Eretz Israel –Der Albtraum vom großen Reich

Historisches Plakat der Irgun, das für die Verbreitung in Mitteleuropa (ca. 1931–1938) bestimmt war. Es zeigt „Eretz Israel“ in den Grenzen, wie sie in der Balfour-Deklaration vorgesehen waren. Quelle © Wikimedia Commons, Public Domain

Israels Politiker träumen von Großisrael – Kontrolle über ein Gebiet weit über die heutigen Staatsgrenzen hinaus. Das zeigen sie in den fast täglichen Angriffen auf ihre Nachbarländer. Das zionistische Projekt ist nicht nur für Palästinenser*innen bedrohlich, sondern für jeden souveränen Staat in der Region.

Trotz angeblichem „Waffenstillstand“ stehen derzeit 70 Prozent des Gazastreifens unter israelischer Besatzung. Gleichzeitig findet die Umsetzung des seit über einem Jahrzehnt geplanten E1 Siedlungsprogramms statt: durch den Bau von 3.400 Wohneinheiten, Hotelanlagen und Industriezonen zwischen Ostjerusalem und der Siedlung Ma’ale Adumin wird das Westjordanland in einen Nord- und Südteil gespalten. Dies ist ein klarer Versuch jegliche Form eines palästinensischen Staats zu verunmöglichen. Im Libanon kontrolliert Israel inzwischen Land bis hinauf zum Litani-Fluss, teilweise 30 Kilometer von der Staatsgrenze entfernt. In vielen Orten wurde die bestehende Infrastruktur zerstört und die IDF (Israel Defense Forces) verweigern den im Krieg Vertriebenen die Rückkehr in ihre Häuser. Seit Dezember 2024 hat Israel außerdem die Besatzungszone in den syrischen Golanhöhen noch weiter ausgebaut.

Eretz Yisrael HaShlema

All diese expansiven Operationen sind mehr als das zufällige Resultat einer aggressiven imperialistischen Außenpolitik: Sie verfolgen einen konkreten Plan: Eretz Yisrael HaShlema– die Errichtung eines „vollständigen“ Israels, auf dem gesamten „versprochenem Land“ (wo genau das sein soll, ist man sich auch innerzionistisch uneins). Sicher ist nur: zur Aneignung dieses Landes sind ihnen alle Mittel erlaubt: Bombardierung, Vertreibung, Kriegsführung – auch gegen Zivilist*innen. Übrigens wird Eretz Yisrael HaShlema oft mit Eretz Yisrael abgekürzt, jedoch wird dieser Begriff auch in anderen Kontexten verwendet.

Großmachtfantasien

Zu diesen genozidalen Landeroberungsplänen bekennt sich die israelische Regierung ganz offen. Beispielsweise wurde Benjamin Netanjahu im August 2025 von TV-Moderator und ehemaligem Knesset-Abgeordneten Sharon Gal auf i24News interviewt. Auf die Frage, ob er sich denn mit „Großisrael“ identifiziere, antwortete er umgehend „Sehr sogar!“ Daraufhin schenkte ihm Gal einen Anhänger in den Umrissen eines an der Genesis angelehnten Großisraels, den er auch online vertreibt. Ein Jahr zuvor hatte der Finanzminister Bezalel Smotrich in einem Interview mit Arte verkündet: „Es steht geschrieben, dass die Zukunft Jerusalems in der Expansion nach Damaskus liegt.“ Auch innerhalb der IDF ist es ein offenes Geheimnis, dass ihr Ziel die Eroberung eines größeren Gebiets ist. Vielfach wurden Bilder publik, in denen Soldaten, die in Gaza und im Südlibanon im Einsatz sind, Aufnäher mit Abbildungen Großisraels mit dem Schriftzug „Das versprochene Land Israel“ trugen. Für Aufsehen sorgte auch das Video von Militärrabbiner Amichai Friedman, der seinen Truppen vor dem Einmarsch in Gaza erklärte:„Wir werden in das gesamte Gelobte Land zurückkehren, einschließlich Gaza und Libanon. Alles wird uns gehören!“

Wo soll das sein?

Eretz Yisrael HaShlemakann eine Vielzahl von unterschiedlichen Gebietsansprüchen meinen.

  • Oft bezogen sich zionistische Denker auf das in Genesis 15, 18-21 formulierte Versprechen von Gott an Abrahm, wonach ihm und seinen Nachkommen das Land vom ägyptischen Nil bis zum Euphrat, der durch Syrien, Türkei und Irak fließt, zustünde.
  • Der revisionistische Zionismus verwendete den Begriff vor der Staatsgründung, um Ansprüche auf das gesamte britische Mandatsgebiet geltend zu machen, also die Regionen des heutigen Jordanien, Palästina und Israels. Die rechtsnationalistische und ursprünglich paramilitärische Jugendbewegung Betar, die als ideologischer Vorläufer der Likud-Partei gilt, besingt etwa in ihrer Hymne „Smol Ha’Yarden“(Das Ostufer des Jordan): „Der Jordan hat zwei Ufer – dieses gehört uns, und das andere auch.“
  • Nach dem Sechstagekrieg tauchte der Begriff im Zusammenhang mit der Forderung nach Beibehaltung der frisch eroberten Gebiete (Gaza, Golanhöhen, Sinai-Halbinseln, Judäa, Samaria) auf.
  • Heute wird der Begriff unterschiedlich verwendet. Während sich manche Politiker und Siedler immer noch auf die Bibel berufen, bedeutet Eretz Yisrael HaShlema für andere „lediglich“ die vollständige Eroberung Palästinas.

Kein Traum, sondern Praxis

Seit der Staatsgründung Israels ist völkerrechtswidrige Expansion ein Pfeiler der israelischen Politik. Bereits nach der Nakba im Jahr 1948, bei der über 700.000 Palästinenser*innen von ihrem Land vertrieben wurden, kontrollierte Israel 77 Prozent des ehemaligen britischen Mandatsgebietes – der UN-Teilungsplan hätte dem neuen Staat 56 Prozent zugesprochen. Seit dem Sechstagekrieg 1967 stehen Ostjerusalem, Gaza und das Westjordanland, sowie die Golanhöhen unter illegaler Besatzung – diese werden inzwischen von der israelischen Bevölkerung mehrheitlich als israelisches Staatsgebiet angesehen. Derzeit findet ein neuer dramatischer Landraub statt. Im März 2026 forderte Finanzminister Smotrich die Annexion des Südlibanons – ein Vorhaben, das gerade in die Tat umgesetzt wird.

Zionistische Taktiken

Ein Meilenstein in der strategischen Planung für ein „Großisrael“ war der 1982 entwickelte „Yinon-Plan“. Oded Yinon, ein Mitarbeiter des israelischen Außenministeriums, formulierte darin, dass die „Sicherung des Überlebens Israels“ in erster Linie durch die regionale Zersplitterung der arabischen Staaten erreicht werden könne. Diese Strategie wurde etwa bei der Invasion des Libanons 1982 verfolgt, bei der maronitisch-christliche Paramilitärs von Israel bewaffnet wurden, um das Land zu destabilisieren. Auch die kontinuierliche Unterstützung kurdischer Autonomie muss als Teil dieses Zersplitterungsplanes verstanden werden. Eine weitere zentrale Taktik der israelischen Expansion ist es, ungeachtet der öffentlichen Meinung oder des internationalen Rechtssystems, zunächst „neue Fakten“ zu schaffen: also Gebiete illegal zu zerstören, zu besetzen und zu besiedeln, bis die Landnahme unumkehrbar ist. Das funktioniert vor allem, weil die internationale Staatengemeinschaft Israel immer frei gewähren lässt und selbst bei einem festgestellten Genozid keine politischen, militärischen und wirtschaftlichen Konsequenzen setzt.

Arabische Arbeiterinnenklasse

Smotrich weiß gar nicht wie Recht er hat, wenn er sagt: „dass die Zukunft Jerusalems in der Expansion nach Damaskus liegt.“Es is jdeoch nicht der siedlerkoloniale Staat, sondern der Widerstand, der expandieren muss. Gerade weil der Zionismus nicht an den Grenzen Palästinas halt macht, muss er von der gesamten arabischen Arbeiter*innenklasse in der Region besiegt werden, die sich nicht durch künstliche, kolonial gesetzte Grenzen spalten lassen darf. Der arabische Frühling hat gezeigt welche Kräfte der Befreiung entfesselt werden können, wenn der Widerstand geeint ist – nicht nur gegen den Siedlerkolonialstaat Israel, sondern auch gegen jegliche koloniale und imperiale Einflussnahme aus dem Westen, gegen lokale, unterdrückerische Regimes und gegen kapitalistische Zwänge.