Russischer Stellvertreterkrieg verschlimmert Qualen in Syrien

Zehntausende Menschen aus der syrischen Region Aleppo sind vor den Regierungstruppen und ihren Verbündeten auf der Flucht. Die Interessen der Regional- und Supermächte lassen die Spirale der militärischen Gewalt immer schneller drehen.
10. Februar 2016 |

Auf einem Treffen in Manchester vergangene Woche hörte ich einem syrischen Flüchtling zu, der sein Leid und das seiner Familie beschrieb. Es war herzzerreißend. Im Wesentlichen könnte dieselbe Geschichte von Millionen erzählt werden, und ihre Zahl erhöht sich täglich.

Die Streitkräfte des syrischen Diktators Baschar al-Assad beginnen gegenwärtig eine Offensive gegen die größte Stadt des Landes, Aleppo. Zehntausende Zivilisten flüchten aus der Provinz Aleppo zur Grenze an der Türkei, die ihnen die Einreise verweigert. Das Blutvergießen hat die kurzen Friedensgespräche in der letzten Woche in Genf beendet.

Eingekesselt

Das Foreign Policy Magazine meldete: „Die russischen Luftstreitkräfte ermöglichten Assad und seinen verbündeten paramilitärischen Truppen den schmalen, von Rebellen kontrollierten ‚Azaz-Korridor‘ abzuschneiden, der die türkische Grenze mit der Stadt Aleppo verbindet. Die völlige Einkesselung der Stadt ist eine reale Möglichkeit. Regierungstruppen und schiitische Kämpfer rücken vom Süden, Westen und Norden vor. Sollten die von den Rebellen kontrollierten Teile der Stadt fallen, wäre das ein dramatischer Sieg für Assad und der größte Rückschlag für die Rebellion seit dem Beginn des Aufstands 2011.“

Der russische Präsident Wladimir Putin unterstützt Assad nicht bedingungslos. Die Financial Times berichtete unlängst, dass Putin letztes Jahr den Chef des Militärgeheimdienstes Igor Sergun zu Gesprächen mit Assad schickte. Er richtete ihm aus, er müsste als Teil einer möglichen Friedensvereinbarung zurücktreten.

In einer Wendung würdig eines John le Carré-Romans wurde Anfang Jänner Serguns Tod bekannt. Was auch immer dahintersteckt – Assad weigerte sich zurückzutreten. Die Financial Times schrieb: „Im Umgang mit dem Kreml hat Assad eine Strategie entwickelt, eine ausländische Macht gegen eine andere auszuspielen. Sein Trumpf war in diesem Fall der Iran. Russland ist seit Monaten besorgt über den wachsenden Einfluss Teherans auf Kosten seiner eigenen Position.“

Putin: Um mich könnt ihr nicht herum

Seither sieht es so aus, als hätte sich Putin entschieden, aus der Not eine Tugend zu machen und die russische Luftwaffe einzusetzen und die Waage zu Gunsten Assads umzuschwenken. Die Allianz zwischen Russland und Syrien geht bis in die 1940er-Jahre zurück und sichert Russland den Zugang zu wichtigen Stützpunkten im Mittleren Osten. Putin will ganz offensichtlich daran festhalten.

Die Tragödie des syrischen Volkes ist, dass ihr Land zum Schlachtfeld eines Stellvertreterkriegs geworden ist.

Immerhin unterstreicht Serguns Besuch in Damaskus eines, wie Dmitri Trenin vom Moskauer Carnegie-Zentrum meinte: „Für Putin bedeutete die Intervention in Syrien nie Assad an der Macht zu halten, sondern es ging darum, den Amerikanern die Schlüsselrolle Russlands in der Beilegung dieses Konflikts verstehen zu geben.“

Mit anderen Worten: Die Tragödie des syrischen Volkes ist, dass ihr Land zum Schlachtfeld eines Stellvertreterkriegs geworden ist. Dieser Krieg wird nicht nur zwischen den Regionalmächten Iran, Saudi Arabien und der Türkei geführt, sondern auch zwischen den Vereinigten Staaten und Russland, den zwei noch immer größten nuklearen Supermächten.

Obamas NATO-Provokationen

Und Washington spielt das gleiche Spiel, nicht nur im Mittleren Osten. Vergangene Woche berichtete die New York Times: „Präsident Obama beabsichtigt, die Stationierung von schweren Waffen, gepanzerten Fahrzeugen und weiterer Ausrüstung in NATO-Ländern in Zentral- und Osteuropa beträchtlich zu erhöhen. Dieser Schritt zielte laut Regierungsvertretern darauf ab, Russland vor weiteren Aggressionen in der Regierung abzuhalten.“

Die Obama-Administration plant, das Militärbudget für Europa mehr als zu vervierfachen und auf 3,4 Milliarden Dollar zu erhöhen. Die Truppenstationierung in Ländern wie Ungarn, Rumänien und den baltischen Staaten würde es der NATO erlauben, eine voll gepanzerte Kampfbrigade in der Region aufzustellen. Dies könnte eine Vereinbarung zwischen der NATO und Russland von 1997 brechen, keine großen Truppenverbände in unmittelbarer Nähe zur Grenze zu stationieren.

Weitere Eskalation

Russland, das hart von den wirtschaftlichen Sanktionen des Westens und dem Verfall des Rohölpreises getroffen wurde, ist – anders als während des Kalten Krieges – zu schwach, es auf globaler Ebene mit den USA aufzunehmen. Aber die Befriedung Europas in den 1990er-Jahren scheint sich ins Gegenteil zu verkehren.

Syrien: Die tiefen Wurzeln der Katastrophe

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Mittlerweile eskaliert der heiße Krieg. Foreign Policy prognostiziert, dass die Assad-Offensive sowohl den „Islamischen Staat“ als auch die kurdischen Kräfte stärken wird, die bereits maßgebliche Gebiete entlang der syrisch-türkischen Grenze kontrollieren. Weitere Erfolge der Kurden könnten eine Militärintervention der Türkei hervorrufen. Die Qualen Syriens sind alles andere als vorbei.

Artikel ist zuerst auf www.socialistworker.co.uk erschienen. Übersetzung von David Albrich.
Der Verfasser/die Verfasserin hat den Artikel mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt.