Arbeitswerttheorie

Das Gemälde des mexikanischen Kommunisten Diego Rivera entstand als Teil einer Serie von 27 Freskos, erstellt zwischen 1932 und 1933, welche die Industrie der Ford Motor Compani in Detroit zeigen. Quelle © flickr, cdshock CC-BY-SA-2.0

Marx und Engels wichtigstes Vermächtnis ist die Arbeitswerttheorie – sie besagt im Wesentlichen, dass es allein die Arbeit ist, die Wert am Markt produziert. Sie bildet bis heute das Fundament jeglicher marxistischen Theorie und Praxis.

Für Marx ist Ökonomie das System, durch das gesellschaftliche Arbeit organisiert wird –dieses verändert sich von Epoche zu Epoche. So arbeiteten im Feudalismus die meisten Menschen als Bäuer*innen auf dem Land und standen in persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen zu ihren Grundherren. Mit dem Aufkommen des Kapitalismus wurden viele von ihnen zu Lohnarbeiter*innen, die ihre Arbeitskraft auf dem Markt verkaufen mussten. Mit diesem Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus im beginnenden 19. Jahrhundert konnten Marx und Engels unmittelbar beobachten, wie sich die Arbeitsverhältnisse erneut fundamental veränderten. Das Kapital ist der Versuch, diese Wandlungsprozesse zu verstehen, und zu analysieren, wie die Interessen verschiedener Klassen dabei miteinander in Konflikt geraten und gesellschaftliche Entwicklungen vorantreiben. Die Methode, die Marx und Engels dafür einsetzen, ist die Abstraktion: Aus der enormen Komplexität der Wirtschaft arbeiten sie grundlegende Dynamiken heraus, die die Gesellschaft entscheidend prägen. Diese zentralen Annahmen der Arbeitswerttheorie sind Gegenstand dieses Textes.

Gebrauchs- und Tauschwert

Was ist wertvoll? Wenn wir einen zufälligen Passanten mit dieser Frage konfrontieren, würde er uns vielleicht antworten „etwas, das viel Geld kostet.“ oder „etwas, das wir dringend benötigen“. Beide Antworten sind in Marx unterschiedlichen Wertbegriffen abgebildet. Der Tauschwert beschreibt das Verhältnis, mit dem ich eine Ware gegen andere Waren am Markt veräußern kann. Beispielsweise könnte man eine Hose gegen 20 Euro oder 15 Liter Milch oder 44 Knöpfe tauschen. Der Gebrauchswert hingegen ist das, was wir mit einer Ware anfangen können. Eine Hose kauft man sich, um sie anzuziehen, aus 15 Liter Milch will man vielleicht Käse machen. Beides, Gebrauchs- und Tauschwert sind unersetzlich, um eine Ware am Markt zu veräußern. Ein Tausch findet schließlich nur statt, wenn sich die Beteiligten einen Nutzen davon versprechen und ein Tauschverhältnis festgelegt ist. Somit sind diese beiden Wertformen für Marx zwei Seiten derselben Medaille: eine Ware muss immer beides haben, aber so wie immer nur eine Seite der Münze nach oben zeigen kann, kann in jedem Moment auch nur eine der beiden Wertformen realisiert werden: entweder ich ziehe meine Hose an oder ich verkaufe sie – beides gleichzeitig geht nicht.

Arbeit – Ursprung des Werts

Der wirkliche Wert einer Ware ist bei Marx aber nicht durch den Nutzen und auch nicht durch das Preisschild bestimmt, sondern dadurch wie viel durchschnittliche gesellschaftliche Arbeit benötigt wird, um eine Ware herzustellen. Durchschnittlich ist hier das Stichwort: ob ein spezifischer Arbeiter 4 oder 8 Stunden braucht, um eine Ware herzustellen, ist für den Wert nicht relevant. Hier unterscheidet Marx zwischen konkreter und abstrakter Arbeit.

1. Die konkrete Arbeit, die benötigt wird, um eine Ware herzustellen, kann sehr unterschiedlich sein und wird durch den Tauschprozess gegen Geld verschleiert: das langsame Weben einer alten Frau am Teppich, die Bedienung der Maschinen in der industriellen Landwirtschaft, das Austragen von Briefen am Fahrrad oder mit dem LKW – all diese Prozesse können wir nicht wahrnehmen, wenn wir uns im Supermarktregal ein Produkt aussuchen.

2. Die abstrakte Arbeit, also die durchschnittliche gesellschaftliche Arbeit, ist von vielen Faktoren abhängig: die Qualifizierung der Arbeiter*innen, die Effizienz der Maschinen, aber auch von den Arbeitsbedingungen. Der Wert ist also relativ: Produkte verlieren an Wert, wenn es beispielsweise durch technischen Fortschritt möglich wird, mehr davon in weniger Zeit herzustellen.

Tauschwert als Ausdruck

Wert drückt sich in Äquivalentenform aus. Beispielsweise sind am Markt 4 Liter Milch tauschbar gegen 10 Bleistifte oder 5 Euro. Der Wert einer Ware ist also vermittelt durch ihr Austauschverhältnis mit anderen Waren. Die im Kapitalismus gängigste Form, in der Tauschwert auftritt, ist der Preis. Wichtig ist, dass der Preis einer Ware, nicht gleichzusetzen ist mit ihrem Wert. Das heißt: Wenn eine Hose 20 Euro kostet, ist das kein Zufall – der Tauschwert (in dem Fall der Preis) steht in einem Verhältnis zur durchschnittlichen gesellschaftlichen Arbeitszeit, die benötigt wird, um diese Hose zu produzieren. Andererseits kann der Preis aufgrund von Faktoren wie Angebot und Nachfrage auch schwanken, der Wert hingegen ist von solchen Marktdynamiken nicht betroffen.

Warenfetischismus

Im Alltag erscheinen Waren so, als hätten sie ihren Wert von Natur aus. Eine Hose kostet 20 Euro, ein Handy 500 Euro und ein Auto 30.000 Euro. Es wirkt, als wären diese Werte Eigenschaften der Dinge selbst. Für Marx ist das eine Täuschung. Hinter jeder Ware stehen gesellschaftliche Beziehungen zwischen Menschen: Arbeiter*innen, die produzieren, Kapitalisten, die Produktionsmittel besitzen und Konsument*innen, die die Ware kaufen. Im Kapitalismus treten diese sozialen Beziehungen jedoch nicht unmittelbar in Erscheinung, sondern erscheinen als Beziehungen zwischen Dingen. Marx bezeichnet dieses Phänomen als Warenfetischismus. Er erklärt, warum gesellschaftliche Machtverhältnisse oft unsichtbar bleiben und wirtschaftliche Prozesse als natürliche Tatsachen erscheinen, obwohl sie von Menschen geschaffen wurden.

Tote vs. Lebendige Arbeit

Um eine Ware herzustellen, braucht es einerseits die direkte Arbeit von Menschen im Produktionsprozess, diese nennt Marx auch die lebendige Arbeit. Andererseits benötigt es auch Maschinen und Materialien, also Dinge, die noch vor dem aktuellen Produktionsprozess von Menschen hergestellt wurden. Diese nennt Marx tote Arbeit, da es Arbeit aus der Vergangenheit ist, die nun nicht mehr als Tun, sondern als Ding in den Produktionsprozess einfließt. Beides, tote und lebendige Arbeit, sind Waren, die Kapitalisten erwerben müssen, wenn sie etwas herstellen wollen. Jedoch ist es die lebendige Arbeit allein, die neuen Wert schafft. Tote Arbeit kann lediglich den in ihr vorhandenen Wert an das Produkt weitergeben, etwa hat ein Oberteil aus einem aufwendigen Stoff wie Seide mehr Wert, als eines aus Polyester. Aber produzieren Maschinen denn keinen Wert? Anhand eines Beispiels zeigt sich deutlich, warum nicht: Als die Setzmaschine zum Drucken zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch den Offsetdruck ersetzt wurde, war es plötzlich um einiges leichter, Zeitungen herzustellen. Obwohl für das Verfahren mehr Technik, also tote Arbeit, benötigt wird, sinkt der Wert einer einzelnen Zeitung, da man nun für dieselbe Anzahl an Zeitungen weniger Stunden Lohnarbeit, also lebendige Arbeit, braucht – und diese als Einziges wertschaffend ist.

Bürgerliche Kritiker

Bürgerliche Ökonomen kritisieren an der Arbeitswerttheorie häufig, dass es am Markt Waren gibt, deren Tauschwert in keinem Verhältnis zu der in ihr enthaltenen durchschnittlichen gesellschaftlich nötigen Arbeitszeit steht. Dies trifft beispielsweise auf manche Luxusgüter zu, ebenso wie auf Antiquitäten oder – ein häufig genanntes Beispiel – „den Preis eines Glases Wasser in der Wüste“. Diese Phänomene stehen jedoch überhaupt nicht mit der Arbeitswerttheorie im Widerspruch. Marx erforscht in erster Linie wie durch ein Wirtschaftssystem gesellschaftliche Arbeitsteilung organisiert wird – wer muss wie viel und wie arbeiten, um das Gros der gesellschaftlichen Bedürfnisse zu decken. In diesen Bereich fällt der überwiegende Großteil der am Markt gehandelten Güter. Jedoch werden am Markt auch Dinge gehandelt, die bspw. gar nicht neu produziert wurden (Second Hand) oder die besonders fetischisiert werden und darum einen hohen Preis haben. Solche Güter folgen teilweise anderen Preisbildungsmechanismen und eignen sich deshalb nur begrenzt, um die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten kapitalistischer Warenproduktion zu analysieren.

Arbeiterinnen und Kapitalisten

Im Produktionsprozess einer kapitalistischen Wirtschaft gibt es zwei zentrale Rollen, die unentwegt miteinander in Konflikt stehen:

  • Die Kapitalisten, die die Produktionsmittel besitzen
  • Die Arbeiter, die ihre Arbeitskraft an die Kapitalisten verkaufen
    Wenn man es genau nimmt, dann ist „Arbeiter“ bei Marx kein Persönlichkeitsmerkmal, sondern eine gesellschaftliche Rolle. Beispielsweise könnte eine Person, die Aktien an einem Unternehmen besitzt oder eine Wohnung vermietet und trotzdem auch einen Bürojob hat, beide Rollen annehmen. Menschen, die viel Kapital besitzen, hätten theoretisch die Freiheit, sich ihre Rolle auszusuchen – sie könnten ihren ganzen Reichtum verschenken und wie der Großteil der Menschen eine normale Arbeitsstelle annehmen. Die meisten Arbeiter*innen haben aber keine Wahl, ob sie Arbeiter sein wollen oder nicht: da sie nichts besitzen, außer ihre Arbeitskraft, sind sie gezwungen diese zu verkaufen, um sich selbst zu erhalten.

Wertabschöpfung

Wenn wir umgangssprachlich von „Ausbeutung“ sprechen, dann meinen wir damit meistens besonders schlechte Arbeitsbedingungen. Im marxistischen Verständnis ist Ausbeutung jedoch ein zentraler Teil von jedem Produktionsprozess im Kapitalismus. Denn, dass ein Kapitalist einen Arbeiter oder eine Arbeiterin einstellt, macht für ihn nur Sinn, wenn die Person mehr Wert herstellt, als sie in Form von Lohn zurückbekommt. Ein Beispiel: Eine Arbeiterin in einer Zeitungsfabrik erhält 15 Euro Lohn die Stunde, davon könnte sie sich vier Zeitungen kaufen. Sie macht sich also an die Arbeit und hat bereits nach 30 Minuten vier Zeitungen hergestellt – bis die Stunde vorbei ist, schafft sie acht. Somit hat sie 30 Minuten „für sich selbst“ gearbeitet und 30 Minuten für den Kapitalisten. Diesen Wert, den Arbeiter*innen erzeugen aber nicht bekommen, nennt Marx Mehrwert, den Fakt, dass dieser vom Kapital eingestrichen wird, Wertabschöpfung oder Ausbeutung. Durch die komplexe Arbeitsteilung im Kapitalismus ist der erwirtschaftete Mehrwert im echten Leben natürlich nicht so leicht zu errechnen, wie in unserem Beispiel. Der Mehrwert drückt sich jedoch in den Gewinnen des Unternehmens aus, so wie sich Wert in Tauschwert ausdrückt.

Lebensstandard der Arbeiterinnen

Heute haben wir durch technischen Fortschritt einen viel höheren Lebensstandard als Arbeiter*innen vor 150 Jahren. Dennoch heißt das nicht zwingend, dass wir weniger ausgebeutet sind. Wenn wir heute in einer Stunde 70 Zeitungen produzieren können, könnte der Mehrwert (oder die Ausbeute), den sich der Kapitalist nach einer Stunde unserer Arbeitszeit einbehält, sogar deutlich größer sein als damals. Kapitalisten arbeiten aktiv daran, den Lebensstandard der Arbeiter*innen zu senken. Denn um den Mehrwert, den sie einkassieren zu erhöhen, haben sie zwei Optionen:

  • Sie können die Produktivität der Arbeit steigern:
    Wenn sie bessere Maschinen anschaffen als andere Kapitalisten oder besonders qualifizierte Arbeitskräfte, dann können sie in einer Stunde mehr Waren produzieren als der gesellschaftliche Durchschnitt, der den Warenwert bestimmt. Weitere Mittel um die Produktivität der Arbeiter*innen zu erhöhen sind Zwang, Druck und Überwachung am Arbeitsplatz.
  • Sie können den Lohn senken.
    Um den Wert, der bei der Arbeiter*innenklasse verbleibt, so weit wie möglich zu senken, können sich Personen aus der Kapitalistenklasse auch auf politischer Ebene für Steuerbefreiungen und Sozialkürzungen einsetzen.

Kapitalisten versuchen meist mit allen diesen Mitteln den Mehrwert für sich zu erhöhen. Es ist darum auch eine Frage von Arbeiter*innenwiderstand, wie hoch oder wie niedrig die Mehrwertabschöpfung und damit ihr Ausbeutungsgrad am Ende ist.

Konkurrenz

Aber warum müssen die Kapitalisten überhaupt Gewinne machen? Könnte es nicht Unternehmen geben, die den gesamten produzierten Wert wieder an ihre Arbeiter*innen auszahlen? Eine kurze Zeit lang könnte das funktionieren, doch die Kapitalisten stehen am Markt miteinander in Konkurrenz. Sobald ein Kapitalist in bessere Produktionsmittel investiert, hat das einen Effekt auf alle anderen Unternehmen in der Branche, da der Warenwert fällt, wenn Waren im Durchschnitt schneller hergestellt werden können. Sie können die Konkurrenz unterbieten. Kapitalisten sind darum in einem Kreislauf gefangen, in dem alle immer mehr Mehrwert abschöpfen müssen. Diesen müssen sie wieder in die Produktionsmittel, also in bessere Maschinen und Ressourcen reinvestieren, um mit den anderen Unternehmen Schritt halten zu können. Wenn sie das nicht machen, kann es ihnen passieren, dass sie bald mehr Lohn auszahlen müssen, als sie an Warenwert produzieren – dann geht das Unternehmen pleite.

Akkumulation

Dieser Zwang zur Reinvestition in den Produktionsprozess hat wichtige Auswirkungen auf die Gesellschaft: Einerseits ist der Kapitalismus dadurch ein System das bestimmte Formen von technologischer Entwicklung befeuert. Für Marx war der Kapitalismus darum ein gesellschaftliches Stadium, das durchlaufen werden musste, bevor Kommunismus möglich wird.

Gleichzeitig führt das ständige Reinvestieren durch die Kapitalisten auch zu einer immer stärkeren Konzentration von Reichtum in den Händen eines sehr kleinen Teils der Bevölkerung. Diesen Prozess beschreiben Marx und Engels als Akkumulation und das ist auch der Grund, warum wirtschaftliche und politische Handlungsmacht so ungerecht verteilt ist. Was produziert wird und unter welchen Bedingungen, wer wie viel bekommt, all das wird nicht von der Mehrheit entschieden, sondern von einer kleinen Elite. Diese handelt nicht auf der Basis von Ethik, Vernunft oder irgendwelchen Werten, sondern auf Basis ihres Profitinteresses. Kapitalismus hat also die technischen Bedingungen dafür geschaffen, dass die Bedürfnisse aller Menschen erfüllt werden könnten – die sozialen Bedingungen dafür zu schaffen, verlangt danach den Kapitalismus zu überwinden.

Soziale Verhältnisse

Der wohl wichtigste Aspekt der Arbeitswerttheorie ist, dass es sich bei den von Marx und Engels formulierten Kategorien nicht um ahistorische Wahrheiten handelt, sondern um soziale Verhältnisse, die historisch gewachsen sind: Eine Arbeiterin gibt es nicht ohne einen Kapitalisten und umgekehrt. Wenn wir alle ein bisschen fauler werden, steigt der Wert eines Schuhes, da es im Durchschnitt länger dauert ihn herzustellen. Und wenn wir erfolgreich für eine Lohnerhöhung streiken, können sich die Kapitalisten weniger Mehrwert von uns einstreichen. Das bedeutet, dass wir es selbst in der Hand haben, die jetzigen sozialen Verhältnisse zu überwinden und in die nächste Epoche gesellschaftlicher Arbeitsteilung einzutreten.