Von meiner Reise in die Westbank

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Christine war als menschlicher Schutzschild in der Westbank. Für Linkswende berichtet sie über ihre Erfahrungen.

Drei Tage nachdem ich von meiner Reise in die Westbank nach Österreich zurückgekehrt war, erhielt ich eine Nachricht von meinem Freund Yasser aus Al-Mughayyir, einem Dorf in der Westbank. Er schickte mir Videos von einem brutalen Angriff von Siedler-Terroristen auf die Dorfbewohner*innen. Ich fragte ihn, wie es seinem kleinen Sohn Mahmoud gehe, den ich dort kennengelernt hatte. Seine Antwort werde ich nie vergessen: „My son Mahmoud and all the other children know that death or displacement awaits them.“ Mahmoud, der tollste kleine Junge mit einem Lächeln, als würde die Sonne aufgehen, weiß, dass ihm entweder der Tod oder die Vertreibung bevorsteht. Er und seine Geschwister kennen nichts anderes.

Drei Wochen zuvor waren in Al-Mughayyir bei einem Angriff mehrere Menschen von Siedler-Terroristen mit Messern angegriffen und niedergestochen worden. Einem Mann wurde durch ein Gummigeschoss ein Auge ausgeschossen, einer Frau der Arm gebrochen. Anschließend rückten die IOF mit Tränengas in das Dorf ein. Gemeinsam mit einer anderen Aktivistin und mehreren Dorfbewohner*innen flüchtete ich auf den Balkon eines Rohbaus im fünften Stock.

Dort traf ich Yasser. Er zeigte auf einen gegenüberliegenden Hügel. „Siehst du den Rauch? Das ist mein Bauernhof, der gerade brennt.“ Es war nicht das erste Mal. Bereits ein Jahr zuvor hatten Siedler-Terroristen seinen Hof mitsamt den Tieren niedergebrannt. Nichts hatte überlebt. Auf meine Frage, wie oft es solche Angriffe in Al-Mughayyir gebe, antwortete Yasser:
„Jede Woche!“

Er sollte recht behalten. Allein während der Zeit, in der ich in der Westbank war, kam es zu mehreren Angriffen. In der darauffolgenden Woche wurden zwei Jugendliche von Scharfschützen der IOF getötet und mehrere Dorfbewohner*innen von Siedler-Terroristen verletzt.  Die IOF und die Siedler-Terroristen agieren als zwei Seiten derselben Medaille. Beide sind nichts anderes als der verlängerte Arm eines genozidalen Staates.

Seit ich wieder in Wien bin, schickt mir Yasser alle paar Tage Videos von Angriffen. Das ist die Realität, in der Menschen wie Yasser und seine Familie leben. Eine Realität, die für viele von uns kaum vorstellbar ist – und die trotzdem jeden Tag stattfindet. Doch jetzt bin ich wieder in Wien. Ich kann nicht mehr gemeinsam mit Yasser und den anderen großartigen Menschen, die ich dort kennengelernt habe, vor Ort stehen. Ich kann nicht mehr mit ihnen Wache halten, Angriffe dokumentieren oder mich, wo es möglich ist, dazwischenstellen. Meine Einreisebewilligung wurde mir von den israelischen Behörden entzogen. Ich kann nicht mehr zurück. Deshalb schreibe ich diesen Text. Ich habe es Yasser und den anderen versprochen.

Ich wünschte, ich würde in einem Land leben, dessen Regierung sich klar gegen die fortdauernde Gewalt, Vertreibung und Entrechtung von Palästinenser*innen stellt. Doch Österreich tut das nicht. Im Gegenteil: Die österreichische Regierung stellt sich weiterhin demonstrativ an die „Seite Israels“ und trägt damit dazu bei, dass Genozid und ethnische Säuberung möglich sind. Immer wieder wird die Zweistaatenlösung als diplomatisches Feigenblatt bemüht. Als könnte das bloße Wiederholen dieser sinnentleerten Formel darüber hinwegtäuschen, was vor Ort tatsächlich passiert. Als könnte man jahrzehntelange Besatzung, Vertreibung, Landraub und Gewalt mit ein paar wohlklingenden Worten ungeschehen machen. Doch eine Lösung kann es nicht geben ohne Gerechtigkeit, Anerkennung des erlittenen Unrechts seit 1948, angemessener Kompensation und einem Recht auf Rückkehr für alle vertriebenen Palästinenser*innen.

Drei Jahre lang habe ich in Österreich protestiert. Ich habe demonstriert, organisiert, gesprochen, geschrien und versucht, Aufmerksamkeit zu schaffen. Egal, was man tut, der Protest ist angeblich immer „zu laut“, „zu unangenehm“ oder „zu radikal“. Aber genau dafür ist Protest da. Protest soll stören. Protest soll unbequem sein um dort Druck zu erzeugen, wo Politik wegschaut. Nicht der Protest ist das Problem, sondern der Grund, warum protestiert wird. Und von der österreichischen Regierung kam: weniger als nichts.

Also bin ich hingereist. Ich wollte meinen Teil dazu beitragen, dass die Menschen vor Ort wissen: Wir sehen euch. Wir stehen mit euch. Wir lassen euch nicht allein. Was ich dort gemacht habe, wird häufig als „Protective Presence“ bezeichnet. Ein Schutz im eigentlichen Sinne ist das allerdings nicht. Gegen bewaffnete Angriffe schützt eine Handvoll internationaler Freiwilliger niemanden zuverlässig. Und Palästinenser*innen brauchen auch niemanden, der ihnen erklärt, wie sie sich zu verteidigen haben. Es ist Symptombekämpfung. Und trotzdem ist sie für manche Familien dringend notwendig. Es geht darum, präsent zu sein, zu dokumentieren und – sich wenn möglich – dazwischen zu stellen und im Idealfall dafür zu sorgen, dass durch die Anwesenheit internationaler Zeug*innen, Angriffe in Intensität und Häufigkeit abnehmen. Man hält nachts Wache. Man begleitet Menschen bei ihren täglichen Wegen. Man schützt Zäune vor mutwilliger Zerstörung.

Vor Ort gibt es verschiedene Organisationen, denen man sich anschließen kann. Gearbeitet wird in Schichten, die unter den Freiwilligen organisiert und verteilt werden, um eine möglichst kontinuierliche Präsenz bei den Familien, die das wünschen, zu gewährleisten. Manche Familien, die mehrmals am Tag angegriffen werden, bitten daher um eine 24/7-Präsenz. Doch oft gibt es dafür nicht genügend Freiwillige. Dann muss triagiert werden. Dann muss entschieden werden, welche Familie gerade am dringendsten Unterstützung braucht.

Lasst euch das einmal vor Augen führen:
Menschen brauchen Freiwillige, die nachts bei ihnen bleiben und den Wachdienst übernehmen, damit sie in ihrem eigenen Haus schlafen können.

Kinder wachsen mit dem Wissen auf, dass ihnen entweder der Tod oder die Vertreibung bevorsteht. Bauernhöfe und Häuser werden angegriffen und niedergebrannt.

Tiere getötet.

Menschen verletzt, entführt und getötet.

Und währenddessen sitzen wir hier in Österreich und diskutieren darüber, ob Protest vielleicht „zu radikal“ sei.Ich habe gesehen, was hinter diesen Worten steht – habe… Yasser und seinen Sohn getroffen.… seinen brennenden Bauernhof gesehen.… ein vierjähriges Kind kennengelernt, das vor kurzem entführt wurde.

… war bei Familien, auf die täglich mehrmals faustgroße Steine geworfen werden.

… vergiftete Brunnen gesehen.

… Menschen getroffen die selbst verletzt wurden oder deren Familienangehörige in Folterknästen inhaftiert oder ermordet wurden.

Ich könnte die Liste endlos weiterführen.

Aber ich konnte wieder in mein sicheres Zuhause zurück – Yasser und seine Familie können das nicht.

Um zu wissen, wie die Situation vor Ort ist, muss man nicht dort gewesen sein! Und es braucht ganz sicher keine weiße Christine aus Österreich, die für drei Wochen in die Westbank fliegt und danach glaubt, die Westbank-Expertin schlechthin zu sein. Ich bin dort gewesen, habe zugehört und versucht, meinen Teil beizutragen – aber meine Perspektive bleibt meine Perspektive.

Die Informationen sind da. Die Stimmen der Menschen vor Ort sind da. Ihre Videos, Berichte und Erfahrungen sind da. Wir müssen ihnen nur zuhören. Es ist unsere Entscheidung, ob wir hinsehen oder wegsehen.

Deshalb: Folgt den Menschen, die vor Ort leben, auf Social Media. Hört ihnen zu. Teilt ihre Berichte. Sprecht über das, was passiert. Organisiert euch. Geht auf die Straße. Protestiert. Seid laut. Seid unbequem. Lasst nicht zu, dass ein genozidales Land mit diesen Verbrechen ungestraft durchkommt.

Und wenn ihr euch der Risiken bewusst seid und euch entsprechend vorbereitet habt: Fliegt hin und steht mit den Menschen vor Ort. Schließt euch einer seriösen Organisation an.

Denn Schweigen ist keine Neutralität, wenn Menschen um ihr Überleben und um ihr Zuhause kämpfen.

Lserinnenbrief von Christine Wolf

Leser*innen-Briefe spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.