennen und den Gewerkschaftsapparat zu Gunsten einer echten Arbeiter:innenselbstorganisation umzubauen. Diese reale Radikalisierung der Massen fand also abseits der revolutionären Linken statt, die sich durch die strikte Ablehnung der Gewerkschaftsarbeit selbst in die Isolation katapultiert hatte.

Rückschläge und Repression

Massive staatliche Repression und steigende Automatisierung in der Industrie drängte die autonome Arbeiter:innenbewegung in den 1970er-Jahren in die Defensive. Obwohl flankiert von Streiks, verliefen die Tarifverhandlungen 1973 zäh und die Ergebnisse waren für die Arbeiter:innen unbefriedigend. Von Seiten der Regierung wurde linke Organisierung gezielt durch die „Strategie der Spannung“ sabotiert. Neofaschisten verübten in den 1960er bis 1980er-Jahren zahlreiche Morde und Terroranschläge, die in Kollaboration mit italienischen Geheimdiensten linken Gruppen in die Schuhe geschoben wurden, insbesondere den Roten Brigaden. Dadurch sollte in der Öffentlichkeit Angst vor dem Kommunismus erzeugt werden, um eine Regierungsbeteiligung der PCI zu verhindern. Die Rückschläge im Klassenkampf wirkten sich auch auf die revolutionäre Linke aus. Als sich Potere Operaia 1973 auflöste, schlossen sich einige Mitglieder der linksterroristischen Gruppierung Prima Linea an. Der andere Teil formierte sich neu zur Autonomia Bewegung. Für sie verlagerte sich das politische Kampffeld von den Fabriken in den Alltag. Hausbesetzungen, „Proletarisch Einkaufen“ und Straßenkampf wurden beliebte Widerstandsformen gegen Staat, Kapital und Lohnarbeit. Theoretisch untermauert wurden die Aktionen von Antonio Negris Konzept des „gesellschaftlichen Arbeiters“. Aufgrund von Veränderungen der Produktionsbedingungen sei nun nicht mehr der Fabriksarbeiter das revolutionäre Subjekt, sondern eine allgemeine „gesellschaftliche“ Arbeiterklasse, die alle Unterdrückten inkludiert. Bald bildeten sich innerhalb der Autonomia zwei Strömungen heraus die „spontane“ Autonomia creativa und die „politischere“ Autonomia Organizzata.

Strömungen der Autonomia

Die Autonomia creativa stand unter dem Vorzeichen der Wiederaneignung des eigenen Lebens („Politica di riappropriazone“). Die Circoli del proletario giovanile schmuggelten sich auf Musikkonzerte, klauten systematisch, besetzten Jugendzentren und überfielen, um sich der Zerstörung der Gemeinschaften durch Drogenkonsum zu widersetzen, Heroindealer. Im Dezember 1976 stürmten Tausende ihrer Jugendlichen die Mailänder Scala und es kam zu einer Plünderung der Luxusgeschäfte. Dem gegenüber standen die Indiani Metropolitani, die 68er der Autonomia creativa, die sich ausgehend von den Universitäten gegen das kapitalistische Großstadtleben wandten und für ökologische Werte und sexuelle Befreiung eintraten. Die Autonomia organizzata hingegen wollte der bestehenden Herrschaft nicht durch selbstgeschaffene Freiräume entkommen, sondern sie zerschlagen. In ihr organisierten sich viele ehemalige Mitglieder der Fabrikskomitees aus dem heißen Herbst 69 und der Gruppe Potere Operaio.

Verrat der kommunistischen Partei

1976 erhält die kommunistische PCI bei den Parlamentswahlen 34 % der abgegebenen Stimmen. Doch die Unterstützung eines Drittels der Wahlberechtigten für kommunistische Ziele sieht die PCI nicht als Anlass, diese auch zu verfolgen. Mit dem Argument den aufstrebenden Faschismus zu verhindern, bildet sie in einen „historischen Kompromiss“ eine Regierung ausgerechnet mit dem größten Kontrahenten der italienischen Arbeiterklasse: der Democrazia Christiana (DC). Von nun an richtet sich die Autonomia ganz gezielt gegen die Politik der PCI. Die Bewegung erreicht ihren Höhepunkt im Jahr 1977, das zugleich ihre Niederlage markiert. Im März beteiligen sich 50.000 Menschen an einer Demonstration gegen die Verurteilung eines Anarchisten. Es kam zu heftigen Straßenschlachten, Studenten errichteten in der Altstadt Bolognas drei Tage lang durch Barrikaden eine autonome Zone aufrecht. Die Autonomia organizzata propagierte den militanten Kampf, es wurden Waffengeschäfte geplündert, hunderte Autos angezündet und die Büros der DC mit Benzinbomben angegriffen. Am 14. Mai erschossen Jugendliche bei einer Demonstration einen Polizisten. Die Autonomia wurde daraufhin innerhalb der italienischen Linken zunehmend isoliert und es folgte eine Welle an Verhaftungen, unter maßgeblicher Beteiligung der PCI, die in ihren Zeitungen die Namen führender Aktivist:innen der Autonomia publizierte.

Letztes Mittel: Terrorismus

Weite Teile der Autonomia Operaia versuchten durch bewaffnete Untergrundaktivität die vollständige Zerschlagung der Bewegung zu verhindern. Im Frühjahr 1978 entführten Mitglieder der „Roten Brigaden“ den ehemaligen Premierminister und Generalsekretär der DC Aldo Moro. Für 54 Tage halten sie ihn in einem „Volksgefängnis“ hinter einem Bücherregal in einer 100 Quadratmeter-Wohnung fest und ermorden ihn in einem Schauprozess. Die Aktion löst innerhalb der Linken große Entrüstung hervor, es kam zu landesweiten Protestdemonstrationen, an denen PCI und Gewerkschaften an vorderster Front standen. Die Terroraktionen führten nicht zu einer Erschütterung des Systems, sondern dazu, dass es sich festigte und die Repression durch die Staatsgewalt noch verschärft wurde.

Endstation Gefängnis

Die Autonomia-Bewegung verendet in den staatlichen Gefängnissen. Schätzungen zufolge gehörten über ein Viertel der 4.000 politischen Gefangenen des Jahres 1981 der Autonomia Operaia an. Die radikale Ablehnung der Gewerkschaftsarbeit und somit die vollständige Abwendung von der Arbeiterklasse hatte die revolutionäre Autonomia so weit von der realen Machtausübung durch Streiks getrennt, dass sie der staatlichen Repression ausgeliefert war. Jedoch war es die Systemtreue der Gewerkschaften und sozialistisch-bekennenden Parteien, die eine unabhängige Organisierung der linken Kräfte notwendig gemacht hatte. Eine erfolgreiche revolutionäre Bewegung braucht beides: Demokratie von unten und reale Arbeitermacht („Potere Operaia“) durch Klassenkampf.

Eine revolutionäre Strategie muss darauf abzielen, das Klassenbewusstsein der Arbeiter*innen voranzutreiben – mit oder gegen die Gewerkschaftsbürokratie. In Betrieben, wo die aus den Streiks hervorgehende Massenpolitisierung zu einem regen Zustrom der Arbeiter:innen in bereits bestehende Strukturen führt, kann man durch den Rückenwind der Bewegung die Entwicklung der verkorksten Apparate zu einem Werkzeug echter Arbeiter:innenmacht erzwingen. In Betrieben in denen der Vertrauensbruch zwischen der Arbeiter:innenschaft und der gewerkschaftlichen Führung irreparabel ist, so dass die Arbeit innerhalb der Institutionen ausgeschlossen ist, gilt es ernsthafte Gegenorganisationen aufzubauen und die Kampfbereitschaft der Belegschaft durch kontinuierliche politische Arbeit, wider der Rückschläge, fortzusetzen. Welchen Weg man jeweils geht, hängt von der Frage ab, was die größtmögliche Radikalisierung für die größtmögliche Masse an Arbeiter:innen ermöglicht.