Wenn die Arbeiter:innen kein Vaterland haben, wieso schwenken wir dann palästinensische Fahnen? Wie positionierten sich Marx und Engels zu antikolonialen Aufständen? Was waren ihre Schwächen in der 1848-Revolution und wie brachte Lenin die marxistische Politik zu nationaler Befreiung besser auf den Punkt. Warum weigerte sich der spanische Anarchismus in den 1920er-Jahren für die Unabhängigkeit Marokkos zu kämpfen und wie führte das in die Niederlage im Bürgerkrieg. Warum kämpfen wir für Gaza aber niemals für Wien oder Brüssel. Diese und viele andere Fragen wollen wir beantworten um Antiimperialismus fit fürs 21. Jahrhundert zu machen.
Den Kommunisten ist ferner vorgeworfen worden, sie wollten das Vaterland, die Nationalität abschaffen: ‚Die Arbeiter haben kein Vaterland. Man kann ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben.‘“ In dieser Klarheit stellten sich Marx und Engels gegen Nationalismus in den Reihen der Arbeiter:innenbewegung. Ausgehend von grandiosen Marxist:innen wie Rosa Luxemburg bis hin zu eher peinlich anmutenden Studentenintellektuellen in autonomen Kreisen wurde diese Passage genutzt, um sich gegen nationale Befreiungskämpfe zu positionieren.
Wenn die Arbeiter:innen kein Vaterland haben, sollten sie demnach auch nicht für nationale Unabhängigkeit kämpfen, sondern ausschließlich gegen den Kapitalismus. Die in Polen geborene Rosa Luxemburg stellte sich gegen die nationale Unabhängigkeitsbewegung in Polen. Dabei unterschätzte sie jedoch die Bedeutung der Unterdrückung der polnischen Bevölkerung durch Russland, Deutschland und Österreich-Ungarn, welche sich die polnische Nation aufgeteilt hatten. Eine klare Position für eine polnische Unabhängigkeit hätte die Arbeiter:innenbewegung in eine viel bessere Kampfsituation gebracht als die revolutionäre Welle 1918 Polen erreichte und die Nation Unabhängig wurde. Die Unabhängigkeitsbewegung wurde vom Machtpolitiker Józef Piłsudski angeführt, welcher sich auf ein Bündnis aus Bauernpartein, Liberalen und Sozialdemokratie stützen konnte angeführt. Die revolutionäre Linke war in einem Staat mit industriellen Zentren während der revolutionären Welle – in Ungarn wurde eine Räterepublik errichtet – relativ marginalisiert. Luxemburg wurde zu früh ermordet um über diese Entwicklungen zu reflektieren, aber einen eindeutigeren Beweis für die Falschheit eines marxistischen Ansatzes als sein scheitern in einer revolutionären Phase hätte sie kaum finden können.
Noch schwerwiegender war die wankelmütige Haltung der größtenteils beeindruckenden anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT in den 1920er-Jahren. Sie verstand sich als anti-kolonial und verurteilte den imperialen Charakter des spanischen Staates bei jeder Gelegenheit. Dennoch unternahm sie nichts, um sich mit der Unabhängigkeitsbewegung im spanisch besetzten Marokko zu solidarisieren und distanzierte sich teilweise aufgrund des „religiösen und reaktionären“ Charakters vom marokkanischen Befreiungskampf. So positionierte sie sich 1921 gegen die antikoloniale Rif-Rebellion unter Mohammed Abd al-Karim.
Franco, der vor seinem faschistischen Putsch gegen die Republik Offizier in Marokko stationiert war, stützte sich im Spanischen Bürgerkrieg entscheidend auf marokkanische Truppen (Regulares). Sie waren die kampferprobtesten und motiviertesten Soldaten, die in Spanien existierten. Ohne sie hätte Franco deutlich mehr deutsche und italienische Unterstützung für seinen Putsch benötigt. Hätte die CNT die marokkanische Bevölkerung von Anfang an unterstützt, Franco hätte sich niemals eine Machtbasis in Marokko aufbauen können. Sein Putsch hätte nicht funktioniert, wahrscheinlich hätte er ihn nicht mal probieren können.
Linke Dummheiten
Unter dem Begriff der „Antinationalen“ formierte sich im Deutschland der 1990er-Jahre eine autonome Subkultur, welche die radikale Linke weg vom Antiimperialismus hin zum reinen Antifaschismus bringen wollte. Die antideutsche Rechtsabweichung der „Antinationalen“ machte aus dem Satz dann: „Die Arbeiter haben kein Vaterland, außer Israel“.
Dass der Slogan „Die Arbeiter haben kein Vaterland“ zwar richtig und wichtig ist, damit aber eben nur die Hälfte gesagt ist, lässt sich im weiteren Verlauf des Zitates bei Marx und Engels nachlesen: „Indem das Proletariat zunächst sich die politische Herrschaft erobern, sich zur nationalen Klasse erheben, sich selbst als Nation konstituieren muss, ist es selbst noch national, wenn auch keineswegs im Sinne der Bourgeoisie.“
Dieser Teil ist leider sprachlich deutlich unklarer formuliert und wurde darum im antinationalen Lager gerne übergangen. Die genau andere Ecke in der nationalen Frage – Sozialdemokraten, Stalinisten, Sahra Wagenknecht und Linke, welche die Welt ausschließlich durch die antiimperiale Brille betrachten – machten aus dieser Passage dann ein: „Die Arbeiter haben NOCH kein Vaterland, sie müssen es sich erst erkämpfen.“ Dabei überlesen sie geflissentlich, dass sich das Proletariat zwar erst als Nation konstituieren muss, aber eben gerade nicht im bürgerlichen Sinne. Darum ist eine 180-Grad-Wende im Sinne von „Wir wollen einfach nur ein anderes Vaterland“ der marxistischen Position ähnlich fern wie der antinationale Unfug.
Im weiteren Verlauf des Zitates heißt es: „Die nationalen Absonderungen und Gegensätze der Völker verschwinden mehr und mehr schon mit der Entwicklung der Bourgeoisie, mit der Handelsfreiheit, dem Weltmarkt, der Gleichförmigkeit der industriellen Produktion und der ihr entsprechenden Lebensverhältnisse. (…) Die Herrschaft des Proletariats wird sie noch mehr verschwinden machen.“
Also Marx in dieser Passage zusammenfassend: Die Arbeiter haben kein Vaterland. Die Arbeiter:innen müssen die politische Macht erobern und können dies anfangs nur im gegebenen nationalen Rahmen tun. Die Unterschiedlichkeit der Völker und Kulturen verschwimmt durch den Kapitalismus, im Sozialismus löst sie sich auf.
Marx und Engels positionierten sich jedoch nicht nur abstrakt und theoretisch im Manifest zu den Fragen Nation, nationale Befreiung und Antikolonialismus, sondern auch in ganz konkreten politischen Kämpfen. Die bestimmende Frage hierbei war immer: „Wie kann die Arbeiter:innenklasse eine Situation schaffen, in der sie die politische Macht erkämpfen kann?“ Diese Frage muss auch für den Antiimperialismus im 21. Jahrhundert die bestimmende sein.
Schwächen bei Marx und Engels
Der im Habsburgerreich, in Galizien, der heutigen West-Ukraine, aufgewachsene Marxist Roman Rosdolsky entwickelte die tiefste theoretische Auseinandersetzung mit Marx’ und Engels’ konkreten Positionen zur nationalen Frage. Aufgewachsen in einer semi-kolonialen Situation erfuhr er nationale Unterdrückung und Rassismus am eigenen Leib. Er zeigte, dass Marx und Engels in konkreten Fragen der nationalen Unterdrückung teilweise zu sehr changierten. In der Revolution von 1848 betrachteten sie die nationale Frage ausschließlich durch die Brille: Schaden oder helfen nationale Unabhängigkeitsbewegungen in diesem spezifischen Moment den reaktionären Machtblöcken Habsburgerreich und Zarenreich?
1848 war eine Welle bürgerlicher Revolutionen, welche die feudale Ordnung des Habsburgerreiches oder Deutschlands auflösen hätte können. Marx und Engels hofften auf diese Entwicklung, weil dadurch moderne Staaten mit bürgerlichen Freiheiten wie in Frankreich oder England entstanden wären. Zur Niederschlagung dieser von Marx und Engels unterstützen revolutionären Welle setzte das Habsburgerreich entscheidend auf slawische Truppenverbände. Ausgehend hiervon entwickelte Marx und Engels eine Position in der Völkern, welche als Truppenlieferanten für die reaktionären Machtblöcke dienten, die nationale Unabhängigkeit vorenthalten werden sollte.
Diese Positionen sind heute nur mehr schwer nachvollziehbar. Das echte Problem an ihnen ist, dass bei Marx und Engels ein reaktionärer von Hegel stammender Begriff von „geschichtslosen Völker“ auftaucht. Das dieser Begriff, der versucht spezifischen Völker eine progressivere Rolle als anderen zuzuschreiben, in den Frühwerken existiert, zeigt vor allem, dass Marx und Engels junge Menschen waren die auch mal Unsinn schrieben.
Nach der 48er-Revolution wurde die Position zur nationalen Frage von Marx und Engels konsistenter. In Marx’ Hauptwerk, dem „Kapital“, wird die Bedeutung des englischen Kolonialismus in Indien für das Entstehen der kapitalistischen Produktionsweise mehrmals ausgeführt. Der englische Kolonialismus schuf die Möglichkeit einer indischen Revolution, so lässt sich Marx´ Position zusammenfassen.
Historisch vergessen ist, dass die später für die Arbeiter:innenbewegung so relevant werdende Forderung nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, das erste Mal am Gründungsparteitag der österreichischen Sozialdemokratie 1874 in Neudörfl auftauchte. Dort wurden die Zerschlagung des „Völkergefängnisses“ Österreich-Ungarn und das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ gefordert. Der Kopf hinter diesem Programm, welches von Marx gefeiert wurde, war Andreas Scheu. Die österreichische Geschichte wäre besser verlaufen, hätte die SDAP seinen Kurs der Auflösung des Habsburgerreiches durchgezogen, anstelle der pro-habsburgischen Politik von Viktor Adler und Otto Bauer.
Der in postkolonialen Kreisen zu findende Vorwurf, Marx und Engels hätten nationale Befreiung grundsätzlich falsch beurteilt, geht ins Leere. Er ist sogar vollkommen verfehlt, weil der Vorwurf davon ausgeht, Marx und Engels hätten ewig gültige Politikgrundsätze aufgestellt. Das ist Unsinn. Marxismus war und ist für beide ein Programm, die Arbeiter:innenklasse zum Kampf zu befähigen. Kämpfen kann man aber nur in der aktuellen Situation, nicht in der bereits vergangenen Geschichte, und diese aktuellen Situationen ändern sich.
Eine entscheidende Transformation des Kapitalismus fand zum Ende des 19. Jahrhunderts statt – seine globale Ausbreitung. In der Frühphase von Marx und Engels war der Kapitalismus ein Herrschaftssystem, das sich auf wenige europäische Länder beschränkte. Ein zentraler Kern der Kapitalismusanalyse von Marx ist, dass das System gezwungen ist, sich permanent auszubreiten: immer neue Technologien, immer neue Absatzmärkte, immer neue Ressourcen.
Was ist Imperialismus?
Die Erforschung dieser neuen Phase des Kapitalismus war das zentrale Projekt für Marxist:innen der zweiten Generation, das bedeutet Anfang des 20. Jahrhundert. Im Wesentlichen konzentrierten sich ihre Diskussionen auf drei Punkte:
- Die globale Ausbreitung des Kapitalismus
- Das Größerwerden von Unternehmen hin zu Konzernen und die steigende Macht von Finanzinstitutionen
- Die steigende Macht von Staaten und die damit einhergehende engere Verschmelzung von staatlichen und wirtschaftlichen Interessensgemeinschaften.
Imperialismus wurde in der marxistischen Tradition aus der Linkswende kommt (Strömung der Internationalen Sozialisten) demnach als Verschmelzung des staatlichen/geopolitischen Wettbewerbs um territoriale Räume und dem wirtschaftlichen Wettbewerb zwischen Kapitalfraktionen um Absatzmärkte und neue Investitionsmöglichkeiten definiert.
Bereits im nationalen Rahmen kann der Staat nicht ohne das Kapital und das Kapital nicht ohne den Staat. Wir zahlen an Supermarktkassen nicht, weil wir so überzeugt vom freien Markt sind, sondern weil uns Gesetze dazu zwingen. Der Staat zahlt uns keine Schulbildung, weil er uns zu schlauen Menschen erziehen will, sondern weil das Kapital Bedarf an ausgebildeten Arbeitskräften hat.
Im internationalen Maßstab wird diese Interessenverschmelzung noch stärker. Das Kapital braucht den Staat bspw. um Handelswege offenzuhalten. Aktuell läuft der Großteil des globalen Handels über Seewege. Die USA als imperialistischer Anführer sind mit ihren europäischen Vasallen dafür zuständig, die globalen Handelsrouten vor Eingriffen von außen zu schützen. Man denke an die jemenitischen Huthis. Ihre Aktionen zur Sperrung des Suezkanals waren eine der stärksten Solidaritätsaktionen gegen den Genozid in Gaza. Demnach konzentrierte der westliche Imperialismus neben dem Iran auch das Hauptfeuer Feuer auf sie.
Imperialismus ist demnach die Konkurrenzsituation zwischen Staaten um geopolitischen Einfluss und zwischen Kapitalien um ökonomische Profitmöglichkeiten. Verkompliziert wird dieses Verhältnis noch durch einen ideologischen Faktor. Ideologie ist nicht einfach eine Rechtfertigung für ökonomische oder geopolitische Interessen, sondern selbst ein treibender Faktor, zumindest wenn konkrete Ereignisse analysiert werden sollen.
Die US-Invasion von Irak und Afghanistan oder der israelische Genozid in Gaza sind sind durch reine objektive Faktoren nicht zu erklären. Unsere Herrscher sind keine Genies, die jede Entscheidung streng logisch ausgehend von einer Kosten/Nutzen Rechnung abwiegen können. 9/11, genauso wie der der 7. Oktober, erschütterten das Selbstbewusstsein der imperialistischen Nationen, insofern sie ihre Verletzlichkeit offenbarten. Die Massaker in Gaza müssen auch als Rache für Widerstand verstanden werden, nicht einfach als: Israel hat ein objektives Interesse, Gaza geografisch zu zerteilen. Bestrafungsaktionen, die koloniale „Herrenlogik“: ein Toter von uns bedeutet tausend von euch, das ist die Sprache des Imperialismus.
Die radikalsten politischen Konsequenzen aus dieser neuen Phase des Kapitalismus zogen die russischen Revolutionär:innen um Lenin, Bucharin und später Trotzki, die Bolschewiki.
Revolution als Praxis
Die Bolschewiki verstanden: Wenn wir den Kapitalismus abschaffen wollen, dann können wir dafür nicht auf eine vordeterminierte historische Entwicklung setzen. Also wir hoffen nicht einfach darauf, dass sich die Produktivkräfte immer weiter entwickeln und dadurch von selbst eine neue sozialistische Herrschaftsform entsteht, wie reformistische genauso wie stalinistische Kräfte träumen. Viel eher forderten die Bolschewiki, dass es bewusste politische Praxis braucht, um einen Bruch mit dem Kapitalismus herbeizuführen.
Die zweite Leistung der Bolschewiki war, zu verstehen, dass dieser Bruch nicht einfach durch den Interessensgegensatz von Kapital und Arbeiter:innen im ökonomischen Kampf entsteht. Revolutionen finden nicht statt, weil Arbeiter:innen eines Morgens beschließen, dass sie den Chef nicht mehr brauchen und darum ihre Fabrik kollektivieren. Sie wussten, dass Revolutionen nur durch ein Ineinanderfallen von vielen Bewegungen, an deren Spitze sich die Arbeiter:innenklasse stellen muss, vonstattengehen können.
Die Strategie der Bolschewiki lässt sich zusammenfassen: alle Widersprüche und Formen der Unterdrückung, welche der Kapitalismus erzeugt, gegen diesen einzusetzen. Die Forderung nach nationaler Befreiung war darum ein zentraler Baustein der bolschewistischen Politik.
Die bolschewistische Nationalitätenpolitik beruhte auf einer scharfen Unterscheidung zwischen im imperialistischen System herrschenden Nationen und unterdrückten nationalen Bewegungen. Nationalismus innerhalb der herrschenden Nationen diente ausschließlich zur Festigung von Herrschaft und schwächt dadurch die nationale wie internationale Arbeiter:innenklasse. Der Nationalismus der unterdrückten nationalen Bewegungen hingegen – selbst wenn er reaktionär ist – schadet dem imperialistischen System und ist darum von revolutionären Bewegungen aus den herrschenden Ländern bedingungslos zu unterstützen. Die Bolschewiki sahen, dass auch die unterdrücktesten und reaktionärsten nationalen Bewegungen nicht einfach Objekte der Weltpolitik sind, sondern auch ihre eigene Geschichte machen.
Zusammenfassend: „Wir sind gegen alle Kräfte, deren Handlungen die Macht des Imperialismus stärken, und wir unterstützen alle, deren Kampf dieses System schwächt.“ Das ist der Unterschied zwischen den nationalen Befreiungsbewegungen in Palästina oder Kurdistan und dem von NATO-Interessen diktierten Verteidigungskrieg der Ukraine.
Antiimperialismus der Klasse
Wie bereits dargestellt wurde, müssen wir Antiimperialismus von dem Standpunkt aus betrachten: Wie stärkt er die Arbeiter:innenklasse? Nicht von irgendwelchen langweiligen, internationalen Rechtsordnungen aus. Erfolgreiche nationale Befreiungskämpfe können dem imperialistischen Weltsystem schaden und sind insofern zu unterstützen. Natürlich müssen auch die nationalen Befreiungskämpfe analysiert werden. Die Ukraine hat genauso wie Taiwan ein Recht auf Selbstbestimmung, doch dieses Recht wird primär von westlicher Seite genutzt, um Machtverschiebungen zu organisieren. Solchen nationalen Befreiungsbewegungen, welche von den führenden imperialistischen Machtblöcken militärisch und ideologisch vorangetrieben werden, sollten wir nicht unterstützten. Aber sie auch nicht auf dieselbe Ebene stellen, wie die echten imperialistischen Mächte. Die USA, Russland und die NATO sind unsere imperialistischen Gegenspieler nicht die Ukraine oder Taiwan.
Ein schwächeres imperialistisches Weltsystem bedeutet immer auch bessere Kampfbedingungen für die Arbeiter:innenklasse. Der springende Punkt ist jedoch, dass bessere Bedingungen nicht automatisch zu Siegen führen. Innerhalb der revolutionären Linken kursierte nach 1945 die Vorstellung solch eines Automatismus: Wenn die Kolonien nationale Unabhängigkeit erreichen, dann nur durch den Sieg der Arbeiter:innenklasse und damit kommen wir quasi naturwüchsig vom Antiimperialismus zum Sozialismus.
Diese Ideen stellten sich historisch als Unsinn heraus. Einer der Gründer der internationalen Strömung von Linkswende, Tony Cliff, analysierte die nationalen Befreiungsbewegungen nach 1945 mit dem sperrigen Begriff der „umgelenkten permanenten Revolution“. Er reflektierte die Erfahrung, dass es in China, Kuba oder Algerien eben nicht die Arbeiter:innenklasse war, welche die nationale Befreiung erkämpfte. Viel eher war es ein Bündnis aus Intelligenzija und Landbevölkerung mit Beteiligung der Arbeiter:innenklasse. Die entstehenden Regimes wurden dadurch zwar unabhängig, aber mit einer Selbstbefreiung der Arbeiter:innenklasse hatten diese Revolutionen nichts zu tun. Darum war es auch wenig überraschend, dass die ehemaligen Antiimperialisten zu Staatsmännern wurden, die selber ausbeuterische Regime errichteten.
Dieses Scheitern der Linken war einer der Gründe, warum im Nahen Osten islamistische Kräfte nach der iranischen Revolution 1979 eine stärkere Rolle einnehmen konnten. Die Bauernklasse ist für den Islamismus jedoch sekundär. Sie wird von der kapitalistischen Entwicklung aufgefressen. Beim Islamismus ist es eher ein Bündnis von Intelligenzija und lokalen Kleinbürgern, die durch ihre religiös gefärbte Sozialpolitik Teile der Arbeiter:innenklasse für sich gewinnen konnten. Wie bereits festgestellt wurde, hängt die Unterstützung für nationale Befreiung nicht davon ab, wer diese anführt.
Trotzdem ist es für Marxist:innen relevant, sich zu fragen, wie die Arbeiter:innenklasse die Führung nationaler Befreiungsbewegungen übernehmen kann. Tony Cliff sprach von „der bedingungslosen, aber nicht unkritischen Solidarität“ gegenüber nationalen Bewegungen. Nicht unkritisch bedeutet in diesem Kontext vor allem, antiimperialistische Kräfte nicht sozialistisch anzumalen, wenn sie es nicht sind. Man denke beispielsweise an die Hisbollah im Libanon, die einerseits Widerstand gegen Imperialismus leistet, andererseits revolutionäre Bewegungen in Syrien oder dem Libanon militärisch niederschlägt.
Antiimperialismus im 21. Jahrhundert
Für uns muss es bei Antiimperialismus darum gehen, ihn auf die Arbeiter:innenklasse zu fokussieren. Das bedeutet kein Vertrauen in bewaffnete Gruppen, aber auch kein Vertrauen in internationale Institutionen. Durch die Generalstreiks in Italien und Griechenland gegen den israelischen Genozid hat die Arbeiter:innenklasse wieder die globale Bühne betreten. Nicht nur, dass beide Streiks durch das Engagement von links-revolutionären Organisationen entscheidend vorangetrieben wurden. Das Potenzial für eine Rückkehr einer sozialistischen Massenbewegung der Arbeiter:innenklasse ist gigantisch. In Österreich heißt das auch, dass wir darum kämpfen müssen, dass der ÖGB die Forderungen nach Boykott und Sanktionen (BDS) gegen Israel unterstützt.
Abgesehen von diesen Chancen stehen wir jedoch auch vor der vertrackten Situation, dass wir nicht mehr in einer unipolaren Weltordnung leben. Seit den Niederlagen in Afghanistan und Irak erleben wir den langsamen Zusammenbruch der globalen US-Hegemonie. Darum ist es heutzutage verkürzt, Antiimperialismus nur durch die palästinensische – oder eine andere Befreiungsbewegungs-Brille zu betrachten.
Objektiv betrachtet steckt im Ukrainekrieg ein viel gefährlicheres Eskalationspotenzial als im israelischen Genozid. In der Ukraine findet ein inter-imperialistischer Konflikt zwischen den USA als noch führender Weltmacht und Russland als absteigender Macht statt. Beide Kräfte besitzen Nuklearwaffen, wodurch die Auslöschung der Welt objektiv möglich erscheint. Abgesehen davon führt der chinesische Aufstieg zu einer globalen Machtverschiebung, wie wir sie seit 1945 nicht mehr erlebt haben. Zu allem Überfluss führt auch der Klimawandel zu massiven imperialistischen Verschiebungen – man denke an den Wettlauf um neue Ressourcen oder an Seefahrtsrouten die frei werden, weil die Polkappen abschmelzen.
Solidarität mit nationalen Befreiungsbewegungen ist die erste Grundbedingung, um dem imperialistischen Weltsystem zu schaden. Unser Antiimperialismus darf hierbei jedoch nicht stehen bleiben. Der Kampf gegen alle Grenzen, welche im Zentrum des Weltsystems errichtet werden, um die globale Elendspopulation draußen zu halten, ist eine zentrale Aufgabe. Wir müssen es feiern und unterstützen, wenn es Flüchtlingen gelingt, illegal die Festung Europa zu stürmen.
Wir dürfen aber auch nicht übersehen, dass die Angst vor einem Dritten Weltkrieg keine Schwarzmalerei ist. Der Westen steigt ab – China auf – subimperialistische Player changieren zwischen den beiden Weltmächten. In Europa wird mit der massivsten Aufrüstung seit 1945 auf die veränderte Situation reagiert. Wie auch 1941 warnt ein mediales Dauerfeuer vor einem angeblich kurz bevorstehenden russischen Angriffskrieg.
Wir stehen für einen Weltkrieg auf der verbrennenden Erde nicht bereit. Wir haben nichts mit unseren Herrschern gemein. Wenn sie Krieg wollen, sollen sie selber in den Ring steigen. Wir müssen die ideologische Desintegration von immer mehr Menschen gegenüber dem liberalen Establishment unterstützen. Dabei nicht vergessen, dass die einzige Möglichkeit, den herrschenden Wahnsinn zu beenden, die kollektive Aktion von Arbeiter:innen und Unterdrückten ist.
